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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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ilpff ^;jp «I ""Ii© ife — Ii! i<'ä ^IK* mmm >|f i;r 16 ÖIEE^EE LT No. 15 T- Iii f , jj* •*4\ i 1;.* . 3j t'Jtv „Für mich gesorgt!?" — „Um Gotteswillen, Onkel, sei still, frage nicht mehr, — es ist alles gut so. — Es ist recht. — Hier hab' ich's mitgebracht, — ich hielt es so für besser. — Hier — da ist es —" Hastig holte er ein Paket aus der Brusttasche seines Rockes, stand auf, legte es auf den Tisch, lief wieder zurück, wie taumelnd unter der schweren Last seiner Gedanken, und sank wie gelähmt wieder in seinen Stuhl, indem er es vermied, seinen Onkel anzuschauen, in Angst vor dem, was er nun hören würde. Der Alte starrte entsetzt auf das papierne Päckchen, das in brutaler Weiße unter der Lampe glänzte und in dem Traumleben des Zimmers wie eine Störung erschien. Mit einer fast unwillkürlichen Bewegung entfernte er es von dem Buche, in dem er gelesen hatte: „Das ist Geld, das ist Geld," — sagte er stammelnd, „den anderen Gläubigern gestohlen." „Höf auf, Onkel, hör' auf, du weißt das nicht, du brauchst das nicht zu wissen. — Morgen bin ich erst bankrott, — denk' nicht zu weit, — ich tu' das —" „Ruhig, Jakob, ruhig, — komm nicht als ein Versucher zu mir, — das Geld, nimm's weg, sofort, nimm's weg —" , „Hör' nur, Onkel, ruhig zu, und dann entschließ' dich. Wenn du es nicht nimmst, dann geh' ich als ein Verzweifelnder aus deinem Hause, dann wird der Gedanke mich verfolgen, daß ich dich, meinen Wohltäter, arm gemacht habe, — daß ich zu allen Zeiten vor mir selbst als ein Verdammter dastehen werde, — dann will ich nicht mehr leben! — Lade nicht dieses noch auf mich, daß ich Unglück über dich gebracht habe, — lade das nicht selbst auf dich, — denn den Gedanken kann ich nicht vertragen, bedenke das wohl. — Ich drohe nicht, — aber ich sag' es, wie es ist." — „Du weißt nicht, was du sagst, — wenn ich durch dieses Geld vor großer Armut gewahrt * bliebe, dann darfst du dir gewiß nicht schmeicheln, daß du dies bewerkstelligt hast, sondern die Menschen, denen es zukam, haben es dann getan, und selbst diese würden damit keine gute Tat verrichten, denn sie haben die Tat nicht gewollt, — im Gegenteil sie würden mich verfluchen, falls sie es wüßten. Die Folgen würden dann sein: wir beide werden Schurken von der niedrigsten Sorte, und du erwirbst dir mit deiner scheinbaren Wohltat keine Genugtuung, denn du opferst nicht dich selbst auf, — dein Geld ist es ja gar nicht mehr, — höchstens erkaufst du dir das ewig nagende Bewußtsein, daß du nicht nur allein ein Verbrechen begangen hast, sondern auch noch einen andern, der kurz vor seinem Ende steht, zum Mitschuldigen machtest und ein langes Leben, in dem er zum mindesten bemüht war, gut zu sein, elend und verloren werden ließest, — willst du das?" „MeinGott,meinGott, du machst mich rasend. Du bist kein Mensch. So sollte ein Mensch, der Gefühl hat, nicht sprechen. Unbarmherzig ist es! Wo soll ich nun hin? Was muß ich tun? Hast du denn gar kein Mitleid mit mir? Es ist schlecht, schlecht von dir, mir auf diese Art das Letzte wegzunehmen!