Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIEl^ELT No. 15 sie schauen die süße Ernte ihrer Oliven- und Feigenbäume! Wie würden die Zypressen sie umduften and die Myrte in Wollustgerüchen von ihrem alten Ruhme flüstern, sprechen zu ihnen von ihren Königen, und Helden. Sängern und Propheten. Mit welchem Glockenläuten. Florence, und mit welchen silbernen Gesangestönen könnte ich das vergleichen, was in mir mit erhebender Begeisterung sang, wenn die Passahabende unser Haus für mein jugendliches Auge in eine wunderbar-herrliche Erscheinung verzauberten! Meine Kinderseele strömte über von einer heftigen religiösen Innigkeil, die nach dem Wundertätigen Verlangen trug. , Wenn man. mir damals gesagt hätte, daß Gott alle an diesem Morgen über die Erde ausgebreiteten Sonnenstrahlen zusammenschmelzen und daraus eine flimmernde, goldene Brücke, glühend im Glanz, schaffen würde, durch die ein guter Mensch in den Himmel stürmen könnte, ich würde es geglaubt und mit höchstem Entzücken angehört haben. Und wenn man mir damals gesagt hätte, daß das Angesicht Gottes plötzlich hinter einem Wunderstrauße von weißen Rosen durchschimmern würde, mit einer heiligen Glut, die tausendmal blendender als das Sonnenlicht wäre, einer Glut, in der die Rosen in einer Weise erglänzen würden, wie auf Erden noch nie ein Mosensee geleuchtet hätte, ich würde mit lauschendem Entzücken geschaudert haben. Florence. gibt es etwas Unbewußteres und Ehrlicheres als die Poesie der Kinderträume? Stammen sie nicht aus geheimnisvollen Sphären, zart und fern wie das Sternen licht, ertönt ihr leises Singen nicht wie der Gesang der Wasserblumen am stillen Sommerabend-See? Ist es nicht so das Sprießen des Lebens in der noch unverletzten Seele? Liebste! Was für große und unbefleckte Wunder doch diese Passaliabende für meine Kinderphantasie waren! Gerade da fühlte ich die Indes wunde Wehmut unseres Stammes, gerade da kam es mir zum Bewußtsein, wie fremd wir hier im Abendlande umher wanderten, wie gequält, verkrüppelt, geschmäht, unverstanden und entwurzelt! Damals war es mir ein innerstes Bedürfnis, nur das Tragische in den Kreuz- und Querwanderungen zu sehen. Du kannst dir nicht, vorstellen. Kind, wie das Sichcmporraffen zu Jerusalem, ohne daß ich nur den geringsten Begriff von „Zionismus" hatte, mir als Kind meine glühende Phantasie entflammt hat. An dem zauberroten Passahabend mit seinem wunderbaren intimen Lieht und seinem tiefen religiösen Heize durchfloß mein Herz eine heilige Empfindung. Meine Kinderseele erbebte in einer göttlichen Begeisterung, als ich meinem Vater lauschte. Ich pflegte mich dann auf seinen linken Arm zu stützen und durfte als jüngstes Kind des Haushaltes allerlei Fragen stellen. Ich frug. frag gierig und heftig bewegt, so daß mein Vater immer mehr erzählte, immer größere und geheimnisvollere Geschichten, mit vielen Wundern der Kabbala, der Mystik der Hohenpriester und von vielen tragischen Ereignissen. Dann war ich kein Kind mehr, ich lebte in den alten Zeiten, abwechselnd fühlte ich mich als Hohepriester. Krieger, Kabbaiist, Schwärmer und Empörer. Und irgendwo in meiner Nähe hörte ich den rauschenden Gesang von Davids Harfe. ichhätte jeden Augenblick vor Bübrung weinenkönnen. 0 Liebste! In welchem Zauber erschienen mir die Passahabende mit den freudeverkündenden Festlichtern überall längs den Wänden des Zimmers! Ich sehe meine Mutter sitzen mit ihrer blanken Haube und dem weißen Jäckchen mit den glanzgebügelteu Falten, ihr Antlitz dem Vater zugewandt, lauschend wie ein Kind. Meine alte Großmutter mit dem zahnlosen Mund, das verdorrte Gesicht in aufrichtiger Frömmigkeit. Ich sehe meinen ganz verarmten Onkel sitzen, einen Straßenhändler, der sich behaglich im festlichen Lichterglauze sonnt und in den süßen Saft des roten und weißen Weines sowie in die Gerüche des warmen, soeben aufgetragenen Abendessens vertieft " ist. — Ich sehe ein schmächtiges Frauchen, mit ihrem kleinen Kaninchenköpfchen in ernster Haltung meinem Vater zuhören, ich seh.' meine Brüder in derselben Andacht die Augen auf Vater gerichtet: Vater in seinem großen Lehnstuhl, sich festspinneud in dem geheimnisvollen Geplauder von früheren Zeiten. Ich sehe ihn sitzen dicht bei mir, und doch als ob er meilenweit weg wäre. Ich höre seine Geschichten, dicht an meinem Ohr und doch, als ob sie aus der Luft herniederschwebten.- Ich sah ihren Schimmer. Und sobald seine Geschichte sich mit den großen Babbis und ihren Wundern, befaßte, weinte ich still in meinem Innern vor Glück. Oh! schon die Einsetzung des Passali-Festes packte mich sofort. In meines Vaters eintönigein Rhythmus lag so viel We1t schmerz verborgen. Das Hebräische erklang vor mir klagend und sanft, zart und wild. Und als ich die tiefste Bedeutung der ersten Klage las: Bas ist das Brot des Elends, das unsere Voreltern in dem Lande Ägypten, gegessen haben. Jeder, der Hunger hat. komme und esse, jeder, der es nötig hat. komme, um das Passah-Fest mit zu feiern!" .... da durchfröstelte mich schon ein lauger Schauer. Stell dir vor. Florence. wie es mich rührte, wenn feierlich die Worte ertönten: „Es geschah, einst, daß Rabbi Eliezer. der Sohn von Azarja. Rabbi Akiba und Rabbi Tarplion in Bene- Berak beieinander saßen-und die ganze Nacht von dem Auszuge aus Ägypten erzählten.....(i Und was dann alles darauf folgte! Das „Es geschah einst" rief schon die größte Rührung hervor. Und die Erzählung von unserer Vertilgung, von der Tragödie unserer Sklaverei: der entsetzliche Zug Gottes durch das Land der Ägypter und vor allem das Aussenden der Plagen erfüllte mein Inneres mit Schaudern. Konnte ein Kind je den Ton dieser fürchterlichen hebräischen Fluch worte vergessen: „Dam . . . Sefardea .....Kinim .... in ihrer blutige Visionen heraufbeschwörenden Tragik? Die Rachegefühle durchzitterten mich, aber ich glaubte an Gottes Berufung! Und nun höre die modulierenden Auslegestimmen von aller) den großen, weißbärtigen Rabbis, jedesmal zwischen den Schrecknissen der furchtbaren Erzählung, vor allen Rabbi Akiba mit seinem dialektischen Gedankenaufbau und seiner jüdisch-apokalyptischen Begeisterung. Endlich. Liebe, kam die Bewegung über die Ausfahrt und über die Erlösung der Juden. Ich höre noch das wüste Geschrei der Kinder Israels unter dem von den Ägyptern ihnen auferlegten Joche, den Angstruf nach ihrem Ewigen. Ich sehe noch.