Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 14 DIEIqK I MARTHA WOLFENSTEIN | Eine feine, anmutige Dichterin, eine von den wenigen Frauen, die Liebe zum Judentum mit künstlerischer Gestellungskraft verbinden, hat der Tod dahingerafft. Martha Wolfenstein, die Verfasserin der „Idyllen aus der Gass" ist im Alter von 36 Jahren gestorben, nachdem sie in den wenigen Jahren ihres dichterischen Schaffens die englisch-jüdische Literatur mit köstlichen Blüten bereichert hat. Den Lesern der „Welt", denen wir vor einigen Jahren die „Idylls of the Gass" in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht haben, werden sich wohl noch der Begleitworte erinnern, mit denen wir Martha Wolfenstein einführten. Es sei uns gestattet, bei dieser Gelegenheit nochmals anzuführen, was Israel Zangwill über die „Idylls" gesagt hat; „Es ist weder eine Novelle noch eine Sammlung kleinerer Erzählungen, sondern beides zusammen ä la Thackeray, mit Essaystückchen dazwischen, wo die Verfasserin ihr Herz ausschüttet. Es ist ein eigentümliches, originelles, echt frauenartiges Buch." Frauenhaft, gemütsinnig, voll Herzenswärme, so war Martha Wolfenstein im Leben und im Schaffen. Der „Jewish Comment", der die Nachricht von ihrem Tode bringt, widmet zugleich ihrem Andenken die herzlichsten Worte: „Es gibt heute niemand, der eine jüdische Erzählung in englischer Sprache so zu erzählen vermöchte, wie sie es konnte, Zangwill ist glänzender, Gordon routinierter in der Technik, — aber wenn es galt, eine Erzählung zu schreiben, wie eben eine Erzählung sein soll, da war Martha Wolfenstein unerreichbar. Sie sprach vom Herzen und ihre Worte drangen zum Herzen. Jeder künstlichen Rhetorik aus dem Wege gehend, verfügte sie über eine eigene Rhetorik, die der geborenen Erzählerin. Wer konnte mit mehr Anmut rühren? gewinnender im Humor, ergreifender in der Tragik sein? Ihre „Idyllen von der Gass" sind mehr als ein talentvolles Werk. Das Buch hat einen bleibenden Wert. Sie schuf einen Typus für die englische Vorstellung." Martha Wolfenstein hat nicht lange und nicht viel geschrieben. In den sechs Jahren ihrer literarischen Tätigkeit, während welcher sie unaufhörlich mit der schweren Krankheit zu kämpfen hatte, die endlich ihren frühen Tod herbeiführte, hat sie nur eine kleine Zahl von Büchern geschaffen, — und nicht alles war gleichwertig. Vollwertig aber war immer der Grundcharakter ihres Schaffens, das von einer sanften, melancholischen Harmonie erfüllt war. ELT Eine Kundgebung russischer Schriftsteller Der „Bund der russischen Schriftsteller" hat aus Aula!.) der von reaktionärer russischer Seite mit Unterstützung der russischen Polizei in vielen Städten Süd- und Nordwestrußlands getroffenen Vorbereitungen zu Exzessen gegen die Juden in den Petersburger Blättern „Retsch" und „Strana" einen Aufruf an die russische Gesellschaft erlassen, in welchem gegen die sträfliche Veranstaltung von Judenhetzen energisch protestiert und die ehrenhafte russische Gesellschaft aufgefordert wird, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden um das für die Osterfeiertage vorbereitete Judenmassaker zu verhindern und so von Rußland eine neue Schmach abzuwenden. Das in Moskau unter der Redaktion des bekannten russischen Novellisten Nikolai Krascheninnikow erscheinende Journal „Nowoje Slowo" veröffentlicht Daten und Belege über die unter behördlicher Assistenz getroffenen Vorbereitungen zu neuen Judenmassakers, welche die