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Die Welt · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE^ELT No. 15 wie sie sieh öll'nel. die große Allegorie, den Auszug, und ich höre den schauerlichen Klang der Stimme Gottes wieder ertönen: „Diese Nacht werde ich durch Ägypten gehn und erschlagen jede Erstgeburt von Mensch, und Vieh, und über alle ägyptischen Götzen werde ich Gericht ausüben! ich. der Ewige! Gott wird gehn und kein Engel, Gott und kein Seraph!" Aber nicht weniger erlebte ich die blutigen Schrecknisse unter den [leiden: die Pest und die Finsternis, besonders die schreckliche Finsternis, bei der ich mich vor Mitleiden krümmte, und der Tod der Erstgeborenen. Aber dies alles erblaßte vor dem Wunder des zurückströmenden Meeres, das die verfolgenden Ägypter hinunterzog in die Tiefe und die Kinder Israels das trockene Reit passieren ließ. Jedes Wort des Ewigen zwischen dem Geräusche des Unwetters und dem Schalle der Posaunen erschütterte mich. Meine Kinderseele bebte und schluchzte, schauderte und halle Visionen. Bis daß der Vater mich mit neuen Geschichten wieder einigermaßen beruhigte. Ich saß da. meinen Stuhl dicht an den Tisch geschoben , meine Brust auf den Rand des Tisches gepreßt. Ich starrte in das Lampenlicht und das festliche Gefunkel von all" den Dingen rundum, und die Pracht des Passahabendfestes umflulete mich immer wieder aufs neue. Die Rosen auf Mutters Wangen glühten wie rote Billardkugeln. Großmutters Gesicht verwuchs immer mehr vor meinen Augen mit den Sagen, die ich gehört hatte. Ich sah Leuchtendes um mich her. das ich noch nie in der Kammer erblickt hatte. Das Gold atmete überall in der Tiefe, und das Passahzimmer hing voll tropischer Gerüche, süß und den Gaumen lockend. Oh! dieser Passahgeruch! Ich roch das buntbemalte Service, jeden Teller, jedes Läppchen, jedes Löffelchen. Nirgends ein Krümelchen Brot, überall die ungesäuerte Speise. Die Erinnerung strömte ihren Geruch aus. und nicht das Joch und die Sklaverei, sondern die Erlösung daraus durchströmte alle. Ich starrte abwechselnd auf meinen Vater und auf meine Müller, auf Großmutlerchen. meinen armen Onkel und Tante, meine Brüder, und ich sah erglänzen auf dem Autlitze eines jeden eine Innigkeit, etwas Ruhiges und Friedlich-Frommes, voll seliger Genügsamkeit, die ich nimmer vergessen kann. Das Licht der Lampe umschattete die Wangen, ließ die Augen erglühen: das Halbdunkel in dem Alkove. wohin ich von Zeit zu Zeit starrte, ^iunn Geheimnisvolles, aber die reine Pracht des Tischluches, schneeweiß wie ägyptische Leinwand, tauchte das ganze Zimmer in helle Freude, und die Lichtfunken auf den Weingläsern, der über Teller und Tassen huschende Glanz tränkten meine Seele mit dem .....,„■.................... __ Nebelgew-and hüllte, sah ich meine Visionen in dem Dampfe spurlos hinschwinden. Dann zog die Bangigkeit wieder in mein Herz, wenn ich. als der Jüngste, die Türe nach rituellem Gebrauche fortwährend öffnen mußte, um jeden, der selbst nicht feiern konnte, zur Mitfeier des Passahfestes zu nötigen. Jeden Augenblick erwartete ich einen Rabbi, einen schneeweißen Bart zu sehn. Und vor allen den Elias, den Propheten , der jederzeit erscheinen konnte. Gott. Gott . Florence. wenn ich noch an diese Abende denke, wie göttlich, und wrahr mein Inneres von jenen Empfindungen durchrüttelt, wurde, erfaßt mich eine Wehmut, und dann begreife ich es nicht, daß ein Kind, wenn es zum Manne herangereift , das Niedersinken von all dem echt erlebten Schönen zur farblosen Allegorie überstehen kann. Ich weiß es wirklich nicht, ob alle um mich herum so in der innigsten Frömmigkeit der religiösen Empfindung" atmeten, wie es bei mir der Fall war. Ich weiß nicht, ob mein Onkel, der arme Hausierer, nicht lieber ganze Kapitel aus der Passaherzählung überschlagen hätte, um desto eher seinen hungrigen Magen mit Suppe und Matzesklößel füllen zu können. ich weiß nicht, ob nieine Mutter, das uralte Großmütterchen und das dürre Tantchen nicht manchmal in stiller Selbstzufriedenheit über ganz etwas anderes nachdachten als über den Zurückzug nach dem heiligen Lande. Ich weiß nicht, ob mein Vater nicht auch erst vor kurzem seinen Mietkontrakt auf drei Jahre verlängert hat te, gerade einen Abend vor Ostern, bei welchem Feste auf jedermanns Lippe der feurige Wunsch brannte: Das nächste Jahr in Jerusalem! der ja tausend- und tausendmal wiederholt wird. Ich. weiß nicht, ob mein Vater sich bei seinen Wimdergeschichten doch vielleicht nicht so ganz sicher fühlte und nicht auf ganz feine Art und Weise auf das Naive in unserem Kinderglauben spekulierte. — Aber wohl weiß ich von mir selbst, Florence, daß ich alles heilig und mit tiefster Überzeugung erlebte. Die Passahabende hatten für mich einen göttlichen Reiz, lösten in mir Empfindungen aus, die zur vollkommensten Reinheit meines Lebens gehören. Ich sah alles: den Ruhm meines geschmähten Volkes und aller seiner Söhne im Rembrandtschen geheimnisvollen Lichte erscheinen, die Zauberei, die Mysterien des goldenen Dunkels. Ich sah im biblischen Lieble ihre Synagogen, ihre Tabernakel. Ich verlebte die ganze Ostorwoche in einer visionären Welt. Ich fühlte mich als Jude. Jude des Widerstandes. Jude der Empörung gegen die Ungläubigen und Jude der Prophezeiung. Jch hörte einen unsichtbaren Chor von hebräischen Sängern aus dem heiligen Laude mir enlgegcntönen. als ich am Abende in die Synagoge ging, und unter Tränen des ___ Schmerzes und

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