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Die Welt · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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25 Mandate kommen. Die Juden haben gleichfalls jden Polen die unbedingte Gefolgschaft, die ihnen die schwersten Feindschaften und gewaltige Lasten auferlegte, gekündigt, wodurch die Polen wahrscheinlich wiederum 6-7 Mandate einbüßen werden. Falls ein Kompromiß zwischen Ruthenen und Juden zustande kommen sollte, dürfte Ostgalizien vollständig dem Einflüsse der Polen verlorengehen. In den Städten Westgaliziens, wo die Juden 30 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben nur die Aussicht gewählt zu werden, die auf ein demokratisches Programm kandidieren, oder aber es werden auch hier Sozialisten gewählt. Nach der herrschenden Erbitterung gegen die Schlachta zu schließen, wird diese nur in geringer Stärke wiederkehren. Es fallen somit alle jene Befürchtungen, die namentlich von den deutschen Parteien gehegt werden, als ob Qalizien im Vereine mit den übrigen Slaven Österreichs eine Verdrängung oder Maiorisierung der Deutschen zustande bringen werde. Denn die Ruthenen haben sich stets als deutschenfreundliches Element bewährt und fühlen sich zu den Deutschen mehr hingezogen als zu den Polen, ja sogar als zu den Tschechen. Die Juden sind trotz ihrer zionistischen Gesinnung Bewunderer der deutschen Kultur. Die polnischen Sozialisten aber sehen-in den Deutschen ihre Lehrmeister und werden schwerlich für eine deutschenfeinliche Politik zu haben sein....." Es ist begreiflich, wenn in diesen armen Menschen die Idee der Revolution eine fast biblische Bedeutung gewonnen hat. Ein harter, unglaublich grausamer Bureaukratismus hat ihnen Luft und Licht geraubt. Die einfachsten Lebensbedingungen fehlen ihnen. Man hat diesen Unglücklichen die Freiheit der Bewegung genommen und sie in den sogenannten Ansiedelungsrayon eingepfercht. Man erfand für sie besondere polizeiliche An- und Abmeldungstorturen. Man engte ihre Erwerbstätigkeit nach Kräften ein und brachte sie vielfach um die Früchte ihres Fleißes und der Kraft ihrer Intelligenz. Nicht genug damit: Man ließ in staatlichen Druckereien Proklamationen und Broschüren drucken, die zur Judenhetze öffentlich aufforderten. Und als der beutelustige Pöbel diesen perfiden Lockrufen folgte, Häuser in Brand steckte, Läden und Wohnungen ausraubte, die jüdische Bevölkerung ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts unter raffinierten Grausamkeiten hinschlachtete, — als die Saat der Regierung in die Halme schoß, da war es die russische Polizei in den Städten und die Landhauptleute und Dorfpolizisten i.Urjädniki) auf dem Lande, die diesen grauenhaften Frevel unterstützten. Die Söhne und Töchter der besser Situierten unter diesen jüdisch-russischen Untertanen füllen die Hörsäle der Universitäten. So" gründlich und so gewissenhaft sie in der Arbeit waren, so begierig und zielbewußt griffen sie das Werk der Revolution an. Hier wie dort werden sie ihre Erfolge haben; das ist unausbleiblich. Dann werden die Verheißungen des Grafen Witte und Freiheitsversprechungen den Tag der Erfüllung sehen, in anderem Lichte freilich, als er sich gedacht haben mag. Nicht rosenfarbig, sondern in der Purpurglut des flammenden Aufstands wird die Sonne der Freiheit aufgehen." Die russische Revolution und die Juden. ,Unter, diesem llteI bringt der „Hannoverische Anzeiger" nachstehende Ausführungen seines Petersburger v. H.-Korrespondenten: „Die Revolution ist definitiv unterdrückt." Mit diesen prophetischen Worten beendete jüngst Durnowo, der Leiter unserer inneren Pollitk, eine Audienz, zu der er die Vertreter einiger jüdischen Gemeinden des russischen Südens in Gnaden und Selbstverleugnung verstattet hatte. Am selben Tage aber flatterte aus seiner Kanzlei, die an der nicht gerade mit Wohlgerüchen gesegneten Fontanka gelegen ist, ein Handschreiben des Allgewaltigen in die Weite, dessen Inhalt den Ausdünstungen jenes Flüßchens Konkurrenz machen könnte. Denn in dem Zirkular, das allen staatlichen Fabriken und sonstigen Großunternehmen zugedacht war, hieß es, daß sämtliche jüdischen Arbeiter als unzuverlässig sofort zu entlassen seien. Zwischen der oben bewunderten Wahrsagung Durnowos, die vom Ende der Revolution fabelt, und diesem „schlichten Abschied" ist ein edler Zusammenhang vorhanden. Das soll heißen: Jetzt ist es an der Zeit, aufzuräumen mit denen, die unsere Arbeiter immer und immer wiederum vom „rechten Wege" abbringen und die Herrlichkeiten