Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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PASSAH Von ISRAEL QUERIDO Liebe Frau! .Mitten iti meinem heftigen Verlangen nach deiner Gegenwart muß ich dir einen Zeitraum meines Lebens näher rücken, von dem du sehr wenig' weißt, und dessen Empfindungen dir auch sein* seltsam erscheinen werden. Sieh. Fiorence. euch lehrt man die Bibel, das Alte Testament, mit vielen geschichtlichen Nachweisen und archäologischen Kenntnissen. Ihr lest die Bibel nicht, mit einem seligen Hineinversenken in die damalige Zeit. Aber ein Jude, und besonders einer mit einem innerlich vertieften Traumleben und starker Einbildungskraft, liest die Bücher Mosis mit seiner ganzen Seele und mit seinem tiefsten Innern. Ich wenigstens. Fiorence. habe die Bibel und. die Propheten in meinem dreizehnten Lebensjahre ebenso innig und tief gefühlt wie heute. Damals natürlich viel unbewußte!', weit entfernt vom Rituell-Kirchlichen, vor dem ich schon frühzeitig eine unaussprechliche Abneigung empfand. Aber das Wunder-Epos der Bibel, die tragische Heldenhaftigkeit. die göttliche Lyrik und die aufrichtige Weisheit, die ich als jüdischer Knabe in ihr erlebt habe, erfüllt von schaudernder Ehrfurcht und von Stolz, wird mir als eine Glanz-Episode meiner Kindheit unvergeßlich bleiben. Ich bezweifle, daß ein Christ so in das Alte Testamen 1 hiiu»indi'ingeti könnte. Siel), meine Liebe, als Junge war ich immer so ein kleiner Träumer, ein Denker en miniature und ein Phantast, vielleicht so stark wie Schwesterchen Sarje. Mit dreizehn Jahren fühlte ich mich als Vollblutjude, als gläubiger Jude, und ich liegte eine unendliche Ehrfurcht vor meinem geknechteten. seinem tropischen Hoden entrissenen, geschmähten und zerstreuten Volke. War es nicht wunderbar, meine Liebe, daß ich sein ganzes Elend, seinen Fall, seinen Niedergang und Israel Querido ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des modernen Hollands. Abkömmling einer portugiesisch-jüdischen Familie in Amsterdam, hat er sich vom mühsamen Proletarierleben seiner Jugend zu einem bekannten und in seinem Vaterlande hochgeschätzten Schriftsteller emporgearbeitet. Seine Werke „Zegepraal" (Triumph)' „Levensgang*\ ,,Menschenweek' haben in Holland einen großen nachhaltigen Eindruck gemacht. Obwohl Querido, den allgemeinen Menschheitsidealen huldigend, dem Ideale der Wiedergeburt des Judentums fern steht, ist er in seiner innersten Empfindung durch und durch Jude, wie auf dem hier veröffentlichten Abschnitt seines Werkes „Zegepraal" zu sehen ist. Wir bringen das obenstehende Fragment in deutscher Übertragung mit der freundlichen Erlaubnis des Verfassers. Anmerkung der Redaktion. sein Zerbröckeln in dein zauberischen Lielile des biblischen Epos sab? Das hatte ich mit allen seinen Wundern und Tragödien in mich eingesogen, und mein Kindergemüt grübelte und schauderte über das Geheimuißvolle der Gottesmysterien. Es war für mich eine göttliche Welt der Weisheit, und mein jüdisches Volk sah ich. wie eine Prozession wandeln durch die verflossenen Zeiten, mit den großen Barten. Turbanen und laugen Kücken, die sorgenvollen, ernsten Gesichter zur Erde gebeugt, den Leidenszug um den gequälten Mund. Aber dicht hinter ihnen leuchtete die Gotteswolke, in goldener Glul ihre gekrümmten Rücken und verkrüppelten Gewalten bescheinend. Oh! Wie so sehr lieb hatte ich meine biblischen v Schwärmer, die Geschmähten und Getretenen, die aus dem modernenLeben in ihre rauchigen Ghettos Getriebenen und wie die Pest Gemiedenen: wie sah ich sie immer noch im Gewände der alten Zeit einherschreiten. mit dem Geheimnis der Tabernakel Licht um sich her verbreitend. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, wo ich., ganz aus mir heraus, entzückt in Begeisterung, mir vornahm, mein Volk zu erretten. In meiner jungen Seele ruhte ein in feuriger Prachl lodernder Glaube, der Gedanke an den leuchtenden Ruhm meines alten Volkes pflanzte ein Entzücken in mir. In meiner glühenden Phantasie sah ich über dem' Meere die sonnige Pracht Jerusalems, und wenn dann das abendliche ffimmelsfeuer über den sengenden Wellen einen Feuerbrand entzündete und goldene Springbrunnen vom. Horizonte der Veste einen Glanzregen heruntersprühten, dann durchzitterte mich ein Gefühl der Empörung, eine heilige Empfindung. Es durchzuckte mich, und der Gedanke gewann Leben, daß unser Volk gerettet werden müßte, daß sie alle zusammen wieder nach dem Osten, nach der Stadt der Städte wallen sollten: daß unser Volk wieder im Strahlenkranze der heiligen, auserwäblten Kinder Gottes einhergeheu müßte: daß sie dem zauberischen Lichte ihrer Stadt stolz und doch voll Demut durch die neuen Stätten entgegengehen müßten, iIrrer Stadt mit ihrem violetten Widerscheine und glühenden Lichtwogen, ihren kreideweißen harten Marmorhäusern und ihrer brennenden Himmelshitze, daß dann die goldleuchtenden Tore der Stadtviertel sieb von selbst unserm Volke öffnen würden. Oh! mit welchem herrlichen Taumel würden die geschmähten Juden die Blumengerüche des Ostens einsaugen! Mit welchem Jubel in klopfendem Herzen würden