Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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durchaus Modernes und für den modernen Juden Erstrebenswertes ist. Königsberg. In einer am 1. April abgehaltenen großen Versammlung der Königsberger Zionistischen Vereinigung wurde vom Vorsitzenden Herrn Dr. Hoppe nachfolgende Erklärung verlesen: „Bevor wir in die Tagesordnung eintreten, habe ich im Auftrage des Vorstandes der Zionistischen Vereinigung folgende Erklärung abzugeben: Es herrscht über die Affäre Perlmann in der Königsberger .ludenheit eine tiefgehende Erregung, und es dürften daher viele der Anwesenden der Meinung sein, daß die Angelegenheit heute zur Sprache kommen wird. Ich habe Ihnen nun in dieser Sache folgendes mitzuteilen: Daß von unserer Vereinigung in das Schutzkomitee delegierte Mitglied des Vorstandes. Herr Rechtsanwalt Dr. Jacobi, hat auf seine Anfrage vom Schutzkomitee eine von den Herren George Marx und Prof. Dr. Lassar-Cohn unterzeichnete Zuschrift erhalten, in welcher zum Ausdruck gebracht ist, 1. daß „niemals auf politische Parteizugehörigkeit oder auf Gesinnung in irgend welcher Hinsicht Rücksicht genommen worden ist, daß vielmehr jeder als unser unglücklicher Nächster behandelt wird, daß, soweit eine Prüfung der Auswanderer stattfindet, sich dieselbe lediglich auf die Feststellung der tatsächlichen Unterstützungsbedürftigkeit erstreckt, und daß nie eine andere Unterscheidung als nur nach dem Grade des Leidens anerkannt worden ist": 2. daß „das von Herrn Perlmann an sechs Herren vertraulich gerichtete Schreiben höchst unglücklich abgefaßt war". Damit hat das Schutzkomitee unzweideutig ausgesprochen, daß es sich mit dem Inhalt des Perlmannschen Briefes nicht identifiziert, sondern ihn im Gegenteil verurteilt, und daß es auch für die Folge nicht gewillt ist, von seinen Grundsätzen abzuweichen. Was uns Zionisten anlangt, so hat wohl niemals ein Zweifel darüber bestanden, daß uns die Zugehörigkeit zu einer politischen Partei nicht als Grund erscheinen darf, hilfsbedürftigen Flüchtlingen den notwendigen Schutz vorzuenthalten. Selbstredend darf auch den Bundisten gegenüber von diesem Prinzip nicht abgewichen werden, obwohl der Bundismus sich stets in bewußten schärfsten Gegensatz zum Zionismus gestellt hat. Nach der erwähnten Zuschrift des Schutzkomitees halten wir von unserer Seite die Angelegenheit für erledigt. Dabei bemerke ich. daß wir diese Erklärung veröffentlichen werden." Die Zuschrift des Schutzkomitees hat folgenden Wortlaut: Jeder, der die bisherige Tätigkeit der Schutz-Komitees beobachtet hat. ohne sich in deren unbefangener Beurteilung durch die Zeitungspolemiken beirren zu lassen, weiß, daß sie eine ungemein segensreiche ist, da sie vielen Tausenden unserer russischen Glaubensbrüder in reichem Maße Heil und Nutzen gebracht hat. Er weiß aber auch, daß niemals auf politische Parteizugehörigkeit oder auf Gesinnung, in irgendwelcher Hinsicht, Rücksicht genommen worden ist, daß vielmehr jeder als unser unglücklicher Nächster behandelt wird. Soweit eine Prüfung der Auswanderer stattfindet, erstreckt sich dieselbe lediglich auf die Feststellung der tatsächlichen Unterstützungsbedürftigkeit. Das Schutz-Komitee hat sich seiner Aufgabe mit aller Hingebung gewidmet, keines der Mitglieder jedoch mit solcher Opferwilligkeit wie gerade Herr M. Perlmann, welcher die Anforderungen seines Geschäftes ganz hinter die Pflichten des Liebeswerkes zurücktreten ließ. Er konnte deshalb auch mit ruhigem Gewissen die skruppellosen, in ihrem Inhalt gänzlich unbegründeten Angriffe über sich ergehen lassen. Was ist denn in Wirklichkeit geschehen? Herr Perlmann und andere Komitee-Mitglieder wurden durch Belästigungen und unberechtigte Anforderungen einer Anzahl jugendlicher Leute aus Rußland derart behelligt, daß sie bei Andauer ähnlicher Zustände das ganze Hilfswerk als gefährdet ansehen mußten. Einzelne Komitee-Mitglieder hatten daraufhin auch bereits ihre Mitwirkung eingestellt. In solcher Stimmung und einer Augenblickseingebung folgend, entschloß sich Herr Perlmann zur Versendung eines an b Herren gerichteten Schreibens, das. wie wir gern zugeben wollen, höchst unglücklich abgefaßt war. Von sehen der anderen Auswanderer waren die betreffenden Personen als „Bundisten" bezeichnet worden. Nur durch eine unentschuldbare Indiskretion ist der Brief in die Öffentlichkeit gelangt und hat dadurch soviel Aufregung verursacht. Zu keinem Zeitpunkt aber hat bei Herrn Perlmann oder den anderen Komitee-Mitgliedern das innigste Mitgefühl mit den Opfern der russischen Barbarei eine andere Unterscheidung als nach dem Grade des Leidens