Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316202--48008-3342918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fremd geworden war? — Mein Gott, ich flehe dich an! Laß es nicht so sein, — nicht so sein! — Er hat noch nicht gesprochen. — Daß ich es nicht hören möge, das, was nicht wieder gut zu machen ist. — Egoist! Egoist! Fünfzig Jahre heiliger Studien, Beherrschung der Leidenschaften und Selbstprüfung, und das ist die Frucht? Er müßte sich schämen, alter Tor, der er war! — Sein junges Leben, das ist ärger, seine Frau und seine Kinder. — Ich bete für ihn! Ewiger Gott, — ich bete für ihn! Das, was geschehen ist, ist nicht wieder gut zu machen für dich, — ein Tor war er, ein Tor, soll die Erde und der Lauf der Dinge seinetwegen verändert werden? Warum nicht? Gott kann Wunder vollbringen und sie mit dem Scheine des logisch Notwendigen und Natürlichen bedecken. — Es stehet geschrieben: „Dem, der für einen andern betet, wird zuerst geholfen werden. Egoist! — Elender Egoist! — O, — seine Gedanken gingen in die Irre, — er sündigte, — er will nicht mehr denken. — Was Gott tut, das war gut in seinen Augen. Nun wird er still sein, — warten — gedankenlos — wie starr. — Es war jetzt in dem Gemach, als. ob kein Stoß des vorwärtssteuernden Lebens dieses Traumleben berührt, als ob kein rauher Ton diese Stille gestört hätte, die dort hing wie das Schweigen in tiefen schattigen Alleen, wo kein Wanderer geht. Beide Männer saßen nun da, bewegungslos, ihr Denken innerlich verschlossen, in beiden eine große Furcht, die mit lauter Stimme in ihrer Seele schrie und nicht zur Ruhe kommen wollte. Und das vergangene Leben, das sich über ihnen wölbte, war wie ein Bogenbau von Stein, der mit ruhigem Ernste herniedersah auf die glimmende Pulverlunte, die dort unten glühte, ruhig, ernst, als ob er so durch die Jahrhunderte hindurch sollte stehen bleiben und nicht zerschmettert werden würde — im nächsten Augenblick . . , Doch endlich ermannte sich der Alte, er sah auf. — Welche Zeit war vergangen, seit er so wartete und nicht hatte denken wollen, nicht hoffen, nicht beten und doch gedacht, gehofft und gebetet hat. Vor ihm, gegen den dunklen Vorhang, saß, wie eine schwarze Form, aus der die Hände, die das Gesicht verbargen, wie weiße Flecken hervorschimmerten, die Gestalt der Verzweiflung, ineinandergesunken. Er fühlte es. wie in diesem Menschen die Schmerzgedanken wühlten, und das ließ den Wunsch in ihm noch heftiger werden, nicht zu sein, und den Gedanken von ihm Besitz ergreifen, den Kampf aufzugeben, so daß er sich nicht zu sprechen getraute, aus Furcht, all dieses Entsetzliche deutlich hören zu müssen und in dieses Gesicht zu blicken, das vielleicht im Schmerze erstarrt war. — Aber mußte es nicht sein? — Vielleicht gelang es, zu helfen, wenigstens zu trösten. — So in dieser stummen Verzweiflung dürfte er ihn doch nicht lassen. — Wie hatte er nur an sich noch denken können? — War der nicht so gut wie sein eigen Kind? Der Sohn seiner verstorbenen Schwester. — Er war immer ein braver Mensch gewesen, hatte ihm immer noch Liebe erwiesen, die sonst ein Kinderloser wohl nicht erwarten dürfte. — Ein Sohn würde ihm nicht mehr beschert gewesen sein, er schien wohl nicht für das Glück bestimmt zu sein, so früh schon seine Eltern verloren. — Vielleicht hatte er immer schon den Verlust, vor allem den seiner Mutter, sehr tief empfunden, — und jetzt erst