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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Ho. 15 DIEl^ELT •21 wie er sie überall suchte und nirgends fand. Aus seinen Tiefen sprach zu ihm seine Seele, und er verstand sie nicht. Manchmal rief sie mit den Tönen des heulenden Windes, der in finsterer Nacht klagte und weinte, oder mit den fernen, kreischenden Rufen der Eule die irgendwo, in der Weite oder vielleicht in der nächsten Nähe ein heiseres Stöhnen ausstieß, als ob eine Welt in ihr weinte. Manchmal zirpte die Grille am Ofen im Winter, wenn er in einer Hütte lag und mit offenen Augen in die weiße Nacht hinaushorchte, und er hörte im Zirpen die Töne seiner Seele. Und im Sommer, in den heißen, glühenden Mittagsstunden, als alles schlummerte, hörte sein Ohr ein Surren und ein leises Klingen, wie von dünnen, zarten, befiederten Flügeln — und es war seine Seele, die in ihm sang, so leise, so träumerisch. Wovon sang sie? Er wußte es nicht. In seinen großen, weitgeöffneten Augen, die in die Sonne schauen konnten, ohne zu zucken, war eine ferne Welt abgespiegelt, und er sah und wußte nicht, was er sah. Er hörte die Stimme seiner Seele, aber er verstand nicht ihre Laute, nur eines verstand er, daß sie ihn gehen hieß, weiter, immer weiter. Und er ging. Nichts hielt ihn zurück, denn er hatte niemanden in der Welt. Sein Vater starb schon lange, lange her. Er hat ihn nie gekannt. Und auch seine Mutter, die eine kleine, arme Frau war und in einem der Städtchen im karpathischen Gebirge Fische und Obst verkaufte, war schon tot. . . Kein Troststrahl der Erinnerung leuchtete ihm aus seiner Kindheit entgegen. Er war armer Eltern Kind und keines von den glänzenden, hervorragenden. Die Thora zog nicht sein Herz, und er konnte nur mit Mühe in die Geheimnisse des Talmuds und der scharfen Erklärer eindringen. Er hatte darum auch keine Gönner. Auch seine Mutter weinte sich ihre Augen aus wegen ihres ungeratenen Kindes. Nur eines liebte er, — den Sohar. Er verstand nicht die Worte, er konnte ihn kaum lesen. Aber er hörte mit Erbeben und Angst und tiefem Bangen diese seltsam klingenden Worte. Manchmal versammelten sich des Abends, in später Stunde in der Betstube einige arme, zerlumpte Juden, meist Nichtstuer und Bettler. Einer von ihnen, ein starker, breitschultriger Mann mit roten Haaren und gelben Augen, die unter den flammendroten Augenbrauen hervorguckten, wie die gelbe Flamme der langen, starken, goldgelben Wachskerzen, die um das Haupt der Toten stehen, wenn diese ihre letzten Stunden auf dieser Erde verweilen, um dann für immer zu verschwinden. In seinem Auge war Haß und Trotz und Grimm, aber in dem Schatten seiner langen, gelben Wimpern lagen die Schatten einer Welt, die nie gewesen, die keiner je gesehen. . . Chone der Rote, hieß er, und böse Zungen sagten, er stamme von jenen roten Juden, von den „Bnei-Mosche", die jenseits des Stromes Sambation wohnen. Chone, dessen Erwerb darin bestand, daß er für Tote, die kinderlos gestorben sind, Kadisch sagte, am Totenbette „Mischnajos" lernte und „Maawrer Jabuk" sagte, lebte so intim mit dem Tode, daß er ihn und das Leben und alles, was auf der Erde lebte, verachtete und haßte. Er haßte auch die frommen, Juden und ihr Heiligtum. Nur eines liebte er mit der ganzen Glut' seiner roten Seele, — die Geheimnisse der Kabbala. Und wenn er in einsamer, finsterer, langer Nacht allein neben einem Toten saß, neben den Kerzen, die auf das schwarze Tuch des Toten einen trüben, rätselhaften, gestaltenreichen