Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316201--47982-3342891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\<>. 14 DIEÄELT l) dauern, daß der „Hilfsverein" seine Mittel und seinen Einfluß nicht dem großen nationalen Befreiungs- und Kolonisationswerk zuwendet. Der Hilfsverein sorgt für alle, die nach England wollen, nach den Vereinigten Staaten, nach Kanada. Er bemüht sich um den Transport, er verwendet sich sogar für den Unterhalt. Nur ein Land fehlt auf der Liste der Einwanderungsländer — —. Auch die sonstige Arbeit des „Hilfsvereins verdient volles Lob. Ob es sich um die Einführung neuer Industrien in Galizien oder um die Bekämpfung des Mädchenhandels handelt, überall sieht man ein eifriges Vorwärtsstreben, ein rastloses Mühen. Auch die Errichtung von Kindergärten und Schulen erfolgt offenbar nach gediegenen Grundsätzen. Ein Detail erscheint uns in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Es ist nämlich seltsam, daß sich gerade auf diesem Gebiete, das bisher als die alleinige Domäne der „Alliance Israelite Universelle" galt, die Gegensätze manchmal in nicht freundlicher Weise berühren. So hat die Anglo Jewish Association der Gemeinde Philippopel in diesem Jahre ihre jährliche Subvention von 1000 Fcs. verweigert, weil, wie, der Bericht sagt, die Gemeinde die Schule, die früher von der „Alliance" geleitet wurde, neuerdings unter den Schutz des „Hilfsvereins" gestellt hat. Zu bemerken ist noch die nachdrückliche — wie es uns scheint, zu nachdrückliche -- Betonung der Tatsache, daß die Unterrichtssprache in den vom „Hilfsverein" unterhaltenen oder subventionierten Schulen des europäischen Orients die deutsche ist. Uns interessiert natürlich am meisten die Tätigkeit des Hilfsvereins in der Türkei resp. in Palästina. Und wir freuen uns konstatieren zu können, daß'der Bericht betont, daß sich die Haupttätigkeit des Vereins auf dem Gebiete des Erziehungs- und Unterrichtswesens insbesondere auf Palästina konzentriert hat. Wir hatten erst neuerdings Ursache mitzuteilen, daß der Hilfsverein für sein Werk in Palästina wiederum namhafte Summen ausgeworfen hat. Der Bericht gibt uns in anschaulicher Weise ein Bild von der Art dieses Werkes, das sich hauptsächlich auch auf dem Gebiete der Schule bewegt. Und da bereitet es uns eine große Genugtuung, vor allen Dingen hervorheben zu können, daß in allen türkischen Hilfsvereinschulen das Hebräische das Hauptfach, ist, daß mit einer Ausnahme überall das Bestreben hervortritt, das Hebräische zur Umgangssprache der Kinder zu machen. Schon in der Konstantinopeler Schule wird auf das Hebräische mehr als die Hälfte aller Stunden verwandt, der Kindergarten kennt überhaupt als einzigen Lehrgegenstand nur das Hebräische. Der Bericht sagt darüber: „Einen Vorzug unserer Schule vor allen anderen sehen wir besonders darin, daß in ihr das Hebräische als eine lebende Sprache behandelt wird. . Damit wollen wir keineswegs irgendeiner Richtung im Judentum gerecht werden, sondern bloß eine Methode bevorzugen, die sich immer mehr bewährt und immer weitere Kreise gewinnt.....Hier hat nämlich der Lehrer oder die Lehrerin die hebräisch sprechende Mutter zu ersetzen." Das klingt so selbstverständlich, und doch ist es für uns eine erfreuliche Neuheit, diese Wahrheit aus einem andern Lager zu hören. In Jerusalem, Jaffa und Saffed unterhält der Hilfsverein Kindergärten. In Jerusalem eröffnete er im vorigen Jahre eine Mädchenschule und in diesem Jahre in Jaffa eine Knabenschule. Ruppin hat erst neulich in der Broschüre „Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland" auf die merkwürdige Tatsache hingewiesen, daß die höhere Schulbildung der jüdischen Mädchen in Rußland verhältnismäßig besser ist als die der Knaben, weil eben die Eltern ihre Knaben unter