recht. — Und doch war es ein Glück, daß sie nicht mehr war, daß sie ihn so nicht sah. — Wohl war es seine teure Pflicht, ihm ein Vater zu sein, solange Gott ihm noch zu leben vergönnte, und mit der Zartheit einer Mutter ihn zu behüten. — Wie soll ich nun anfangen, — was muß ich ihm sagen? — „Liebster, bester Junge, willst du nicht wenigstens mit mir sprechen? Was du jetzt denkst, sag' es mir, — sind wir beide nicht eins? Du tust mir sehr wehe, wenn du meinst, daß ich nicht so mit dir fühlen kann, wie du selbst fühlst. — Oder denkst du, daß ich strenge sein werde? Lieber, — ich bin ein alter Mann, — ich weiß, — ich weiß —" Durch die dunkle Gestalt fuhr ein Zittern wie ein Seufzer, aber eine Antwort kam nicht. „Junge, willst du nun so die Nacht antreten, die lange Nacht, allein mit deinem Kummer? Schämst du dich vor mir? — Welche Torheit! Bin ich mehr als du? — Soll in einem Leben von siebzig, — siebzig Jahren nicht gesündigt worden sein?" „Nein, nein," antwortete der nun heftig, indem er wild die Hände von seinem Gesichte entfernte, „zieh dich nicht selbst in den Staub, um mir empor zu helfen. — Ich bin ein Elender, — ein Schurke. — Ach, du weißt das nicht, — es kommt vom Spekulieren. — Ich habe Gelder aufnehmen müssen, — ich glaubte sicher, daß sie wieder steigen würden, — und wofür hatte ich's nötig? Ich habe mein Glück verscherzt. — Ich habe meine Gedanken betäubt, — gerade, wie sich jemand betrinkt, eh' er 'n Mord begeht. — Und jetzt, — jetzt denk' ich, denk' ich. — Nun soll ich mich verwünschen und verfluchen, bis ich tot bin. — O Gott, Gott, wär' ich bloß tot!, von allem los!'* Aber der Alte, mit der unbewußt exaltierten Sprache eines, der von morgens bis abends und beinahe von abends bis morgens die Bibel und den Talmud studiert, sagte: „Mein armes Kind, du sprichst wieder harte Worte. — Doch Gott soll nicht hören, was du jetzt sagst in der Betrübnis deiner Seele. — W7ie eine rote Wolke umgibt dich jetzt die Sünde, — und du siehst nicht die Weiße deiner in Reinheit durchlebten Jahre und denkst: Du bist ein Gefallener, der sich nicht wieder erheben wird. Aber ich werde dir jetzt sagen, wer du bist, und ich werde dich nun sehen lassen, was du vor diesem getan hast. — Als du dich vom Knaben zum Manne entwickeltest, dachte ich bei mir, welches Verdienst wird er sich erringen, wenn ich ihn immerwährend leite und ihm nie die Gelegenheit biete, selbständig zu handeln? — Ich werde mich jetzt weniger mit ihm beschäftigen, ihm freie Verfügung über Geld lassen, — tun, als ob ich nichts sehe, aber tatsächlich gut aufpassen, welchen Weg er jetzt einschlagen wird. — Aber als ich sah, daß du nicht anders wurdest, — das du größer wurdest im Menschsein, — was für eine Freude, mein Junge, hab' ich da durch dich empfunden. — Dann habe ich dich, unbehütet, in das volle Leben hineinwachsen sehen; das Schlechte und Niedrige, das in dich hineindringen wollte, sah ich verschwinden, ohnmächtig in der Blüte deines gesunden Denkens. — Wie würde mein Alter anders geworden sein, wenn ich dich nicht gehabt hätte! — Leer, zwecklos. — Du bist mir stets wie einem Vater ehrerbietig entgegengetreten, du hast mir tausendfach vergolten, was ich für dich getan habe, was ich verpflichtet war zu tun, sonst wäre ich ein Ungeheuer gewesen. Laß das nun in dein Inneres dringen und denke nicht, daß ich dieses nur sage, um dich zu trösten; denn ich will es beschwören, daß es