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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 15 DIE^I ELT 19 wieherte die Mannschaft, und selbst die eben eingerückten Rekruten, denen es im übrigen gar nicht spaßig ums Herz war, grinsten und kicherten. Am selben Vormittag schon wurde „Dalles" einexerziert. Der Korporal, der ihn unter sich hatte, trieb ihn wie ein Bärenführer über den Kasernenhof, ließ ihn springen, knien, laufen, fluchte und barst vor Lachen, während oben in den Fenstern die alte Mannschaft vor Vergnügen brüllte. Und dann kam der Hauptmann, und noch schneller als seine Kompagnie hatte er mit seinen pfiffigen Augen den possierlichen Juden entdeckt. Und indem er ihn am Rockkragen zog, um ihn gerade zu richten, indem er rechts und links an ihm zerrte, in dem vergeblichen Bemühen, aus der schlottrigen Figur etwas zu machen, prasselte eine Flut von Soldatenflüchen auf den Rekruten nieder, bis der Hauptmann endlich mit einem verächtlichen:,, So ein Dalles!" sich abwandte, um den neugefundenen Namen sofort wieder aufzugreifen und ihn, sich vor Gelächter überschlagend, zehnmal hintereinander in den Kasernenhof zu schreien. Am Abend amüsierte sich dann die Mannschaft — für ihr Teil und auf ihre Weise — auf Kosten des jüdischen Kameraden. Als er sich zu Bett legte, kehrten sie ihm die Strohmatratze um, wickelten ihn in die Decke und warfen ihn in die Luft, versuchten sich in blödem Übermut daran, ihn mit den Fäusten zu bearbeiten, gröhlten und trampelten dabei, — bis sie müde wurden. So schlimm, wie's am ersten Tage begonnen hatte, ging es weiter, — und noch schlimmer. Dalles war der Sündenbock für alle, vom Hauptmann bis zum jüngsten Soldaten. An ihm kühlte sich die üble Laune des Leutnants, die Wut des Feldwebels. Er mußte herhalten, wenn seine Kameraden kein Geld hatten oder betrunken waren. Wenn alles guter Laune wrar, dann war's noch ärger. Dann machten sie ihn zum Narren und trieben mit ihm den ödesten Schabernack, den die rohe Laune des Soldatenlebens im Frieden ersinnen kann. Und was sonst noch drum und dran war: die schmutzigsten Arbeiten bürdete man ihm auf; wenn etwas geschah und der Täter nicht zu finden war, schob man ohne weiteres die Schuld Dalles zu. Vergebens waren die Beteuerungen seiner Unschuld: wenn er die Schuld nicht gestand, war es doch nicht schwer, ihn büßen zu lassen. HERMANN STRUCK: AN DER KLAGEMAUER Am schlimmsten aber wurde es, als die Soldaten mit den Schießübungen anfingen. Acht Wochen nach dem pienstantritt wurden die Soldaten aufs Exerzierfeld geführt, die „Schreckschüsse" abzugeben. Dalles' Auge war scharf, und seine Hand war sicher. Als die Reihe an ihn kam, seine Schüsse abzugeben, ging er festen Schrittes an den Stand. Dort aber empfing ihn der Feldwebel mit einer Grimasse und der Hauptmann mit Qelächter: „Ah, Dalles! Na, schreib' mal dein Testament! Heut geht's zum Tode!" Die Soldaten wieherten. Dalles lud sein Gewehr, „Nur keine Angst, Dalles," schrie der Hauptmann, „es geht nicht nach rückwärts los!" Die Soldaten krümmten sich vor Lachen. Dalles legte an. Die Scheibe stand ganz nahe, eine große Scheibe mit breiten blauen und schwarzen Ringen. Dalles wußte, wohin er zu zielen hatte, — auf den untern Rand des Mittelringes. Er hatte das Ziel richtig erfaßt. In dem Augenblick aber, da er abdrücken wollte, drang an sein Ohr ein Kichern und Flüstern. Seine Hand zuckte. Ihm war, als ob unzählige kleine Schlangen an ihm emporkröchen und ihn umschlängen. Eine Glut stieg in ihm auf und bedeckte sein Gesicht mit flammender Röte. Das Gewehr in seiner Hand fing an zu zittern; es schienihm, als schlüge es in rasendem Tempo auf und nieder. Die Ringe auf der Scheibe begannen sich plötzlich vor seinen Augen zu drehen, mit ungeheurer Schnelligkeit, die Farben verschwammen ineinander, und er sah nichts als eine große, graue Fläche, auf der Millionen Pünktchen durcheinanderwirbelten ... Er schloß die Augen ... „Na, mal los!" brüllte der Hauptmann. Dalles drückte los, mechanisch, aufs Geratewohl. Wreit weg von der Scheibe fiel das Geschoß ins freie Feld. Ein leichtes Staubwölkchen stieg auf. Über der Schießscheibe erschien das Zeichen „Fehlschuß". „Vielleicht willst du lieber ein Loch in den Himmel schießen!" donnerte der Hauptmann. Die Soldaten jauchzten . . . Auch der zweite und dritte Schußgingen ins Blaue, hoch übers.Ziel hinaus. Der Hauptmann fluchte. Dalles trat ab. Er wollte aufschreien vor Wut, vor Schande und Ohnmacht. Das Weh preßte ihm das Herz zusammen wie mit einer Zange, legte sich wie ein Stein auf seine Brust und schnürte ihm die Kehle zu. Heiß stieg ihm der Schmerz in die Augen und brannte ihn wie Feuer . . . Auf dem Rückweg nach der Kaserne sangen die Soldaten lustige Lieder. Dalles ging in ihrer

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