Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316202--48014-3342924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mitte, mit bleichen Wangen, die Augen zu Boden gewendet und preßte die Zähne zusammen, um das Weh zu verbeißen . . . Am Abend, als er sich niederlegen wollte, zogen die Kameraden den Strohsack unter ihm hervor und stellten ihn kerzengerade an die Wand. Dann drückten sie Dalles einen langen Besen in die Hand: „Schieß, Dalles! Aber gib acht, daß dir nichts geschieht!" Er hatte sich lange zu wehren, bis sie von ihm abließen . . . Viel mehr ist aus Dalles' Leben nicht zu erzählen. Als er den Brief an seinen Bruder schrieb, war er schon über ein Jahr Soldat. Er hatte sich an die Qualen gewöhnt wie an eine unheilbare, furchtbare Krankheit. In seiner Seele war eine dumpfe, schmerzliche Stille. . . . Er war nicht zum Haß und zur Rache geboren. Aller Schmerz blieb in ihm und wühlte in ihm, ohne daß sein Mund sich auftat zum Fluch, ohne daß seine Hand je ausholte zum Schlage. Das. Weh flackerte in seinen dunklen Augen und lag wie ein Schatten auf seiner bleichen Stirn. Der Hauptmann und die Soldaten sahen es nicht. Aber manchmal, wenn er über die Straße ging, blickte ihm irgendeiner verwundert nach. Sein abgehärmtes, bleiches Gesicht, die traurigen Augen, stachen seltsam ab von der Waffentracht. Aber das war auch alles. . . . Die Tage und Nächte gingen gleichförmig. Sein Geist wurde müde. Es war ihm oft, als wäre er nur ein Körper, der von anderen getrieben wurde. Tage kamen, wo seine Seele erwachte und wo er alle Qualen in Blut [und Hirnltausendfach fühlte. Aber das ging dann wieder vorüber, und er fiel zurück in Dumpfheit und Unempfindlichkeit..... Zwei Monate nach des Vaters 7'ode starb sein Bruder. Er erhielt die Nachricht zur Nachtzeit, als er zur Wache antrat, das Gewehr geschultert. Mit diesem Gewehre setzte er seinem Leben ein Ende. Die Soldaten in der Kaserne hörten plötzlich einen Schuß vom Hofe her. Man holte eilig aus der Wachtstube eine Laterne. Sie fanden Dalles tot, neben ihm das Gewehr, nicht weit davon die schweren Stiefel. „Tot!" sagte einer, die andern schwiegen beklommen. Der Feldwebel beugte sich über ihn: „Ein Meisterschuß!" sagte er, „mitten ins Herz!" Es war wirklich ein Meisterschuß. Die Mündung des Gewehres war gerade aufs Herz gerichtet gewesen, und das Züngel hatte Dalles mit der Fußzehe abgedrückt. Schweigend trugen die Soldaten ihn nach der Wachtstube. Der Feldwebel schickte einen Soldaten nach dem Arzte, einen zweiten mit der Dienstmeldung zum Hauptmann. Die Soldaten kehrten in die Kaserne zurück. Mit verwirrten Blicken schauten sie sich an, betroffen, verwundert. Dann sprach leise einer mit dem andern. War das der Dalles, über den sie immer gelacht hatten? Der Tote, der unten in der Wachtstube lag, wurde mit einem Mal groß für sie. Sein Bild stand vor ihnen wie das eines rätselhaften Heiligen. Sie wagten nicht, in ihrer derben Art von ihm zu reden, aber sie mußten von ihm sprechen und taten es in scheuen, seltsamen Worten. . . . DIE SECHSUNDDREISSIG Von A. CORALNIK Eine Legende, Martin Buber zugeeignet. In später Nachtstunde erhob sich Jisroel von seiner harten Bank, auf der er schlief. Er hat in den letzten Tagen dem Diener der kleinen Schul geholfen, und dieser erlaubte ihm dafür, in der Frauenabteilung des Bethauses zu schlafen. Viel hatte davon Jisroel nicht. Durch die Fensterscheiben, die an vielen Orten an Stelle von Glas Lumpen und Papier hatten, blies unbarmherzig der kalte Nachtwind, drang rückhaltlos die eisige Luft hinein. Geheizt wurde das Bethaus nicht, denn die Gemeinde war zu arm. Aber Jisroel mußte auch mit diesem Lager vorlieb nehmen. Er war erst seit einigen Tagen hier. Woher er kam, wußte niemand im Städtchen, denn er schwieg auf alle Fragen. Vielleicht wußte er es selbst nicht. Seit Jahren wanderte er von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, sich kaum Ruhe gönnend. Eine innere Bangigkeit trieb ihn, eine Sehnsucht, für die er keinen Namen wußte, peitschte ihn immer weiter. Mit großen, glotzenden Augen starrte er in die Weite, schaute er in den Himmel. Nie senkte er seinen Blick zur Erde. Und so kam es, daß er nie grüne Felder gesehen hat und die Farbe der Kornblumen, die im vollen, wogenden Saatenfelde wie blaue Äuglein schalkhaft hervorguckten, nicht gekannt hat. Und als er im Winter auf den weiten, schneebedeckten Ebenen schritt, da sah sein Auge auch nicht die unendliche, blendend weiße und eisige Färbung und Stimmung der Erde. Sein Auge schaute in den Himmel, aber nicht den Himmel und nicht den Schimmer und das azurne Lächeln der Sonne suchte er dort, erblickte er dort, sondern seine eigene Seele. Dort suchte er sie,