Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15 - DIE 3^gE LT ~ 7 DIE GESCHICHTE VON DER KRÄUTERTRUHE UND DEM KAISER ZU ROM NACH EINER ALTEN ERZÄHLUNG*) Esther Schneerson-Feiwel zugeeignet. In der Stadt Rom stand von Urzeiten her ein gewaltiger Turm, zu dem sieben eiserne Pforten führten, eine vor der andern. Jede einzelne war mit vielen mächtigen und kunstreichen Schlössern versperrt. Seit Menschengedenken gebot es der Brauch, daß jeder neue König an dem Tage, an welchem er die Krone empfing, der siebenten und äußersten Pforte zu allen übrigen noch ein neues Schloß anlegen ließ, und diese Sitte war so alt und so viele Geschlechter hatten ihrer gepflogen, daß allgemach der Qrund, der sie gebot, in Vergessenheit gesunken war. So fügte es sich zu einer Zeit, daß ein Kaiser in der Stadt Rom verblichen war, und es kamen zu Rate alle, die durch Macht und Reichtum groß waren in der Stadt, und alle, die durch ihre Weisheit Ansehen hatten im Volke, daß sie sich vereinigen und den neuen Herrscher wählen sollten. Da geschah es, daß einer in ihrer aller Augen sich würdig und fähig erwies, und sie erhoben sich allesamt und begaben sich zu ihm und traten in sein Haus und sprachen: „Es ist des Volkes Wille, der dir durch uns kündet, daß du über uns herrschen sollst." Er redete zu ihnen: „Ihr sehet mich bereit zu tun, wie ihr verlangt, auf daß ihr nicht leeren Angesichts von hinnen ziehet. Doch ehe ich meinen Nacken unter das Joch der Herrschaft beuge und die Bürde der Krone mir auflade, sollet ihr in einem Ding mir zu Willen sein. Ich verlange, daß ihr mit Siegel und Schrift euren Willen und den Willen des ganzen Volkes in meine Hand leget, euch ohne Widerstand dem ersten Gebot zu beugen, das ich als euer Kaiser über euch aussprechen werde/' Da sprachen sie zu ihm: „Sage uns, was gedenkst du über uns zu verhängen?" Er antwortete: „Kein Wort sollt ihr hören, bis ihr mit Siegel und Schrift euer Vertrauen mir dargebracht habet." Und sie gingen hin und hielten Rat, und redeten zum Volke; und es wurde beschlossen und geschah, wie der neu erwählte Kaiser es bestimmt hatte. Sie erhoben ihn alsbald auf den Thron und setzten ihm die Krone aufs Haupt. Und es war am nächsten Tage, da sandte er und beschied alle Großen zu sich und sprach zu ihnen: „Vernehmet, es ist nur ein kleines Ding, was ich von euch verlange. Es ist nur, daß ihr den alten verschlossenen Turm, der sieben wohlverwahrte Pforten hat, mir öffnen möget, denn längst begehrt meine Seele zu wissen, was sich in ihm verbirgt." Da stieg es in aller Herzen auf wie mit einer Gewalt und alle sprachen wie mit einem Munde: „Herr Kaiser, was ihr da aussprechet, dünkt uns ein schweres Vermessen. Denn so viele Herren seit undenkbaren Zeiten diese Stadt regierten, so war dennoch keiner unter ihnen, der das Begehren getragen hätte, den Turm zu öffnen. Vielmehr war es die erste Tat eines jeden, daß er ein Schloß hinzutat zu den ungezählten übrigen, dies alte Geheimnis mit immer mehr :j wie oeschichte, der die Motive dieser Pessach-Legende entnommen sind, habe ich in einem hebräischen Büchlein gefunden, das außer ihr einige „neue Erzählungen" des Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772—1810) enthält und danach betitelt ist. Die Quelle der sehr ungleich gehaltenen und offenbar aus einer ursprünglichen Überlieferung überarbeiteten Geschichte ist mir unbekannt. M. B. Erhabenheit zu wahren. Und siehe, nun stürmt dein Wunsch heran und will die Schranke niederreißen, die hundert Geschlechter errichtet haben. Uns bangt, es möge Übel und Unheil hervorgehen aus den geöffneten Pforten und über unsere Stadt und über unsere Häupter kommen/4 Der Kaiser erbebte in heftigem Zorn und rief: „Sparet eure Worte. Es tut einzig not, daß ihr mir diesen Turm öffnet, daß ich in ihn eingehe und sehe, was in ihm ist." Sie gingen hin und holten die Schmiede der Stadt herbei. Nach gewaltiger Arbeit taten sich die sieben Tore des Turmes auf und der Kaiser stählte sein Herz und ging als erster hinein. Ringsum standen Rat und Volk in Entsetzen und Erwartung. Dem Kaiser folgten nur einige seiner Männer. Er selbst durchwanderte den Turm von Gemach zu Gemach und ließ keinen Raum unerforscht, aber alle fand er leer bis auf den letzten, der als geheimnisvoller Kern inmitten lag. In ihm stand eine Truhe, gleißend, ganz aus hartem Golde, über und über von unlösbaren Zeichen bedeckt. Der Kaiser hob den Deckel, da wallte mannigfacher Geruch empor und erfüllte die Luft, betäubend wie der Atem der Erde im Frühling. Die Truhe aber war gefüllt mit allen Arten von Kräutern, welche die Lande bedecken in ihren Höhen und Tiefen, und sie waren grün und voll aufsteigenden Saftes, wie zu der Zeit, da eine Hand sich dem Erdboden genähert, und sie seinem Schöße entrissen hatte. Da befiel den Kaiser ein unermeßliches Staunen und er rief: „Wie mag es geschehen, daß diese Gewächse, die tausend Jahre und mehr ohne Nahrung und Licht in dumpfer Finsternis verschlossen waren, heute so frisch sind wie an dem Tage, an dem die frühe Sonne sie aus dem quellenden Erdreich gelockt hatte?" Aber es war nichts als ein großes Schweigen und ein großes Staunen rings um ihn. Da wandte er sich ab und befahl seinen Knechten, die Truhe auf ihre Schultern zu laden und in seinen Palast zu tragen. Alsogleich sandte er Boten in die Stadt und ließ die Diener aller Götter zu sich rufen und die Magier und Zeichendeuter und die Seher. Alle kamen und versammelten sich um seinen Thron. Und der Kaiser sprach vor ihrem Angesichte ein Gebot aus: „Es tut not, daß ihr mir das Geheimnis jener Kräuter ergründet, welche am heutigen Tage meine Hand aus dem Grunde des alten Turmes gehoben hat. Entziehet ihr euch meinem Befehl, so sollt ihr wissen, daß ihr euren Tod erwählt habet/* Da kam ein Erbleichen über aller Gesichter und ihre Stimmen flackerten wie ein Licht, über das der Wind hinstreicht, und sie redeten folgendermaßen: „Ewig lebe unser Herr, der Kaiser! Seine Gnade gewähre uns eine Frist, zu forschen und zu prüfen, was die Hand der Schreiber an alten Kunden niedergeschrieben hat, und was die Zeichen des Himmels eröffnen, ob es uns nicht gelingt, die Wurzel des Geheimnisses zu finden." Der Kaiser antwortete ihnen: „Ich gewähre euch eines Mondes Umlauf. Wenn die Zeit sich erfüllt hat, sollet ihr vor mir erscheinen und Rechenschaft ablegen, wie ich euch geboten habe." Sie schlichen von hinnen, aller Seelen in Zagen ge-