allen Umständen ins Cheder schicken zu müssen glauben, während ihnen die religiöse Tradition in bezug auf die Erziehung der Mädchen freie Hand läßt. Etwas Ähnliches finden wir in den beiden Kindergärten in Jerusalem, wo die Knaben nur 30 resp. sogar nur 19°/o der den Kindergarten besuchenden Kinder ausmachen! Richtig und wichtig ist das Bestreben der Leitung, die Eltern -- wo es angeht -- zu den Schullasten heranzuziehen und sie so auch materiell an der Erziehung der Kinder zu interessieren. In allen Schulen und Kindergärten ist die Unterrichtssprache hebräisch. Die Lehrer und Lehrerinnen bemühen sich, den Kindern das Hebräische „spielend" beizubringen. Mit Genugtuung wird verzeichnet, daß die Eltern das Hebräische von den Kindern lernen oder, wie es wohl heißen müßte, wieder lernen und es zu ihrer Umgangssprache machen. Merkwürdigerweise macht die Lehrerbildungsanstalt in Jerusalem, die nach dem Berichte „die zu gründenden Schulen mit tüchtigen, zugleich auf dem Boden der Tradition wie mit dem Rüstzeug moderner Bildung versehenen Lehrkräften versorgen" soll, eine Ausnahme von dieser Regel. Hier werden in den verschiedenen Klassen für Talmud und Exegese 4, 4, 3 .....für Bibel und Exegese 2, 2, 2 für jüdische Geschichte 1, 1, 1 - für Weltgeschichte 2, 2, 2 -Stunden aufgewandt. Hebräische Sprache und Literatur ist mit 3, 3, 3 Stunden bedacht und erreicht damit den Rang des Arabischen, während für Deutsch 6, 5, 5 Stunden aufgewendet werden. Auf Deutsch entfallen somit ungefähr ebensoviele Stunden wie auf sämtliche jüdischen Disziplinen zusam men. Warum gerade bei der wichtigsten Schule, dem Lehrerseminar, der hebräische und jüdische Unterricht auf Kosten des für Palästina doch nur sehr wenig in Betracht kommenden deutschen so zurückgedrängt wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Hoffentlich wird hier schon mit Rücksicht auf die bei den Kinderschulen gesammelten Erfahrungen bald die entsprechende Korrektur eintreten. Alles in allem gewährt der Bericht ein erfreuliches Bild von eifriger, tüchtiger Arbeit. MORITZ STEINSCHNEIDER (Zu seinem 90. Geburtstage) Von Dr. Felix Kau ff mann (Frankfurt)*) In diesen Tagen feierte Professor Dr. Moritz Steinschneider in Berlin, der. Altmeister der hebräischen Bibliographie, in der Zurückgezogenheit seiner Gelehrtenstube den neunzigsten Geburtstag. Steinschneider hat die Resultate seiner sich über die weitverzweigten Gebiete der hebräischen Buch- und Handschriftenkunde der jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte erstreckenden Untersuchungen nicht von dem propagierenden Lehrstuhle eines akademischen Institutes aus verkündet. Das mindert nicht seine Bedeutung, erklärt aber die Tatsache, daß der greise, noch heute jugendlich schaffende Forscher in weiteren Kreisen nicht so bekannt geworden ist, wie es seine Arbeiten und deren Ergebnisse verdient hätten, und rechtfertigt es deshalb, wenn wir an diesem Tage, dem Eintritt Steinschneiders in *) Frktf. Ztg. das zehnte Lebensdezennium, der breiteren Öffentlichkeit ein gedrängtes Bild von Leben und Leistung dieses um seine spezielle Wissenschaft so hoch verdienten Mannes geben. Moritz Steinschneider ist — wir folgen bei diesen biographischen Angaben Steinschneiders autobiographischen Notizen, die er in Wurzbachs Lexikon im Jahre 1878 gab — am 30. März 1816 in Proßnitz in Mähren geboren. Steinschneiders Vater, Jakob Steinschneider, vereinigte in sich eine umfassende allgemeine Bildung mit einer gründlichen Kenntnis der rabbinischen Literatur in allen ihren Verzweigungen, und sein Haus bildete den Mittelpunkt der auch in ihren allgemeinen Kenntnissen für die damalige Zeit weit fortgeschrittenen mährischen Judenheit. Moritz Steinschneider besuchte zunächst die Proßnitzer allgemeine Schule und von seinem