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Die Welt · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Xo. 14 DIE^Ki ELT %^ POLITISCHE REVUE # m Habent sua fata flores! ,Die Menschen Vivägzik a tuiipän! J{eben füp ihre heiligen Ulld Linheiligeii Kriege Symbole zu suchen, Farben, Klänge, Fahnen, Trachten. Und zu allen Zeiten waren diese Symbole, die Zeichen der Einheit in Gefühl und Tat, eine seltsam mächtige Kraft. Es liegt in ihnen etwas unwiderstehlich Antreibendes, Vorwärtstreibendes, und manch ein Historiker könnte lange darüber nachsinnen, was zu Zeiten stärker war: der hinreißende Chor der Marseillaise, das vorangetragene Kreuz, der wallende Roßschweif, das Besacegewand der Geusen, mit einem Wort die Gewalt des sinnenfälligen Symbols oder die Macht der oft unklaren, unbewußten Wünsche unä Gefühle..... Auch die Blume ist eine geschichtliche Kraft geworden. Die Lilie, die Nelke, die Rose, das Veilchen, die Kirschenblüte, und so viele andere, jede ein Zeichen eines stolzen Volkes, einer streitbaren Schar. . . Ungarn steht jetzt im Zeichen der Tulpe. Die Tulipana öffentlich zu tragen -- ist das Symbol einer großen Liga geworden. „Zweck der Liga ist, unter der begeisterten Mitwirkung der ungarischen Frauen eine möglichst weite Kreise umfassende Propaganda in der Gesellschaft zu entfalten, um durch eine wirksame Kundgebung des nationalen Geistes und des patriotischen Zusammenfühlens im Interesse des Schutzes der ungarischen Industrie eine Aktion zu vollführen. Zur Erreichung dieses Zieles dient: 1. Eine definitive Stellungnahme für jeden nationalen Gedanken, für jede nationale Bewegung und Bestrebung und eine möglichst energische Mitwirkung dafür, daß keine hiermit im Gegensatze stehende Tendenz in der Gesellschaft zur Geltung gelangen könne. 2. Die Pflege des nationalen Gefühles im Familienleben und hauptsächlich auf dem Gebiete der Erziehung. 3. Die Vermeidung jedes Luxus und jeder entbehrlichen Liebhaberei für die Zeit, in welcher man einer Milderung des „Elends und der Leiden", welche die Nation getroffen haben, bedarf, sofern dies den ungarischen Kulturbestrebungen schadet. , 4. Die Ermunterung und Unterstützung jener gesellschaftlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Unternehmungen, welche eine Förderung des nationalen Charakters und der nationalen Selbständigkeit bezwecken. 5. Die Mitwirkung in erster Linie durch das eigne Beispiel, gleichzeitig aber , auch durch eine in die weitesten Kreise getragene Agitation dafür, daß der Ongar nach Möglichkeit jeden Bedarf von ungarischen Produzenten und Industriellen mit Mitteln ungarischer Provenienz decke." . . . Tulpen überall! Männer und Frauen schmücken sich mit der prächtigen Blume, die den Glanz des zu jedem Opfer bereiten magyarischen Nationalismus symbolisieren soll. Auch die Juden, unter denen es nicht nur ungarische Patrioten, sondern magyarische Chauvinisten gibt, — von einem Chauvinismus, der selbst den assimilatorischsten Juden anderer Länder fremd ist, zieren ihre Brust mit der Tulpe. Aber das gefällt den ungarischen Klerikalen nicht. Der „Alkotmany" bezeichnet die Tulpe als ausschließliches Emblem des Antisemitismus und benutzt die Gelegenheit, um gegen die ungarische Judenheit scharf aufzutreten. Diese Äußerungen des Organs der Volkspartei erweckten aber, wie die „N. Fr. Pr." meldet, in den bürgerlichen Kreisen der Hauptstadt lebhaften Unwillen, und zahlreiche gesellschaftliche Vereinigungen traten zu einer gemeinsamen Beratung zusammen, in welcher beschlossen wurde, an die Leitung des Tulpengartens eine Eingabe zu richten, worin eine Genugtuung für die Äußerungen des „Alkotmany" gefordert wird. Die Eingabe verweist