der „Partei der Rechtsordnung" und ähnlicher autokratiefreundlicher, politischer Vereinigungen mit Mißtrauen und Verläumdung zudecken. Das sind nach Durnowos Überzeugung die Juden. Nimmt man ihnen das Brot und jagt sie aus den Fabriken auf die Straße hinaus, so wird es möglich sein, diese „elenden Revolutionäre" als Arbeitslose und Strolche zu behandeln, und die Polizei wird nur ihre Pflicht tun, wenn sie diese Herumtreiber und Heimatslose^aufgreift^und sie dem Landhauptmann des Kreises, wo sie gebürtig sind, zur Verfügung stellt. Gottlob, die russischen Landhauptleute, die ihre Existenz und erste Instruktion von einem Plehwe erhielten, verstehen es, dergleichen staatsgefährliche Elemente dauernd unschädlich zu machen. Indessen hat auch unser Premier Graf Witte, des öfteren jüdische Deputationen empfangen. Er hat es nie an schönen Worten fehlen lassen, und neulich soll er sich sogar zu der Äußerung verstiegen haben, alle seine Vorgänger hätten mit ihrer Politik den russischen Juden bitteres Unrecht getan. Die Quintessenz aller dieser Audienzen in der Ministerialwohnung des Winterpalais ist aber stets die mysteriöse Verheißung: „Das muß jetzt anders werden". Nun nennen sich ja die Juden im Anklang an biblische Worte zwar selbst das Volk der Verheißung. Nichtsdestoweniger dürften sie in Rußland angesichts der traurigen Tatsache, daß der Verheißung stets die Erfüllung ausblieb, mit diesem Ehrentitel kaum zufrieden sein. Auch nicht, wenn ein Witte, den die russischen Juden, wegen der israelitischen Herkunft seiner Gattin, halb und halb zu den Ihrigen zu rechnen gewohnt sind, stets aufs neue an den Begriff der Verheißung erinnert. Und schließlich, wenn es wahr ist, was Witte in den Mund gelegt wird, wenn seine Äußerung: „Durnowo ist in höchstem Ansehen bei Hofe, und wenn er heute mich stürzen will, so liegt das in seiner Macht", nur annähernd der Wirklichkeit entspricht, so werden die jüdischen Deputationen wohl oder übel erkennen müssen, daß ihr Kanaan nicht im Winterpalais liegt, sondern daß das Land ihrer Sehnsucht, ihrer Freiheitsträume und ihrer hundertjährigen Hoffnung, das Land, in dem ihnen Milch und Honig fließt, durch das rote Haus des Innenministers und die süß duftende Fontanka repräsentiert wird . . . NACHRICHTN =^=: Das Urteil im Prosesse gegen die Veranstalter der Judenexzesse in Mohilew In Mohilew ist der Prozeß wegen der Judenmassakres zum Abschluß gelangt. Sechs Angeklagte wurden zu anderthalb Jahren Strafarbeit und zum Verluste der Bürgerrechte und ein Angeklagter zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, drei Angeklagte wurden freigesprochen. Die Entschädigungsansprüche der geplünderten Juden wurden abgewiesen. Furcht vor Judenhetzen Kiew, 30. März. Die Freisprechung des Generals Neidhardt hat unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung große Beunruhigung hervorgerufen; der Ausbruch neuer Judenhetzen wird zu Ostern befürchtet. Zahlreiche Familien verlassen die Stadt. Odessa, 31. März. Die Massenflucht der Juden aus Odessa, Moskau, Proskurow, Kiew, Kischenew etc., wo zahlreiche Flugschriften aufreizenden Inhaltes anläßlich der Reichsdumawahlen und der herannahenden Osterfeiertage verteilt werden, hat jetzt wieder begonnen. Pogromgefahr und offiziöse Verlautbarungen Petersburg, 2. April. Infolge der eben aus verschiedenen Teilen des Reiches eingehenden Nachrichten darüber, daß demnächst gegen die Juden gerichtete Kundgebungen ausbrechen würden, hat sich die Petersburger Telegraphenagentur an die höchste zuständige Behörde gewendet, um die Wahrheit über diese Nachrichten zu erfahren. Es ist ihr dort mitgeteilt worden, daß man in Regierungskreisen die Überzeugung habe, daf3 derartige Unruhen, wie die angekündigten, unmöglich vorkommen könnten, denn es seien die kräftigsten Maßnahmen getroffen worden, um eine Wiederholung solcher Unruhen zu verhindern. Der Minister des Innern habe gestern auf Befehl des Ministerpräsidenten Grafen Witte durch Soldaten ein Rundschreiben an die Gouverneure der Provinzen mit jüdischer Bevölkerung verschickt. Sollten dennoch irgendwo Unruhen ausbrechen, so würden die lokalen Behörden dafür verantwortlich gemacht und der Gerichtsbarkeit überliefert werden. Ein Schächtverbot in Argentinien Wie uns aus Buenos Aires telegraphiert wird, ist dort von der Regierung ein Verbot gegen das rituelle Schächten erlassen worden Die argentinischen Juden wollen dagegen Stellung nehmen und streben die Aufhebung des Verbotes an.

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