Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1?M 1 IM 18 DIE3EEELT No. 15 W0-^^ lp|f mm Ii > ir;- V ip£ K $1$ 1:1 r ^" "<■ fei ^s. t$; DALLES Von BERTHOLD FEIWEL Eigentlich sollte diese Geschichte heißen: „Wie Dalles ein Meisterschütz wurde/' Aber das wäre vielleicht schon ein zu anspruchsvoller Titel. Denn, was gibt es zu erzählen? Klein und unbedeutend sind die Geschehnisse in Dalles' Leben. Und es ist wahrhaftig gleichgiltig, wann sich das ereignete, wovon wir erzählen werden, ob vor langen Jahren, ob gestern, und ob das zu Mühlheim an der Elbe war oder zu Bruck an der Leitha ... Sicherlich, kein Mensch würde seiner gedenken, wenn nicht sein Sterben so seltsam gewesen wäre. Sein Leben aber? Ein Stöhnen war es in der Finsternis, das keiner gehört hat. Ein stiller, tiefer Seufzer, wie das letzte Wehklagen eines Zweiges, den der Nachtsturm zerbricht. Es dröhnt, es braust, es donnert und kracht im Walde, ein furchtbares Lied heult der Sturm, -- wer vermöchte da aus dem brausenden Getöse von den zehntausendfältigen Stimmen die kleinen herauszuhören und die allerkleinsten? Anders aber war sein Sterben. In der letzten Stunde, als er sein Leben von sich warf, da machte er es mit einem Male unendlich größer. In der Nacht, da Dalles erfahren hatte, daß er seinen Vater verloren hatte, in dieser Nacht saß er an dem wackeligen, schmutzigen Tisch in der Wachstube und schrieb an seinen Bruder. Die kleine Wachstube war überheizt. Die Eisenplatten des Ofens waren zum Zerspringen durchglüht vom Feuer, und der heiße Dunst zog träge durch die Stube, legte sich auf die angefrorenen Fensterscheiben und entschlüpfte durch Löcher und Luken. Mit dem Dunst vermischte sich der üble Geruch einer schlechtbrennenden Lampe, die kaum den Tisch beleuchtete. Von draußen klang der feste Schritt des Wachpostens herein, den Dalles in einer Stunde abzulösen hatte. Aus einer Ecke der Stube drang ein gurgelndes Schnarchen. Dort lag auf der Holzpritsche ein alter Unteroffizier. Dalles schrieb seinen Brief auf die Rückseite eines Wachrapportformulars. Er schrieb, den Kopf in die Linke gestützt, hastig und ohne innezuhalten: „Lieber Bruder! Du weißt, wie sehr ich unsern Vater geliebt habe. Aber ich habe nicht weinen können. Du wirst mich gewiß zum Begräbnis erwarten. Sicherlich hätte jeder andere Soldat Urlaub bekommen. Aber ich! Als ich vor dem Hauptmann stand, hab' ich kein Wort herausbringen können. Er hat mich von oben bis unten gemustert, meine Knöpfe waren ihm nicht sauber genug, und er hat mich wegen Unordentlichkeit bestrafen lassen . . . Vielleicht ist es besser, — Gott verzeihe mir's! — daß der Vater gestorben ist. Sechzig Jahre der Armut und der Not, — und gar seit die Mutter tot ist! Und wenn er noch gewußt hätte, wie's mir geht! Ich kann dir das nicht sagen. Ich wundere mich selbst, woher ich die Kraft nehme, das alles zu ertragen. Danke Gott, daß du schwach bist und daß sie dich nicht zum Militär genommen haben! Jetzt aber sollst du für deine Gesundheit sorgen. Mehr kann ich dir heute nicht schreiben, ich muß auf die Wache. Dein Bruder Jakob." Diesen Brief steckte Dalles |in!ein großes Kuvert, schrieb, einen schnellen Blick