darauf, daß auch die Bürger jüdischen Glaubens an der Tulpenbewegung lebhaften Anteil genommen haben, und fordert auf das entschiedenste, daß die Leitung des Tulpengartens die Ausfälle des klerikalen Blattes, das die Tulpe als das Emblem des Antisemitismus hinstellt, energisch desavouiere. Die gewesenen Abgeordneten Wilhelm Vaszonyi und Sorna Visontay wurden damit betraut, die Eingabe der Leitung der Tulpenbewegung zu unterbreiten. Wer waren die ob der Beleidigung der Tulpe und der Juden unwillig gewordenen bürgerlichen Kreise? Wer den Wiener Zeitungsjargon kennt, der weiß, daß Fortschrittliche Juden heißt, in Budapest ist wohl das Deckwort für Juden „bürgerliche" Kreise. Die „bürgerlichen" Kreise hätten sonst wohl andere Vertreter gefunden als die beiden jüdischen Abgeordneten Vaszonyi und Visontay. Wie immer — Graf Julius Andrassy hat am nächsten Tage die antisemitische Interpretation des „Alkotmany" öffentlich zurückgewiesen, und die Juden sind vorläufig rehabilitiert, und die jüdischen Knopflöcher dürfen sich freuen im Schmucke der Nationalblume. „Vivägzig a tulipan" - es blüht die Tulpe. Es blühte auch einst im nachbarlichen Österreich die Kornblume. Sie war ein Zeichen des freiwerdenden, freigewordenen Deutschtums. Und die Juden, — deren Großväter auch ein Symbol trugen, tragen mußten, den gelben Fleck, ----- beteten zu der blauen Blume. . . Die Zeiten gingen. Die Juden wurden verjagt aus dem blauen Garten, in den nur noch „Germanen reiner Rasse" Einlaß haben. Und auf der anderen Seite, da blüht der weiße, der Nelkengarten der Antisemiten. Die armen Juden, sehnsüchtig blickten sie nach einer neuen Blume aus, und wer konnte, steckte die rote Nelke der „Genossen" an. Auf wie lange? Die Tulpe blüht. Das ist ein gefährliches Blühen für Juden. Wenn sie sich mit ihr schmücken, - ahnen sie nicht, daß sie sich vielleicht zu einem Altargang zieren, bei dem sie selbst die Opfer sein werden? Es scheint, daß sie nichts ahnen. Noch blüht die Tulpe, und sie freuen sich des Blühens. . . Algeciras. Die Konferenz von Algeciras, an deren Ende schon überhaupt kein Mensch geglaubt hat, hat dennoch ihr Ende gefunden, und zwar zur Befriedigung aller. Das heißt befriedigt waren die Hauptinteressierten wohl nicht, aber zufrieden, daß man endlich einmal mit dieser Geschichte fertig geworden ist... In einer der letzten Sitzungen der Konferenz hat man auch über die Judenfrage in Marokko gesprochen, sozusagen vor Torschluß. Alle Herren waren schon ziemlich müde, und man behandelte die Frage so summarisch wie möglich. Der amerikanische Delegierte Mr. White beantragte, dem Sultan von Marokko Toleranz gegen die Juden zu empfehlen. Diesem Antrag stimmten auch die Vertreter der andern Mächte bei. Ob auch Graf Cassini der Vertreter Rußlands sich ebenfalls so stark für die marokkanischen Israeliten eingesetzt hat, verschweigt die Geschichte. Interessant ist, daß der Herzog von Almodovar, der Vorsitzende der Konferenz, im Namen Spaniens eine Erklärung abgegeben hat, „daß kein Land glücklicher wäre als Spanien, sich diesem edlen Gefühle religiöser Duldung anzuschließen, weil so viele Israeliten Marokkos durch Bande der Abstammung und durch Gemeinsamkeit der Sprache mit Spanien in Verbindung ständen". . . . Wie generös die edlen Hidalgos geworden sind! Auf einmal werden die Juden Marokkos zu einer solchen ehrenvollen Gemeinschaft erhoben. Die Spanier haben sich nämlich etwas zu spät umgesehen. Sie möchten jetzt die Juden ebenfalls zu politischen Zwecken benutzen, die marokkanischen Juden, die unterster neuen „Ordnung" in Marokko für Spanien von Vorteil sein könnten, für sich gewinnen. Die

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