— Du bist ein Egoist, ein Egoist, hörst du, der selbst gut bleiben will, auch wenn ein anderer hierdurch in den tiefsten Höllenpfuhl versinkt. — Gut, gut, was ist gut? Alles wankt und löst sich, sag' mir nun, woran ich mich klammern muß in meiner Not? — Der eine ist gut, und der andere ist schlecht, und beide aus Egoismus. — Und du sprichst mit Festigkeit und Ruhe, als ob für dich alles gewiß ist. — Ha ha, glaubst du nun wirklich, das absolut Gute zu kennen, daß du so alles wägst und prüfst und so sicher annimmst oder verwirfst. — Glaubst du wirklich, den Maßstab zu besitzen? — Und ist dies nicht der Fall, dann martere mich nicht und bleibe nicht so ruhig sitzen, um alles so still zu erledigen, als ob es dich nichts anginge." — „Ja, mein armes Kind, ich glaube das fest." Der andere zuckte plötzlich zusammen. Die Hände im Schöße krallten sich ineinander, sein Leib krümmte sich vor Schmerz. Den Alten dünkte es, als ob die Verzweiflung das Zimmer mit ihrem Geläute durchdränge, denn der matte dumpfe Klang des Wimmerns durchzitterte den Raum, wie von allen Seiten andringend. Scheu blickte er in den Oberbau, wo der grünseidene Vorhang des Schreins inSchatten zerfloß und das schwach beleuchtete Traumleben seinen Schwebegang vollführte. Die plötzlich sich aufdrängenden Gedanken überdenkend, preßte er seine Lippen aufeinander, und seine Augen vertieften sich vor den suchenden Gedanken: Es war vergebens, — wenn er auch den andern Teil seines Vermögens opferte, es würde doch nichts nützen, der Junge war nun ganz aus sich selbst, — es war wohl gut, das Heulen, vielleicht wird er etwas ruhiger. — Aber was muß er ihm dann sagen, um ihn zu trösten, falls er ruhiger wurde? Er begriff es allzugut: Mit Philosophie kommst du bei Leuten, die Geld haben wollen, nicht an. — Aber auf der Ruine des alten konnte ein neues Gebäude entstehen, das mußt du ihm deutlich faßbar machen, daß er fühlen soll, daß das Leben weitergeht und daß er sich unter guter Führung selbst wteder aufbaut, — und daß er jetzt noch nicht an der Grenze seines Schaffens angelangt war, — daß es nur eine wirkliche Grenze gibt: den Tod. — Nun wird er ruhiger, — wie Kummer den Menschen alt macht! — Armer Junge, — seine Wangen glühten. — Was er verbrochen hat, schwer hat er es gebüßt. — Unselige Spielsucht! — Er mußte wohl nicht bei Sinnen sein, als er eben so zu ihm sprach, — doch war möglicherweise ein Kern von Gerechtigkeit in dem, was er ihm gesagt hatte. — Waren seine Tugenden und Gebrechen wohl allgemein menschlich, oder hatte er sich durch sein streng gottesdienstliches Leben, sein Sichjeden-Tag-prüfen und Verbessern selbst so unter Zucht gestellt, daß die rein menschlichen Untugenden, aber auch das Guttun aus dem Gefühl heraus bei ihm nicht mehr zum Vorschein kommen konnten, sondern daß alles, alles durch das Prinzip regiert wurde, das vor jeder Tat die Frage stellte: Will die Thora das oder nicht'? — Ja, so war es, so, — aber auch dann immer blieb sein Denken und Fühlen menschlich. Ja, es wurde immer menschlicher, nicht in dem gewöhnlichen, aber für ihn höchsten Sinn; denn da die Thora für ihn die Offenbarung des höchsten Wesens, folglich auch Natur war, blieb er, gehorsam der Natur, ein echter Mensch, frei von Verunstaltungen. — Oh, nun fing er an zu sprechen, — armer Junge — wird er sich seines Zornes schämen? — Wenn er nur nicht den furchtbaren Gedanken hegt — an Selbstmord, — das war die große Gefahr ... Der Neffe erhob sich aus dem Schatten der dunklen Mauer, trat in den Lichtkreis der Lampe, auf seinem Antlitze eine ruhige Entschlossenheit. Seinem Onkel die Hand reichend, sagte er leise: „Du verzeihst mir wohl, nicht wahr, — ich wußte

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