gekannt, und ebensowenig hat der Wille aufgehört, allen, soweit dies irgend anging, zu helfen. Indes, so hoch uns auch die großen Ziele der jüdischen Wohltätigkeit stehen, wir sind alle nur Menschen, die, zumal wenn uns Unrecht und Böswilligkeit entgegentreten, auch einmal fehlgreifen können. Das sollte man entschuldigen, aber nicht durch maßlose Verdächtigungen das ganze Liebeswerk untergraben. In größter Hochachtung Das Schutz-Komitee für durchreisende russische Juden in Königsberg. Österreich Wien. Der Zionistische Zentral verein eröffnete Mittwoch 4. d. seine Bibliothek, die zahlreiche interessante jüdische Werke und die zionistische Literatur enthält, und sein Lesezimmer im Lokale G., Türkenstraße 9. Alle zionistischen Zeitungen der Welt und viele andere liegen auf. Damit wird einem längst empfundenen Bedürfnis der Wiener Gesinnungsgenossen abgeholfen. Dieser Tage erscheint auch die 2. Nummer der „Mitteilungen" des Zionistischen Zentralvereins, die als Beilage eine neue, vom Verein herausgegebene Agitationsbroschüre „Der politische Zionismus" enthält, auf die wir noch zurückkommen werden. Bestellungen darauf sind an den Verein zu richten. — In der laufenden Woche hat der Verein zwei Agitationsversammlungen abgehalten. Samstag den 7. April er. findet im Lokale G., Türkenstraße 9, ein Vortrag des Dr. Isidor Margulies: „Der politische Zionismus auf dem 7. Kongreß" statt. Zutritt für Gesinnungsgenossen und eingeführte -Gäste. Wien. Mittwoch den 28. März fand in Wien eine Sitzung des erweiterten L. C. statt, an der teilnahmen: der Präsident des A. C. David Wolffsohn aus Köln, vom engeren A. C. Dr. Alexander Marmorek (Paris), die Mitglieder des großen A. C. Arch. Oskar Marmorek, Kremenetzky, Dr. Kahn, Dr. Schnirer, das Wiener L. C. und innerösterr. D. C, ferner Dozent Dr. Mahler aus Prag u. a. Den Vorsitz führte Dr. Schalit, welcher die Diskussion mit einem ausführlichen Berichte über aktuelle Fragen der inneren Organisation und politischen Betätigung eröffnete. Dem Referate folgte eine mehrstündige Diskussion, welche volle Obereinstimmung der Versammlung mit den von Dr. Schalit entwickelten Grundsätzen ergab. Der Präsident des A. C. erklärte, daß die derzeitigen Bestrebungen der österreichischen Zionisten seine Sympathien haben und auf seine Unterstützung rechnen können. Er erblicke in der gegenwärtigen Aktion den Ausdruck kräftiger Energie. Am Schlüsse der Diskussionen gelangten ibei zwei Stimmenenthaltungen) folgende Resolutionen zur Annahme: 1. Das A. C. wird ersucht, gemäß dem Organisationsstatut Schekelblocks für Österreich nur an das L. C. abzugeben. 2. Die Vertrauensversammlung gibt der Ansicht Ausdruck, daß dem L. C. in allen mit der innerösterr. Politik zusammenhängenden Fragen jene Autonomie zu wahren sei, welcher das L. C. zur Führung seiner Geschäfte bedarf. Zugleich dankt die Versammlung dem Präsidenten Herrn Wolffsohn für seine Ausführungen, aus denen die volle Übereinstimmung zwischen ihm nnd dem L. C. hervorgeht. Der Obmann des Polenklubs über den Zionismus In einer Besprechung, die vorige Woche zwischen dem Obmanne der zionistischen Landesorganisation Herrn Doktor Schalit und dem Vorstandsmitgliede Herrn H. Müller einerseits und dem Obmanne des Polenklubs Grafen Dzieduszycki anderseits stattfand, äußerte sich dieser folgendermaßen über den Zionismus: „Ich anerkenne den Zionismus als eine idealistische und ethische Bewegung. Ich erkenne seine großen Vorzüge, verhehle mir aber nicht, daß er, wie jede ethische Bewegung, das Gebrechen besitzt, nicht immer praktisch zu sein. Ich sympathisiere aber mit dem Zionismus, weil er eine Bewegung der Wahrheit ist im Gegensatz zur Lüge des 19. Jahrhunderts, die vorgab, daß die Juden Polen, Tschechen oder Deutsche seien." «»V t^mA^f^it****^ *\"~k+h ^«w**m"0< kt n^iu^^if^M^i 'u> n^n^^w1^ nQ»j»i>'»__iM Briefkasten des Zionistischen Zentralbureaus: Mannheimer Zionisten: Herzlichen Dank und Gruß, W. Meeting Braila: Besten Dank, wünschen guten Erfolg, W. ^^-^a«*^w^^«i*v, m "mtof* Mit dieser Nummer erhalten unsere Leser als Beilage das Register zum Protokoll des VII. Zionisten-Kongresses, bearbeitet von Hugo Schachtel (Breslau). Das Protokoll des VII. Kongresses sowie Protokolle der früheren Kongresse (soweit vorrätig! sind zum Preise von Mk. 1. zu beziehen durch den Jüdischen Verlag, Berlin=CharlOttenburg, Herderstr. 3 4. Daselbst ist auch erhältlich das Schachteische Register zum I.---VI. Kongreß, Preis A4k. 0.75. ^0^^^0»^^»^ßt^ ly^^w^^i^^^^^^^^i^^i^^^/^^^n^^yi Verlag „Die Welt" Köln, Ubierring 23. Verantwortlicher Redakteur Julius Berger. Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.