auf den13 Unteroffizier in der Ecke werfend, rasch in großer Schrift die Adresse und schob dann den Brief unter den Waffenrock. Dann saß er lange da, unbeweglich, den Kopf in die Hände vergraben . . . Der Unteroffizier erwachte. Er rekelte sich, warf sich einigemal von einer Seite auf die andere, stöhnte, brummte und spuckte aus, dann rieb er sich die geröteten Augen und stellte sich auf die Beine. Mit unwirschen Worten, die Augen nur halb öffnend, befahl er Dalles, zur Wachablösung anzutreten . . . Draußen war eine schneidende Kälte. Vom Dachrande des ebenerdigen Kasernenbaties hingen lange, grobe Eiszapfen herab. Die Erde war festgefroren. Dalles ging schwanken Schrittes auf und nieder; fünfzig Schritt vor, fünfzig Schritt zurück. In der starren Einsamkeit der Nacht hörte sein Gehirn auf zu arbeiten, die Kälte umklammerte ihn. Das Herz tat ihm weh. Es war ihm, als steche ihn die Kälte mit tausend Nadeln, und die eisigen Nadelstiche quälten ihn mit rastloser Grausamkeit. Er glaubte, er müsse umfallen, wie ein Klotz, aber die Kälte ließ ihn nicht Halt machen, auf, nieder, eine Stunde, zwei Stunden, bis die Ablösung kam . . . Den Namen „Dalles" erhielt Jakob Hirsch schon am ersten Tage, da er als Rekrut die Kaserne betrat. Und von da ab nannte ihn auch keiner mehr anders. Sogar als man seinen Tod melden kam, sagte man nicht: „Jakob Hirsch ist tot!" sondern: „Dalles ist tot!" . . . Sein Hauptmann hatte ihm den Namen gegeben. Das war ein vierschrötiger Kasernendachs, der derb ins Zeug ging. Warum er ihn gerade „Dalles" genannt hatte? Jakob Hirsch war der erste und einzige Jude in seiner Kompagnie. Und irgendwie, irgendwo hatte der Hauptmann das jüdische Wort „Dalles" gehört, das ihm ungeheuer komisch vorkam. Vielleicht war der Hauptmann kein böser Mensch. Er wäre nie auf den Einfall gekommen, seine Soldaten mit der flachen Klinge zu behandeln. Er erlaubte ihnen auch gerne allerhand Soldatenunsinn im Kasernenhof und auf dem Manöverfeld. Vielleicht waren auch die Soldaten keine schlechten Menschen. Vielleicht hat keiner von ihnen „Dalles" gehaßt. Aber — ob sie's nun aus Kurzweil, Mutwillen oder törichter Bosheit taten, — es kam so, daß sie alle zusammen „Dalles" vom ersten bis zum letzten Tage so mitleidslos peinigten, wie sie gewiß als törichte Kinder nicht einmal ein armseliges Tierchen, einen Frosch oder einen Maikäfer gepeinigt hatten. Als „Dalles" zum Kasernendienst „einrückte", ging es^sofort los. Man gab ihm eine Montur, daß er wie ein Jahrmarktsgaukler aussah: der Waffenrock war zu kurz, die Beinkleider waren zu breit und legten sich in zahllose unförmige Falten. Dann stülpte man ihm eine Kappe auf, die ihm über die Ohren rutschte, und zum Schluß warf man über ihn, wie über einen Kleiderstock, einen alten, zerschlissenen Mantel, der ihm die Brust zusammenpreßte, wenn er ihn zuknöpfte. Die anderen Rekruten hatten Uniformen bekommen, die leidlich aufs Maß gingen. „Dalles" aber ließ man kein Wort reden. Der Unteroifizier hatte schnell erkannt, daß man ihm da ein gutes Spielzeug zugeschickt hatte. Bei jedem neuen Monturstück, das den grotesken Aufzug des jungen Juden noch um eine komische Niiance bereicherte,