Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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unser Volk von der Welt vertilgt werde: wenn die Juden je die Haggadah lesen und die Festordnung der Pessachnacht abhalten, würden, über jener Truhe, in der sechzig zehntausende von Kräutern ruhen zum Zeichen der sechsmalhunderttausend Seelen Israels, die aus Ägypten zogen. Sollte dies jemals geschehen, dann wird aus dem Leben der Kräuter ein Dämon geboren, der wird die Welt beherrschen und Israel vernichten. Wir aber mögen des gewiß sein, daß solches niemals geschehen wird, dieweil diese Schloß für Schloß an die Pforte hängen, die Truhe zu bewahren." So sprach die Stimme des Felsengeistes und andere antworteten ihr und es sprachen die Stimmen der Lüfte und des Wassers aus ihrer Sehnsucht nach den Kindern dieses abgestorbenen Landes und aus dem Bangen um das Geschick der Zerstreuten und Verbannten. Also verbrachte der Wanderer die Nacht in Grauen und Staunen. Als er im Morgendämmern den Ort verließ-, traf er auf zwei Hirten, die ihre Herden bergan trieben, und sie wandten sich schauernd von ihm ab und einer sprach zum andern: „Sieh diesen Fremdling, er hat in der Höhle des Propheten genächtigt." Und als mein Ahn alt geworden war und seine Seele entfliehen fühlte, vertraute er das Geheimnis seinem ältesten Sohne und dieser dem seinen und so habe ich es von meinem Vater erfahren. Und nun vernimm, o Kaiser, du und ich sind die einzigen, die es kennen, denn ich habe es keinem meiner Söhne verraten." Als der Kaiser die Worte des Alten vornommen hatte, entließ er ihn in Ehren. Und sogleich heischte er, daß die besten Gold- und Erzschmiede der Stadt gebracht wurden, und er zeigte ihnen die goldene Truhe, die er in dem Turm gefunden hatte, und er befahl ihnen, eine gleiche anzufertigen, die dieser ähnlich sei auf ein Haar, in der Form und in den Maßen sowie in der Schönheit der Arbeit. Und er befahl ihnen, bei Verlust ihres Lebens zu schweigen gegen jedermann, und gab ihnen Gold, so viel sie bedurften, und hieß sie an einem einsamen Orte seines Palastes arbeiten. Nach einer Zeit brachten sie die Truhe vor ihn, und es war alles so, wie er geboten hatte, und er entlohnte sie nach Gebühr und hieß sie gehen. Alsdann füllte der Kaiser den neuen Kasten mit edlen Steinen, Perlenreihen, wunderbaren Geräten und stolzem Reichtum aller Art. Dann rief er einen seiner Diener und sprach zu ihm: „Gehe in dieser Stunde hin und rufe mir den obersten Rabbinen der Stadt, den, welcher der Weiseste der Juden und ihr Meister ist, daß er alsbald zu mir komme." Und als der kam, empfing der Kaiser ihn mit großer Ehre und rief seinem . Gefolge zu: „Gehet hinweg, alle ihr Männer, von mir und lasset mich mit diesem allein." Und so blieben die beiden allein, der Kaiser und der Weise. Und der Kaiser sprach: „Du weißt, es ist noch nicht lange, daß ich die Herrschaft angetreten habe. Gleichwohl kenne ich die Seelen aller Söhne meines Reiches und Bundes und weiß, daß sie Betrüger sind, Männer in denen keine Treue ist, und daß sie der Stunde harren, in der sie sich gegen mich empören wollen, meine Macht zu vernichten und mein Eigentum zu rauben. Ich will dir ein Geheimnis offenbaren und es sei beschlossen zwischen dir und mir. Siehe, ich habe diese Truhe angefüllt mit allem, was meine Hand gefunden hat an Edelsteinen und wertvollem Gerät, und zur Stunde begehre ich von dir, daß du die Truhe in