Schatten warfen, dann sagte er mit lauter Stimme sich selbst Stellen aus dem Sohar vor, von dem Lichte und der Herrlichkeit der Welt von oben, der Schönheit und glänzenden Fröhlichkeit der Schechina. „Und es sitzen dort die Frommen, ihre Kronen auf denHäuptern, und genießen denSchein derSchechina." Und die Schechina erschien ihm, dem Asketen, der eine Lava von Sinnenglut in sich barg, wie eine weiße Jungfrau, deren Schönheit alle Himmel durchleuchtet. In ihrer nackten Schönheit stand sie las er in dem Sohar ----- dort oben vor den Frommen, vor den Auserlesenen, und in den Strahlen ihres blinkenden Marmorschimmers badeten deren verzückten Augen. Und noch andere Geschichten las Chone der Rote. Vieles behielt er für sich, — es war die Kabbala der Tat. Er verstand sich auf die Kunst, Wein aus der Wand zu zapfen, — sagte man oft, und er schwieg bedeutungsvoll dazu. Er hatte oft auch, wie man munkelte, mit den Schratten zu tun. Aber viele Geschichten, die er in den Totennächten überdacht und mit eigener Dichtung geschmückt, erzählte er dann einer kleinen Gemeinde von Zuhörern, meist unglücklichen, armen, nichtsnutzigen Juden, die sich im Bethaus häuslich eingerichtet haben. Einer dieser Hörer war auch Jisroel, als er noch ein Kind war. Lange, lange Stunden lauschte er den Erzählungen des roten Chone, der in heiserem Tone gleichsam ein Zwiegespräch führte mit Geistern, die sein Auge sah. Und wenn in fortgeschrittener Nachtstunde in dem dunkeln Bethause, das von einem kaum glimmenden Kerzenstümpfchen beleuchtet war, das qualmte und manchmal scheinbar verlosch, sich in die Dunkelheit der Nacht verlor, um dann wieder, wie ein totkrankes, röchelndes Menschenwesen, das zwischen dem schwarzen Tod und dem blassen Leben ringt, aufzuflackern - da verwandelte sich die Stimme Chones in ein Geröchel. Er sprang plötzlich auf und begrüßte mit unverständlichen, alten Worten Männer, die er bei ihren Namen nannte und denen er scheinbar die Hand drückte. Er tastete ins Unendliche, griff nach der Leere und fiel dann erschöpft und stöhnend auf die harte Bank zurück. Er hat mit den „Sechsunddreißig" gesprochen, sagte er dann. Ein heiliges Schauern überlief die Horchenden, ein Entzücken des Grausigen, eine Wonne der Todesangst. Und der kleine Jisroel zitterte vor Furcht und sog dennoch gierig die Erzählungen des roten Chone ein. Die Sechsunddreißig, erzählte der Rote, sind die 36 Säulen der Welt. Sie sind sterblich, aber ihre Zahl muß immer dieselbe bleiben. Auf ihren Schultern ruht das ganze Weltall, durch ihr Dasein erlösen sie das Leben. Niemand kennt sie, kein Mensch weiß, wer sie sind. Durch einen Fingerdeut der Schechina sind sie gekennzeichnet. Eine Krone von Licht tragen sie auf ihren Häuptern, aber kein sterbliches Auge vermag es zu sehen. Nur die Auserkorenen, die wenigen seltenen Gerechten kennen das Geheimnis. Im gewöhnlichen Leben verstecken sie sich in den niedrigsten, verworfensten Gestalten: Manchmal sind sie Wasserträger, Holzhacker, rohe, ungeschlachte, unwissende Menschen, die jeder fromme Jude verabscheut. Sie scheinen sich um alle jüdischen Heiligtümer nicht zu kümmern, beten nie, tragen Bauernkütten und sind nur dem Namen nach Juden. Manchmal sind sie auch der Auswurf der Menschheit. Das ganze Leid und Weh der Erde tragen sie auf ihren Schultern, indem sie im Elend wandeln und im Schmutz, und über sich Schmach und Schimpf ergehen lassen. Aber nachts, wenn die ganze Erde

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