Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Epigramme Wefflidie Kultur Von Utax Ilordau Kultur des Weftens in Japan? Sophismus! Sie konnten uns äufjere Formen entleihn, Doch ins Wefen drangen fie niemals ein: Sie kennen nicht mal den Anfifemitismus! Zuuerfidif Dem Bifchof lagt der Staat: «Wir fperren Dir das Gehalf!»> Drauf lächelnd der Prälat: <i3hr ßerren, 3ch fpotte der Gewalt, Entzieht mir immer eure Gaben, Wie ihr mir gottlos droht. Die Kirche fürchtet keine Rot, So lang* wir — reiche Juden haben.u Zumutung Beim Kunffliebhaber Freiherrn Cohn: «Was bringen Sie?» — «Die Jungfrau auf dem Chron.« «Vortrefflich. Was foll diefes lein?» «Ein heiliger Reliquienlchrein.» «natürlich kauf ich ihn. Und was wollt Uhr mir zeigen?» Der ITla!er fprichf: «Dies ift der Jubelreigen Der Jungfraun Israels beim Schlachtlied der Deborah.n «Und dies \lh — fo ein anderer — «die Ulenorah, Der Schames hier und hier der Arme Heben, Sinnreich im blanken Erz getrieben.» Der Freiherr ruft empört; «Wer liefj mir diele ein? Das Pack glaubt wohl im Ghetto hier zu lein!)» Splitter Von lieo Rafaels entweder — Oder! Das ift das sfärkfte Argument, mit welchem die Patrioten uom Schlage — lieber nicht: namen bleiben beffer aus dem Spiel! — fagen wir die anfizioniftifchen Patrioten uns täglich pon neuem erfchlagen. Entweder man ift ein guter Öfterreicher oder man ift ein Zionift — das ift logifch, fcharf. Schneidig, zermalmend. Die nähe des Peffadifeffes erinnert midi an ein Entweder—Oder meiner Kindheit; es ift vielleicht nicht ganz nufjlos, den Fall mitzuteilen. Bei uns zu ßaufe ging es fehr ftreng zu, denn wir waren immer alfmodiYch und find es geblieben; heute würde man unfere Strenge wahrfcheinlich als Byperfrömmigkeit bezeichnen. Da nahmen mich meine Eltern am erften Peffachtage zu einem Befuche bei einer befreundeten, modern an« gehauchten Familie mit, und da gefchah das Unfaßbare: der Bausheir afj zum Kaffee ungefäuerfes Brot, wie natürlich, aber ohne Kopfbedeckung! „Entweder-Oder", zerbrach ich mir meinen kindlichen Kopf; „ift er ein Ehrift, warum igt er mazzes? Hit er ein Jude, warum ifjt er ohne Kopfbedeckung?'' Ulitdieferlogirchen, Schneidigen, zermalmenden Frage quälte ich meine arme mutter auf dem Heimweg und noch lange nachher; eine befriedigende Antwort habe ich nicht erhalten. Jetjt weifj ich, wie blitjdumm mein Entweder—Oder war, jetjt ift mir die elementare Wahrheit aufgegangen, dafj auch im nienfchenleben genau fo wie in der Uier« und Pflanzenwelt, ja fogar außerhalb des Organifdien, alles im Fluf} ift; alles ift Übergang, ßalbheif, Kompromiß neue Verhältniffe, neue hebensbedingungen Schaffen die alten Organe allmählich um; das Hellt freilich manchmal urkomifch aus, fagen wir wie ein Schnabeltier. Aber ein Schnabeltier ift frofj aller Entweder—Oder-Iiogik kein Vogel und ein WalfiSch trofc feines namens und frolj feines Aufenthaltes im Waffer kein Fifch. fl propos Walfirch. Diefes arme uieluerfolgte Untier hat auch fonft allerlei Eigenschaften, die es zum Vergleiche mit dem Judenuolke geeignet machen. Wären heute die Beftiarien in der mode, wie fie es im zwölften Jahrhundert waren — ganz ausgeftorben find fie auch jetjt nicht, wie man aus den Cierbildern unferer Karikaturenzeichner fehen kann — fo würde ich eine ausführliche naturgefchichte des Walfifches geben und am Schlug in zierlichen Reimen die Anwendung („fignificatio") auf die nienfchen heraustüfteln. 3m XX. Jahrhundert ift man kürzer; ich wertje mich alfo mit einem Vergleichspunkte begnügen. Auch die Juden muffen genau fo wie der Walfifch, uon Zeit zu Zeit „emporkommen", um überhaupt zu exiftieren. «^JßC^r?