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Die Welt · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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beschlossen. . . . Spinoza kam, — auch er ein Kind der Jodenbreestraat. In den schmutzigen, schwerfließenden Kanälen hat er eine neue Sonne gesehen, einen neuen Himmel. Eine Liebe zur Welt, — zu Gott erfaßte ihn, und er erfaßte sie. Er sollte der Prophet dieser freien Kultur werden, er sollte der Lehrer der Juden sein, — aber die Rabbis von Amsterdam legten ihn in den großen Bann. Er ging aus der Judenstraße fort, - für immer. Er hat mit der Judengasse das Judentum aufgegeben. . . . Sabbatai Zewi, der große messianische Träumer, der Wiederbeleber, hat in Amsterdam einen mächtigen Nachhall gefunden. Er weckte die mystischen Tiefen der Seelen der Juden, er machte die Krämer zu Träumern, die Ghettojuden zu Dichtern und Denkern. Aber auch diese Welle ging vorüber. Und die Ghettomauern wurden mit der Zeit fester und undurchdringlicher. Eine Kruste legte sich auf sie: der Schlamm der Grachten, das Graue des holländischen Himmels haben dem jüdischen Leben den Rest der Schönheit genommen, die Anmut des Märchens, die Üppigkeit des Orientalen. Heute ist die „Diamantenstadt" das Ghetto, das schmutzige, elende, verkümmerte Judenviertel. Die letzte Stufe einer großen Kultur, die letzten Reste einer glänzenden Geschichte. Jodenbreestraat! Ein Symbol der ganzen jüdischen Welt. Alles, was das Judentum aufzuweisen hat, kann man dort finden. Da, an einer Ecke, — in der Nähe des „Nieuwe Markt" — die jüdische Armut. Auf Kasten, Kisten, Gestellen werden alte Scharteken, Zigarren, Eßwaren, alte Sachen feilgeboten. Ein Lärmen, ein Schreien, ein Kreischen. Ein junger Mann preist seine Zigarren mit einer Verwendung von Sprachmitteln, als ob es gälte, die Wucherer und Falschmünzer aus dem Tempel zu entfernen. Eine Schar von Holländern, gutmütigen, stumpfen Leuten, steht um den Redner. Und mit einer echt orientalischen Lebhaftigkeit, mit einem Gebärdenspiel, um das ihn ein Jaures beneiden würde, mit einer beinahe hinreißenden, bilderreichen Sprache bietet er seine -billigen Zigarren an. Ein Prophet, — der auf dem neuen Markt zu Amsterdam mit alten Sachen handeln muß. Und weiter stehen Juden jüdinnen, arm, zerlumpt, mit dem Ausdrucke verkommener Größe und stumpfer Resignation, und bieten ihren Mitmenschen — alte gebrauchte Waren! Holland ist reich und groß geworden. Der Fischer und Seemann hat sich entwickelt, sich differenziert. Der holländische Bauer hat sich zu einer eigenartigen Kultur emporgeschwungen. Er hat Kolonien in Indien, die ihm immense Reichtümer eintragen; er hat in Südafrika einen neuen Volksstamm ins Leben gerufen. Trotz der brandenden Woge und trotz der schlammigen Scholle hat sich der Holländer mit der breiten Sprache und den platten Holzschuhen zur Freiheit emporgerungen. . . Und die Juden Hollands, die Schönen, die Reichen, die Erben einer großartigen Kultur, — sie, die Vermittler zwischen dem Orient und dem Westen, sie, die eine mystischklingende Sprache des hebräischen Judäa als ihre heilige, die reine und wie Silberglocken tönende Sprache Kastiliens als ihre Umgangssprache gebrauchen, — sie fielen, sie sanken, sie stiegen hinab..... Der Fluch des Ghettos lastet auf ihnen, der Unfreiheit — nach außen wie nach innen. Das Ghetto hat die besten Kräfte des jüdischen Volkes nicht verdauen können. Das Judentum leidet sozusagen an Dispepsie, - die besten Säfte fehlen ihm. Das Ghetto in Amsterdam - wie auch in allen anderen Städten — hat nur die schwächsten, die minderwertigsten Elemente aufbewahrt, aufgespeichert, sich zu eigen gemacht. Jede Kraft, die außerordentlich war, jede Individualität, die mehr Raum braucht als die vier Ellen des traditionellen Judentums, mußte das Ghetto verlassen, mußte das Wort predigen — unter den andern Völkern. Und während ich in der Judenstraße von Amsterdam wandelte und mir das ganze jüdische Leben in Westeuropa vergegenwärtigte, da mußte ich mich an die Worte Nordaus erinnern: „Das Judentum wird zionistisch werden, oder es wird aufhören zu sein." ---------- Mit anderen Worten, — ein Judentum des Ghettos, eine Kultur der Juden in Europa innerhalb der Gesamtkultur, die Entwicklung einer eignen jüdischen Note ist eine Sache der Unmöglichkeit. Um eine Note nicht zu einer störenden Dissonanz, sondern zu einem harmonischen Tongebilde zu gestalten, muß sie ein ganzes Gamma von Tönen haben, von Begleittönen. Um eine eigenartige „Kultur" zu formen, muß das ganze Leben darnach und in Obereinstimmung damit gebildet sein. Das will sagen: Ghettokultur ist keine Kultur. Denn Ghetto heißt Unfreiheit und Enge. Westeuropa! — Aber die Grenze zwischen Ost und West,, zwischen dem westeuropäischen und dem osteuropäischen Judentum schwindet allmählich. Wenn sich der Sturm in Rußland gelegt haben wird, dann kommt die Flut des Lebens und nivelliert alles. Und es entsteht ein gewaltiges Ringen zwischen der jüdischen Kultur und der Außenwelt. Die Juden sind in Rußland zahlreicher als irgendwo! Aber verhältnismäßig nicht zahlreicher als in Holland. Die Juden in Rußland leben geschlossener als irgendwo! Die Judengasse in Amsterdam, die Judengasse im Haag usw. sind gleichfalls kompakte Judenviertel. Die Juden in Rußland haben eigene Kulturtraditionen! Aber — ein Judentum, das die große spanisch-jüdische Kultur hervorgebracht hat, ist vor unseren Augen kulturell untergegangen. Die Geschichte wiederholt sich nicht! O ja, was war, kommt wieder, also sprach Zarathustra .... In der Nähe der großen Synagoge in Amsterdam ist eine Straße, die den merkwürdigen Namen trägt: „Moses und Aaron-Straat." — In dieser Straße steht eine Kirche, die folgende Inschrift trägt: „Quae fuit a seculis sub signo Moysis et Aaronis, stat nunc renovata Salvatori aedes". — Ein Symbol der Ghettokultur. A. Coralnik Unsere nächste Nummer erscheint als 1 PESSACH-AUSGABE am 15. April er. in erweitertem Umfange mit Beiträgen hervorragender Schriftsteller und Künstler. Bestellungen werden bis spätestens -eee=e= 12. April er. ====- entgegen genommen. Preis der Einzelnummer 40 Pfennig. (

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