Kundgebung der russischen Schriftsteller nur allzusehr begründen. Danach ist es ein hoher Funktionär im russischen Ministerium des Innern, Staatsrat Lawrow welcher die Vorbereitungen zu den Judenmassakers leitet. Er hat mit Genehmigung der russischen Zensur in der Druckerei der Stadthauptmannschah: Proklamationen hergestellt, in welcher die „wahren Russen" zur Ausrottung der Juden aufgefordert werden. Ebensolche Aufrufe an die Soldaten wurden in der Druckerei des Stabes des Odessaer Militärbezirkes gedruckt und in Tausenden von Exemplaren unter den Soldaten verteilt. Diese Tatsache im Vereine mit der Freisprechung der Veranstalter der Judenmassakers von Odessa und Minsk, des Generals Neidhardt und des Gouverneurs Kurlow, haben unter der jüdischen Bevölkerung eine große Panik hervorgerufen, und die russischen Schriftsteller veranlaßt, den obenerwähnten Aufruf an die russische Gesellschaft zu veröffentlichen. Pogromstimmung Aus Minsk wird der Zeitung „Strana" berichtet: Vor einigen Tagen verbreitete sich unter der christlichen Bevölkerung das widersinnige Gerücht, daß die Juden ein christliches Mädchen zu religiösem Zwecke ermordet, haben. Die Tatsache, durch die gewisse Agitatoren das Blutmärchen unterstützen und es zum Ausgangspunkte einer neuen Judenmetzelei machen wollen, ist die, daß man nach dem städtischen Krankenhause ein Mädchen gebracht hat, das eine Halswunde aufwies. Die Wunde hat es während eines Streites mit ihrer Familie davongetragen. Aber die Hetzer und behördlich geschützten Agitatoren benutzen jede Gelegenheit um einen neuen Pogrom vorzubereiten. Von den Wahlergebnissen Wie frei und ungestört die jüdischen Wähler wählen können, ergibt sich aus der Meldung aus Jekaterinoslaw über den Ausfall der Wahl der Wahlmänner. Es wurden insgesamt nur 15 jüdische Wahlmänner gewählt, welche Zahl in gar keinem Verhältnisse zu der der jüdischen Einwohner' steht. Die Ursache ist die Terrorisierung der Juden seitens der Christen, die mit einem Pogrom drohten. Immerhin ein politisches Wahlmanöver. Von [Christen sind 50 Konservative und nur 15 Progressive gewählt worden. Dieselbe Erscheinung tritt in vielen anderen Städten zutage. o ooooooj| Co o o o o ooj) AUS DER BEWEGUNG (f O O O O O O ÜO O O O O O o J Sitzung des engeren Aktionskomitees Am Freitag den 6. April versammeln sich die Mitglieder des engeren Aktionskomitees in Köln zu einer Sitzung. Gleichzeitig findet eine Sitzung des Direktoriums der Anglo=Palestine Company statt, auf deren Tagesordnung die definitive Regelung der neuzueröffnenden Bankfiliale in Beyrut steht. Ägypten In Kairo hat sich nach einem Vortrage Dr. Scheinkins in der Synagoge ein zionistischer Verein „Moria" gegründet, der unter Leitung des Dr. Pilpoul die Arbeit energisch in Angriff genommen hat und sich auch um die Agitation außerhalb Kairos bemüht. Auch in Alexandrien haben sich die Zionisten zu einer Ortsgruppe vereinigt, die sich unter dem Vorsitz des Herrn Rosenfeld gut zu entwickeln verspricht. Deutschland Leipzig. Am 24. d. M. veranstaltete die Ortsgruppe „Zionistische Vereinigung*' eine Versammlung, bei der Herr Dr.E.Margulies über das Thema „Kann ein moderner Kulturmensch Zionist sein'? sprach. An der Hand eines geistreichen historischen Überblicks zeigte der Referent die Entwicklung des Judentums bis zum Zionismus, der, weil er nach dem Beispiele der anderen Völker nationale und wirtschaftliche Konsolidierung für die Juden verlangt, etwas