dein Haus nehmest. Sie sei verborgen und geheim in deiner Macht und du sollst sie erstatten zur Zeit, da ich es gebiete. Denn ich weiß nicht, was der Tag gebären wird." Und zugleich öffnete er den Kasten vor dem Weisen und zeigte ihm, daß er vielen Reichtums voll war. Dann sprach er: „Ich gebiete dir, daß diese Truhe ständig vor dir sei,* du sollst auf sie achten mit offenen Augen, aber vor dem Blick der Fremden sollst du sie bewahren. Vollbringe auf ihr all dein Tun, sie soll dein Tisch sein, darauf zu lesen, zu essen und zu trinken, und sie soll dein Lager sein, darauf du deine Kissen bereitest, damit sie immer in deiner Gewalt sei. Deine Augen haben gesehen, daß sie all meine Schätze birgt. Von deiner Ehre werde ich sie einst wiederverlangen." Der Rabbi antwortete: „Ich nehme das Wort des Kaisers auf mich und werde tun, wie mein Herr befiehlt." Und der Kaiser sandte ihm die Truhe mit zweien seiner Diener zur Nacht ins Haus, aber er hatte ihn betrogen und jenen Kasten, der voll von Kleinodien war, mit dem andern vertauscht, den er mit Kräutern gefüllt in dem alten Turm gefunden hatte. Der Weise aber ahnte in seiner Gerechtigkeit und Einfalt nichts von dem, was geschehen war, und er ließ die Truhe in jenes Gemach seines Hauses stellen, in dem er sich stets zu verweilen pflegte. Er gedachte in Treue seines Versprechens an den Kaiser, sie war ihm Tisch und Lagerstätte und er ließ seine Augen nicht von ihr. Selbst in der Pessachnacht wollte er keine andere Tafel zum Seder bereiten, denn die Truhe. In der Stunde, da der Rabbi von dem Abendgebete nach Hause zurückkehrte, begab er sich mit all den Seinen zur Tafel. Und es stand der Rabbi und hob den Becher und begann den Segen über den Wein zu sagen und sprach: „Dieses sind die Feste des Herrn — —." Und während er sprach, hörte er plötzlich in seinem Hause eine Stimme schreien wie aus großer Not, und die Stimme rief: „Gepriesen sei der wahrhafte Richter! Gesäuertes ist im Hause!" Da verstummte der Rabbi und stand bestürzt über das schlimme Wort. Und er überlegte in seinem Sinne und dachte: „Vielleicht ist es dennoch nur Täuschung und Trug meiner Sinne." Und er nahm aufs neue den Becher in seine Hand und begann den Segen zu sprechen. Und wiederum ging eine große Stimme hervor und schrie: „Gepriesen sei der wahrhafte Richter! Gesäuertes ist im Haus!" Doch der Rabbi achtete ihrer nicht und sprach den Segen und trank den Becher angelehnt aus. Sobald er aber den Seder zu machen begann und die ungesäuerten Brode erhob, ging abermals eine Stimme aus, fürchterlicher als jemals eine Stimme erhöht worden war, und sie schrie: „Gepriesen sei der wahrhafte Richter! Gesäuertes ist im Hause!" Da standen sie alle auf und zitterten, und es sprachen die Söhne des Rabbis: „Wie lange, o Vater, wirst du noch schweigen zu diesem Dinge?" Da gingen der Rabbi und die Seinen aus, das Haus zu durchforschen und sie suchten an allen Orten, aber sie vermochten nichts Gesäuertes zu finden und blieben ohne Rat. Da entbot der Rabbi einen Diener und hieß ihn zu allen Großen der Gemeinde, zu den Wreisen und Rabbinen gehen, sie mögen zur Stunde und eilends bei ihm sich versammeln. So geschah es. Und der Rabbi empfing seine Gäste und sprach zu ihnen: „Beehret mich in dieser Nacht und machet den Seder der Haggadah mit mir." Sie antworteten ihm: „Wir sind mit Freuden bereit, nach deinem Willen zu tun." Sogleich setzten sich alle um die Truhe und be-