Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15 DIE^ELT 11 gannen mit ihm den Seder zu machen. Da erhob sich aufs neue die Stimme und schrie, daß das Haus in seinen Grundfesten erbebte, und verkündete ihre Worte. Alle sprangen bleich und bestürzt von ihren Sitzen auf. Und der Rabbi sprach zu ihnen: „Nun habet ihr alle das Wort gehört." Da nahm ein jeder von ihnen eine Leuchte in seine Hand, sie gingen und spürten und suchten abermals im ganzen Hause von einem Orte zum andern, aber nirgends vermochten sie Gesäuertes zu finden. Da kam die Not seines Herzens über den Rabbi und überwältigte ihn und er sprach zu seinen Gästen: „Wir haben das Haus durchsucht und rein befunden, und nichts haben wir ungeprüft gelassen, es sei denn diese Truhe, die unsere Tafel ist." Und in der Ehrfurcht vor der Stimme, die er vernommen hatte, erzählte er seinen Genossen, wie dieser Kasten, das Eigentum des Kaisers, in sein Haus gekommen sei. Und wie sie den Deckel hoben, quollen Dämpfe aus ihr empor, feuerfarben und atemraubend, daß ihnen die Sinne beinahe schwanden, und es wallten immer neue Dämpfe und verschlangen und wanden sich im Räume und allgemach schlössen sie sich zusammen und verdichteten sich. Und vor den Augen der Rabbinen entstand ein Geschöpf des Abscheus und des Schreckens, von nie gesehener Gestalt, anzusehen wie das Bild eines Mannes, aber mit Fängen und Flügeln wie die eines ungeheuren Raubvogels. Und das Wesen stand und zitterte in der Luft, gleichsam durchsichtig, und flackerte und schien seine Wirklichkeit nicht gewinnen zu können. Seine Augen waren fließendes Feuer ohne Kern und der Atem seines Mundes wie Eishauch und Nebel. In ihrer großen Furcht standen die Weisen verwirrt und bekümmert und jeder sprach zu seinem Herrn: „Was hat Gott über uns verhängt, daß er diese große Schrecknis über uns bringt in der geheiligten Nacht?" Der Rabbi aber begann mit starken Worten zu seinem Gott zu reden und seine Seele erhob sich in Rufen und Tränen. Da stieg eine Stimme, eine Tochter des Himmels, hernieder, und der Rabbi und alle, die dastanden, vernahmen sie, und sie sprach: „Es male der Rabbi mit seiner Hand auf die Stirn des Geschöpfes den heiligen MANN MIT MAZZOTH Namen und er male den Namen auf dessen Herz und auf dessen Füße, und dieses Geschöpf wird sterben." Da erhob sich der Rabbi und schrieb mit seiner Hand auf die Stirn des Geschöpfes den heiligen Namen, da sank der Kopf kraftlos zur Seite. Und er schrieb den Namen auf das Herz, da verging dem Wesen der Atem. Und er schrieb ihm auf die Füße, da sank es in sich zusammen und es stieg vor ihm wie eine Wolke auf und verflüchtigte sich im Räume. Da überkam alle, die zugegen waren, eine große Freude, daß die böse Kraft von der Welt vernichtet war. Und es sprach zu ihnen der Rabbi: „Dieser Tag ist ein Tag der Botschaft. Gehet hin in Frieden, ein jeder an seinen Ort." Und sie gingen hin, ein jeder nach seinem Hause, und sie machten den Seder in großer Freude. Und in der Fülle der Freuden geschah es, daß kein Schlaf zu ihnen kam, und sie wachten die ganze Nacht. In der Morgenfrühe aber kamen Männer vom Kaiser, den Rabbi zu rufen, auf daß er die anvertraute Truhe zurückbringe. Auch der Kaiser hatte in dieser Nacht keine Rast gefunden und in unruhiger Erwartung auf das Licht des Morgens geschaut, um zu erfahren, welches große Wehe aus der Truhe hervorgestiegen und über das Volk der Juden gekommen sei. Als der Rabbi vor ihm erschien und ihm den Kasten übergab, eilte er sogleich hin und hob den Deckel. Da lagen die Kräuter frischer als vordem und sie hatten Knospen und Schößlinge getrieben. Da geriet der Kaiser in Verwirrung und fragte den Rabbi: „Ist diese Truhe bei dir geöffnet worden? Es tut not, daß du mir die Wahrheit sagest." Und als er im Angesicht des Weisen die Furcht erkannte, sprach er: „Es schwört dir der Kaiser, daß du ruhig und sicher sein kannst und nichts zu fürchten hast, wenn du die Wahrheit kundtust." Da erzählte der Rabbi die Geschehnisse der Nacht. Als der Kaiser solches vernahm, beugte sich seine Seele und er sprach: „Nun weiß ich, daß euer Gott immerdar mit euch ist und auf euch achtet, und in jeder Sorge, die über euch kommt, kümmert er sich um euren Kummer, und er vereitelt den Rat eurer Feinde." Florenz, im März 1906. MARTIN BUBER MANN MIT MOROR