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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 15 DIE^ELT 17 nicht, was ich sprach. Ich geh' nun weg, — glaub mir, ich ehre und achte dich mehr, als ich je sagen kann. — Denke nicht mit Bitterkeit meiner, halte von mir wie früher! — Gebe Gott, daß ich auch so sein könnte wie du, — aber was kann ich jetzt noch tun? Alles ist vorbei, es ist geschehen. Leb' wohl! Was ich noch sagen wollte. — Nee, — ich hab' nichts mehr zu sagen. — Warum zitterst du jetzt? Guter, bester Onkel, du bist gut zu mir gewesen, — gut, hörst du, — immer — ach, mach' dir jetzt nur keine Sorge, — so so — ja, das Geld soll ich mitnehmen. — Na, — adieu!" Und er wollte sich nach der Türe wenden, aber der Alte ergriff seinen Arm und sagte gebieterisch: „Nein, so lass' ich dich nicht gehn. — Komm hierher, daß ich dein Gesicht sehen kann. — Nun hab' ich noch was zu sagen, — ich durchschaue deine Pläne, ich sehe deine Feigheit in deinen Augen, — du möchtest mich gern umarmen, — zum letztenmal, — aber du wagst es nicht, um keinen Verdacht zu erwecken. — Ich erkenne dein Verlangen, von allem erlöst zu sein, aber weißt du das wohl, wenn du solches tust, dann soll dein Andenken verflucht sein, selbst deine Kinder sollen deinen Namen nur mit Widerstreben nennen, sollen sich ihres Vaters schämen, der nichts anderes, nicht mehr war als ein Mörder. Jede Erinnerung an dich werde ich aus meinem Herzen heraustrennen und denken: Deine Mutter hat keinen Sohn gehabt. Die Kammer, wo du geschlafen, die Plätze, wo du gesessen hast, werde ich fliehen, als wäre die Pest dort, die Sforim, woraus ich mit dir gelernt habe, sollen nicht mehr unter meine Augen kommen, — ich werde sie nicht mehr anfassen, weil sie ein solcher Elender angefaßt hat. — Dein Name wird ein Greuel sein in meinen Ohren, und in meiner Tefilah soll seiner nie gedacht werden. — Für mich soll es sein, als ob du nie gelebt hättest. Voll ist die Welt des Weinens um die Gestorbenen, wer wird dich beweinen? Wie eine Mißgeburt, um die niemand trauert, wirst du hingegangen sein, — deinen Platz im All, in dem Weltenplan sollst du bis in alle Ewigkeit hinein nicht mehr kennen!" Zitternd, vernichtet stand der Junge nun vor dem alten Manne, der, mit dem Zorne eines alten Sehers in seiner Sprache der Bibel, die all sein lebelang um ihn und in ihm gewesen war, geredet hatte. Aber jetzt besänftigten sich die Züge des Greises, und sanft fuhr er fort: „Komm zur Einkehr, mein Kind, ich hab' dich ja so lieb, folg' meinem Rate, und siehe, Gott wird dir weiter helfen. — Entsage dem törichten Trotze; das, was dir jetzt passiert, ist so oft geschehn! — Die Menschen werden dich verächtlich ansehn. -— Laß sie das tun! — Sie sind dann die Geringeren. Du wirst dann zu dir selbst sagen: ich werde stark sein, und ich werde das alles geduldig tragen, bis ich meinen Fehler, soviel als möglich, wieder gut gemacht habe. Sieh, ich hab' so'n Plänchen: Wenn die Sachen in Paris so weit sind, komm dann mit deiner Frau und den Kindern zu mir, und du richtest dir mit meinem übriggebliebenen Gelde hier in Amsterdam ein neues Geschäft ein. Das ist aiich besser, in dem guten, alten Amsterdam, da hättest du nie weggehen sollen. — Und wir bleiben beieinander, — und wenn meine Stunde naht, dann hab' ich euch bei mir, — davor war mir schon immer etwas bange, auch wenn ich nie etwas gesagt habe. — So kommt alles noch in Ordnung, siehst du?" Schwer atemholend starrte der junge Mann vor sich hin, dann ergriff er plötzlich den Kopf seines Onkels mit beiden Händen und küßte ihn leidenschaftlich auf die Stirn. Der Alte machte sich lächelnd los und sagte zufrieden: „So, Junge, nun bist'e wieder der alte, sind die Grillen nun weg?" „Ach weg, — ja! Weg, — o du mein Gott'/' — stöhnte er in wieder aufsteigendem Wehgefühl, — und dann: „Aber ich dank' dir, — dank1 dir, ich kann dir nie genug dafür danken." „Ich weiß es, ich kenne dich besser, als du dich selbst." „Also, du glaubst noch an mich, — und du tust es nicht allein aus Mitleid, — und du verachtest mich nicht?" „Nein, mein Junge, wenn ich nun noch jemanden einer Verirrung oder auch selbst eines Verbrechens wegen verachten würde, dann wäre mein Leben verfehlt, dann würde es besser sein, ich hätte nie gelebt. — Aber sprich, wenn du dich jetzt ruhig genug fühlst, und du willst heute nacht noch zurück, dann kannst du wohl jetzt gehen?" „Ja, Onkel, ich muß so schnell wie möglich, — o, das ist so schrecklich, alle die Menschen, — die Gesichter, — wenn es nur erst vorbei wär\ — wenn es nur erst vorbei wär'." „Mut, Junge, Mut!" Dann schieden sie mit einem Händedrucke. Der Alte gab ihm bis an die Korridortür das Geleit, kehrte dann in sein Gemach zurück, setzte sich wieder an den Tisch, unter die Lampe. In schweren Gedanken vergingen für ihn die Stunden der Nacht, — er hatte ein Menschenleben geredet. — Nun sollte er ihn immer um sich haben. — Wohl war es etwas hinderlich, einen alten Mann im Haus, — aber er würde sein Bestes tun, ihnen so wenig als möglich zur Last zu fallen, — doch — jeden Tag wurde er um ein bißchen älter, und es wär' nicht angenehm, zu sehen, daß du den Menschen lästig bist. - Aber, was hilft's? da ließ sich nun einmal nichts dran machen. — Das alte Leben muß vordem jungen weichen. — Ein Geschlecht geht, und das andere kommt, wenn er nur bis zum Ende seinen Verstand behielte, — denn kindisch zu sein, und von anderen abzuhängen! — Eben schnurrte die Wanduhr heiser, schlug dann durchdringend die zweite Stunde an. Der Alte fuhr sich über die Stirn, öffnete wieder das Buch und fing an zu lesen. Die Stille schien sich nun noch vertieft zu haben, da die Nacht sich schwer auf das hastende Leben dort draußen herniedergesenkt hatte. Hier jedoch wachte die Vergangenheit, umhüllet mit dem Schimmer der Ewigkeit. Das Licht glitzerte über den Gegenständen, die leise unter seiner Bestrahlung erglimmten. Rings umher, an den Mauern, standen Schatten gleich Wachposten unbeweglich still. 3

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