Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 15 DIEJqKELT 13 DER SOHN DES ALTEN VOLKES AUS „BIKURIM" Von M. N. VAN CAMPEN.*) In der Zimmerstille des späten Abends schien das Licht Seele zu haben, so, als belebte es die Gegenstände, die sich unter seiner Bestrahlung in die Höhe dehnten, hoch über das Haupt des alten Mannes hin, der unbeweglich da saß. Das Gemach zauberte einen Traum vergangener Zeiten hervor, der zur Wirklichkeit geworden war mit einer solchen Kraft, daß die gegenwärtige Zeit hier erstorben war und daß man dem Leben der großen Stadt entrückt zu sein glaubte. In der Verborgenheit schützender Mauern hatte die Vergangenheit lange Jahrhunderte hindurch ihre noch lebenswarme Hand gestreckt und den Schein der Gegenwart aus dem Wesen der Dinge hinweggescheucht. Verschwommen und teilweise in nächtlichem Dunkel zerflossen, erhob sich der Traum in dem tiefen Ausbau des Zimmers, in dem der grünseidene Vorhang des heiligen Schreins — nicht berührt von dem Schimmer des Lichtes — hinter der Ampel sich verbarg und eben noch seine kupfernen Buchstaben erkennen ließ, gleich dem verstohlenen Blinken halbgeschlossener Augen, die sich der Lichtquelle verschließen. In den hohen Bücherschränken, wo die massiven Lederrücken den goldenen Schein der Lampe wiederspiegelten, schien sich der Traum noch deutlicher zur Wirklichkeit gestalten zu wollen! Aber beim Anblick des Alten, der mit stiller Liebe in einem Buche mit altvergilbten Blättern las, hatte sich der Traum in greifbares Leben umgewandelt, zeitfremd, doch mächtig mit der wilden Kraft der steinernen Bogen emporgehoben aus dem Tode vergangener Jahre, sich hoch wölbend über der Flut des kommenden und verschwindenden Seins. Und die gleichförmige Stille, die den Begriff des Endlichen auszuschließen schien, verlieh diesem Leben ein Gepräge des Unvergänglichen. Doch plötzlich gellte durch die Zimmerwände und durch die andächtige Stille, in der weltentrückt der Alte saß, ein schrilles Läuten, das, im Korridore beginnend, langsam verhallte, gleich wie ein Nebel, der höher und höher steigt und endlich verschwindet. Der Greis lauschte, — wer konnte das sein, der jetzt so spät zu ihm kam? Er legte die Hände, die ineinander gefaltet unter dem Lichte auf dem schwarzen Tischrande blendend weiß geschimmert hatten, auf die Lehne seines Stuhles und wandte sich nach der Tür. Sein ehrfurchtgebietendes Gesicht zeigte einen fragenden Ausdruck. Die Augenbrauen über den dunkeln Augen zogen sich zusammen. Es war ihm unlieb, gestört zu werden. — Ober die Treppe schlürfte ein müder Tritt, schlurrte über die marmornen Steine nach der Korridortür, und hinein drang ein Strom des Straßenlärmes, der in das Gemach mit der Gewalt eines Windes drang, — nur einen Augenblick, dann war alles wieder still. *" Nur ein kaum hörbares Flüstern summte durch den Gang. Dann wurde die Tür geöffnet. Unangemeldet tratj ein Mann mit rotem, schweißbedecktem Gesicht *) Aus dem Holländischen. Auch van Campen gehört zu den bedeutenden holländischen Erzählern der Gegenwart. Sein Buch „Bikurim", dem die vorstehende Erzählung entnommen ist, hatte einen großen und berechtigten Erfolg. &i ein, die Augen groß und fragend wie im Ubermaße der Angst, in der Hand Reisetasche und Schirm, die er in das Zimmer mit hinein brachte, die elegante Kleidung zerknittert und bestaubt, sein ganzes Wesen die Traurigkeit einer erschütterten Vornehmheit atmend! „Was, — du hier?" rief der Alte, der, hastig aufspringend, den Besucher mit erstaunten Blicken ansah. „Ja, Onkel!" Er ließ sich müde in einen Stuhl niederfallen, als hätten sich unwillkürlich seine Knie gebogen; dann ließ er seine Reisetasche und seinen Schirm zu Boden gleiten, deren Fall jedoch beinahe auf dem weichen Teppich nicht gehört wurde. — Wieder lastete schwüle Stille über dem Qemach, allein das Licht zitterte hin und her in Erwartung des ersten Lautes, der nun kommen würde! — Eben knackte ein Schrank! „Ist etwas passiert? — Hanna, — die Kinder?" fragte ängstlich der Alte. „Die sind wohl, — ihre Gesundheit ist gut." Er saß nun vornübergebeugt, indem er auf seine zitternden Hände niederschaute, während er sich heftig in seinen Stuhl hineindrückte, gleichsam in dem Wunsche, sich klein, recht klein zu machen. „Was sonst denn, — was ist es sonst, — da ist etwas nicht in Ordnung mit dir —" Der Mann bog sich tiefer, drückte mit einer Gebärde der Verzweiflung die Hände auf die Augen und flüsterte, denTon zwischen denLippen pressend: „Ich bin bankrott!" Auf den Zügen des Greises spiegelte sich ein furchtbarer Schrecken. Der geöffnete Mund blieb mit dem Ausdrucke des Entsetzens eine Zeitlang erstarrt, und es schien, als ob alles Leben aus ihm entwichen wäre. Doch dann entrang sich ihm das Wort, während seine Wangen sich mit glühender Röte bedeckten: — „Bankrott! —" „Ja — bitte — frage nichts, — ich wollte, ich wär tot!" Der Wunsch löste sich los, gleichsam wie ein weinendes Gebet; es war, als ob die Verzweiflung vor seinen Augen in der Dunkelheit seiner Hände aufflammte. Der Alte trat auf ihn zu, und — im Bemühen, ihn durch sein Verhalten zu beruhigen — sagte er ihm mit Nachdruck: „Sag' das nicht, — das ist schlimmer wie alles, — das ist Sünde, — und hier — werde nur erst ruhig — du siehst, — ich bin auch ruhig, — und wenn du dich erst beruhigt hast, wirst du mir wohl erzählen. — Laß dir Zeit!" — Dann setzte er sich wieder vor das altvergilbte Buch, — die Gedanken verwirrten sich in seinem Kopfe. Er fühlte schwer, daß sie drohten, ihn zu verlassen, zügellos zu werden. — „Bankrott! — Bankrott! — Mein Gott, — wie ist das möglich, — alles war so schön gegangen, — seit du angefangen hast. — Wie kam das so auf einmal?" — Vielleicht übertreibt er doch. — Er hat ihn zu sehr im Überfluß erzogen, die Jungen ließen sich gar schnell übermannen, vielleicht kann es noch gut gemacht werden, es kommt ganz drauf an. — Wie groß war wohl der Umfang, — aber wenn er wirklich so war, die Hälfte seines Vermögens steckte darin. — Weg aus dem Haus, aus dem alten Haus, was soll aus ihm werden? Zurück in das Leben, das ihm