Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 14 billigen Kredits gehabt, und die Genossenschaften selbst haben schon jetzt einen Überschuß von einigen 1000 Francs. Einige weitere Genossenschaften sind schon jetzt in der Bildung begriffen, und es ist anzunehmen, daß die Einrichtung sich bald auf alle jüdischen Kolonien und Gemeinden des Landes ausdehnen und so die Grundlage zu einer starken wirtschaftlichen Organisation legen wird. Der Schlußstein des Systems wäre die Vereinigung der zu einer größeren Zahl angewachsenen Genossenschaften in einer Zentral- Genossenschaftskasse mit gegenseitiger Haftung der einzelnen Gruppen, wodurch wieder bei Verringerung des Risikos eine weit größere Kreditfähigkeit der einzelnen Genossenschaften herbeigeführt würde. Bei dieser Gelegenheit soll im nachfolgenden eine kleine Skizze von der sonstigen bisherigen Tätigkeit der Bank gegeben werden. Was die Kolonien betrifft, so hat, auch abgesehen von ihrer Anteilnahme an den oben erwähnten Kreditgenossenschaften, die Anglo-Palestine Company schon vieles geleistet. Sie hat z. B. den Komitees von Petach Tikwah, Chederah, Kastinieh und Artuf Summen zur Verfügung gestellt, die diese Komitees an Kolonisten liehen, und die nach der Ernte zurückzuzahlen waren. Was ein solcher Kredit zu mäßigem Zinsfuß in Palästina besagen will, das kann man nur auf Grund der Kenntnis von den früheren Zuständen beurteilen. Die ländlichen Kreditverhältnisse sind sehr schlecht, und die arabischen Wucherer pflegen bei einem 9—10 monatlichen Kredit (von der Zeit der ersten Bestellung bis zur Ernte) für zehn Napoleon fünfzehn zu bekommen, was bei der durchschnittlichen Dauer des Darlehens einem Prozentsatz von 73 entspricht! Auch jüdische Kolonisten waren solchen Wucherern in die Hände gefallen, und erst die Eröffnung der Bank bot eine Gewähr dafür, daß kein jüdischer Kolonist in Zukunft derart ausgeraubt werden kann. Die Garantie des Komitees der Kolonien schließt ein Risiko aus, und die Bank kann sich daher mit sehr geringen Zinsen begnügen. Die bisherigen Erfahrungen waren auch durchaus zufriedenstellend. Alle vorjährigen Darlehen sind pünktlich zurückgezahlt worden. Weiter genossen billigen Kredit die Weinbauern-Genossenschaften von Rechowoth und Petach Tikwah; einzelnen Kolonisten in Rechowoth, Rischon, Katra und Chederah wurde Kredit gegen Sicherheit in Waren (Wein und Kognak, die Ware verblieb gegen Gutsage vertrauenswerter Kolonisten in den Kolonien) eingeräumt, und schließlich erhielten wohlhabende Kolonisten, denen es an flüssigen Mitteln fehlte, Kredite zum Zweck von Landkauf, Anlegung von weiteren Pflanzungen usw. Indirekt, und zwar durch Vermittlung von landes- und gesetzeskundigen Vertrauensleuten, hat die Bank auch auf die Steuerverhältnisse der Kolonien gelegentlich Einfluß nehmen können. So wurde im letzten Jahre der sogenannte „Zehnte" der Kolonie Kastinieh von 40—42 % auf das gesetzliche Maß von 12s/4°o reduziert und die Kolonie auf diese Weise fast vor dem Ruin gerettet. *) In den Städten — zunächst hauptsächlich in Jerusalem und Jaffa — haben fast alle jüdischen Geschäftsleute, Industrielle und Gewerbetreibende von der Bank bereits Vorteile gehabt. Sogar die philanthropischen und sonstigen Institute, deren Einkünfte gelegentlich etwas zögernd einfließen und die dadurch bisher öfters ihre Tätigkeit zeitweilig einschränken mußten, wurden durch den ihnen gewährten Bankkredit von dieser Notwendigkeit befreit, und hierdurch kam natürlich auch mehr Stetigkeit in den Geschäftsbetrieb derjenigen Kaufleute, die wesentlich auf die Kundschaft dieser Institute angewiesen sind. In Ländern mit einer seit langem durchgebildeten Handelsgesetzgebung, die für alle Erfordernisse des Handels, der Industrie, des *) Es mag hier erwähnt werden, daß eine zu hohe Bemessung des Osoher (Zehnten), wie sie gelegentlich vorkommt, durch das Eingreifen von in solchen Fragen versierten, zuverlässigen Leuten