Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15 DIE3^ ELT 15 die Wahrheit ist, ich will dir sagen, daß du in deiner Jugend schon so gelebt hast, wie ein anderer bloß leidenschaftslos und ungezwungen im hohen Alter lebt, — daß du wohl mit dir selbst gerungen haben mußt, wie ein Mann. — So einer wie du fällt nicht für immer, er hat die Kraft, sich wieder aufzurichten. — Wende dich nicht von dem Leben ab, — das Leben ist der Freund dessen, der es zu tragen weiß. — Es kann noch schön und hell für dich werden, noch viele, viele Jahre, — du stehst kaum am Anfang. — Ich sag' es dir, glaub' mir's doch, es geht ein großes Erbarmen durch das scheinbar harte Leben. — Es gibt unsichtbare Hände,die uns retten, stützen. — Ich weiß wohl, das ist Naturen wiederdeineneigen: in der Freude wissen sie, daß diese nur kurze Zeit währen soll, im Kummer glauben sie, daß der ewig ist, — dann wollen sie sich in der Nacht begraben und ihre Tränen trinken und so lange ihr Leid empfinden, bis daß es zu einem stillen Freuen wird. - Nichts bleibt, — alles verändert sich, wird besser, wenn man ihm nur Zeit läßt und Geduld hat." „Onkel, du bist kein Mensch so wie ich. — Deine Worte gehen über mich hin, ich fühle sie nicht. — Wenn ich in mein Inneres schaue, sehe ich nichts von all dem Schönen. — Habe ich denn der Versuchung Widerstand geleistet? Das eine Mal, daß ich es hätte zeigen können, habe ich es nicht getan. — Nun bin ich ein Schurke geworden, ein ganz gewöhnlicher Schurke, und du, der Idealist, der Heilige, begreifst das nicht, — das ist ja ganz natürlich. — Ach, ach, wenn ich dran denke, wie wir hier so zusammensassen! Warum ist mir nun alles so fremd? Der Mensch darf keine Freude haben." ,,Der Mensch darf keine Freude haben? Einst wird *) Diese und die anderen Studien, die wir bringen, wurden uns von Jozef Israels zur Reproduktion in unserer Passah-Nummer freundlichst zur Verfügung gestellt. JOZEF ISRAELS: STUDIE ZUM GEMÄLDE: „EIN SOHN DES ALTEN VOLKES die Erinnerung dir eine Quelle des Trostes sein, dann wirst du an heute denken und innerlich zu dir sprechen: Mein Onkel war ein strenger Mann, der strenge Begriffe von dem Leben hatte, und doch stieß er mich damals nicht von sich, sondern tröstete mich und gab mir mein Selbstvertrauen wieder. — Sicherlich war ich damals nicht so verdorben, wie ich glaubte. — Und, törichter Junge, meinst du nun wirklich, daß ich zu hoch stehe, um die Dinge zu begreifen, und daß ich ein Heiliger bin? — Heute gerade, als ich es so plötzlich erfuhr, da dachte der Heilige erst an sich selbst! ------- Nein, glaub' mir, ich bin nichts weiter als ein Mensch, dir gleich; nichts, nichts mehr. — Komm, laß es uns nun mal begehen, ist da wirklich nichts mehr dran zu tun, so schnell glaub1 ich nicht daran." „Onkel, ich bitte dich, spann' mich nicht wieder auf die Folter, ich habe Tage und Nächte mit Rechnen zugebracht, bis ich blöde davon geworden bin und mir alles vor den Augen tanzte. Gestern in der Nacht, in meinem Kontor, da wollt' ich mir selbst weis machen, daß ich verrücktbin.— Jemand, der so etwas ohne Ursache tut, der muß doch wohl wahnsinnig sein, — und ich war schließlich so weit, daß ich wirklich einen Augenblick dieSeligkeit empfand, mich in einen Nebel von wahnsinnigen Gedanken hineinzudenken. — Aber da stieß es mir auf, daß jemand, der es weiß und sich freut, daß er verrückt ist, doch nicht verrückt sein kann, und an diesen einen logischen Gedanken knüpften sieh wieder andere, bis alles wieder in furchtbarer Deutlichkeit vor mir stand. — Nein, da ist nichts dran zu machen. — Die Passiva sind ungeheuer. — Aber, das ist meine Sache, dich geht das nichts an, all das Schmierige. — Noch bin ich nicht bankrott. — Morgen, — morgen erst, — heut noch nicht. — Heute verfüg' ich noch. — Für dich hab' ich gesorgt —"