fast stets vermieden werden kann. 1 Verkehrs usw. besonders geeignete Gesellschaftsformen, Sicherheiten und dergleichen vorsieht, kann man sich schwer einen Begriff davon machen, wieviel in einem Lande wie Palästina von einem guten Bankinstitute geleistet werden kann. Das Beispiel der oben geschilderten Kreditgenossenschaften, die in andern Ländern nur im Rahmen der betreffenden, genau umschriebenen gesetzlichen Formen möglich wären und hier auf dem Wege des Privatvertrages durchgeführt wurden, ist nur eines von vielen. Für eine ganze Reihe von geschäftlichen Transaktionen und Gesellschaftsformen hat sich hier ein einfacher Ersatz herausgebildet, der wenigstens im bisherigen, ziemlich engen Kreise sich als völlig ausreichend und sicher erwiesen hat. Die Tätigkeit der Bank kann sich natürlich nicht auf das jüdische Publikum beschränken wollen. Es ist im Gegenteil für das Ansehen des Instituts im Lande durchaus notwendig, daß ihre Wirkungen über den jüdischen Rahmen hinausgehen. Die Bank hat denn auch in diesem Sinne gearbeitet, und es ist ihr gelungen, dadurch zu einem wirtschaftlichen Einfluß zu gelangen, den sie manchesmal schon zugunsten jüdischer Unternehmungen hat geltend machen können. Auch an Landkauf und den damit zusammenhängenden Transaktionen hat die Anglo-Palestine Company sich betätigt. Sie hat für den Nationalfonds Dalaika und Chattin*) erworben und auch selbst zum Zweck des Weiterverkaufs einige Ländereien gekauft. Es ist bekanntlich in Palästina .(besonders für nicht-ottomanische Untertanen) schwer, Land zu erwerben, und es wäre fast unmöglich, wenn jeder einzelne einzeln kaufen wollte. Die Bank hat daher im Interesse der Kolonisation einige größere Landstücke erworben, die sie nach Erledigung aller gesetzlichen Formalitäten parzellenweise an kleinere Käufer abgibt. So hat sie in der Nähe von Petach Tikwah das Terrain von Fedscha gekauft, bei Lydda hat sie Hadid erworben, wo Wilbuschewitschs Ölfabrik im Gange ist und wohin in diesem Sommer auch die Beikindsche Schule verlegt wird. Weiter gehört ihr Chulda (bei Ekron — nahe der Jaffa-Jerusalem-Bahn), und schließlich hat sie am Nordende von Jaffa am Meeresufer ein städtisches Terrain erworben, wo 60—70 Häuser gebaut werden könnten. Leider ist die jüdische Nachfrage nach Land nicht so groß wie zur Zeit das Angebot seitens der Bank, und das ist zu beklagen. Denn die Bank kann natürlich nicht weiter Ländereien kaufen, solange der Verkauf der bereits erworbenen auf sich warten läßt. Es ist auch fast verwunderlich, daß aus allem Enthusiasmus so wenig Praktisches herauskommt, — noch dazu, da das „Praktische" hier wirklich praktisch ist. Die in Palästina ansässigen Kolonisten -— besonders die Besitzer der Bojaren**) und sonstigen Baumpflanzungen — kaufen Land zur weiteren Bearbeitung, so weit ihre Gelder und Kredite reichen, und in den Städten spürt es jeder Jude am eigenen Geldbeutel und an den in den letzten paar Jahren stark gestiegenen Mietspreisen, ein wie gutes Geschäft es ist, in Jaffa z. B. Hausbesitzer zu sein. Es wäre in jeder Beziehung jammerschade, wenn man von jüdischer Seite den städtischen Grundbesitz vernachlässigen und so einen der wesentlichsten Vorteile aus der gegenwärtigen Lage den arabischen Hausbesitzern in die Taschen gleiten lassen wollte. Um aber wieder auf die Bank zu kommen, so wäre noch zu sagen, daß die beiden bisherigen Filialen neben allen anderen Leistungen durch ihre moderne Einrichtung, durch die neuen Kräfte, die sie ins Land gezogen haben, viel zur „Europäisierung" Palästinas beigetragen haben. Und schließlich verdient noch hervorgehoben zu werden, daß die Anglo-Palestine Company durch absolute Fernhaltung von aller Parteinahme innerhalb der palästinensischen Judenheit sich des Vertrauens aller Parteien, von der extremsten modernen bis zur orthodoxesten Färbung, erfreut. *) Beides in Galiläa. Wie man sagt, sehr gutes Land. **j „Bojaren ' sind die Orau gegärten.