Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316201--47976-3342885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK X. JAHRG. KÖLN, 6. April 1906 p-nn*? fron"« JD'j"n' No. H. GHETTOKULTUR Es gibt kein jüdisches Ghetto in Amsterdam," sagte mir ein bedeutender holländischer Jude, Nachkomme einer portugiesischen Familie, der einer der bekanntesten Schriftsteller Hollands ist . . . Und er verstand darunter die vollständige Freiheit der Juden in Holland, die unbegrenzten Möglichkeiten des jüdischen Lebens, dem keine Schranken gestellt werden. Ein Blick auf die äußere Stellung der Juden in Holland be: weist die relative „äußerliche" Wahrheit der oben zitierten Behauptung. Und doch, — das Ghetto lebt, das Ghetto existiert, wie es kaum realistischer gedacht werden kann. Ein Ghetto, das alle Eigentümlichkeiten des krankhaften, fieberhaften, abgeschlossenen Lebens aufweist. Ein Ghetto, wie es Hejermans schildert, eine schmutzige, jauchige, unästhetisch sich gebärdende Erscheinung. Altes und Neues durcheinandergemengt, verschiedene Kulturen aufeinanderstoßend. Das Ghetto . . . * * * Jodenbreestraat! Einige Schritte von den Hauptstraßen des modernen Amsterdam, den reichen, reinen, eigenartigen holländischen Gassen, mit ihren Grachten und Brücken, mit den wohlhabenden, behäbigen, kerngesunden Holländern, mit den weitaussichtbaren Kanälen und Schiffsmasten, — ist die Judengasse gelegen, eine neue Welt. Andere Gesichter, — ja beinahe ein anderer Himmel. Kein Reichtum, kein altangeerbter, unerschütterlicher Besitzstand. Eine ungeheure Armut, ein Elend, das in die Augen sticht. Es ist das typischste aller Ghettos. Der Ponte di Rialto in Venedig, die Judengassen in Livorno, die Judengasse in Frankfurt und die Leopoldstadt von Wien, — keines von diesen Judenghettos trägt ein so eigenartiges Gepräge wie die Judenstraße von Amsterdam. Hier ist historischer Boden, auf dem der Mißwuchs der neuen Verhältnisse wuchert. Hier sind Keime einer großartigen Kultur, die unter dem Himmel von Holland zu einer kümmerlichen Entfaltung gelangt sind. Und diese verkümmerte Frucht sehen wir jetzt. Schönheit, die noch gräßlicher Häßlichkeit..... — Hier ist verderbte wirkt als geborene In diesen Straßen hat das jüdische Volk ein großes Stück seiner Geschichte erlebt. Spanische und portugiesische Flüchtlinge, — mit den Traditionen des halbmaurischen Kastiliens, mit der ganzen Üppigkeit und Grandezza des Orientalen, der mit der südeuropäischen Kultur in engste Berührung gekommen ist. Über das kleine Fischerland ergoß sich ein Strom neuer Menschen, eigenartige Individuen. Wie mußten die bescheidenen, damals noch armen Niederländer von der Pracht und Kraft und von der Schönheit der spanischen Juden geblendet sein! Als Flüchtlinge kamen sie, -- aber bald gewannen sie eine hohe Bedeutung im Lande, wurden die großen Handelsherren und angesehene Bürger. Aber die Juden lebten für sich, mehr oder weniger exklusiv. Sie lebten ein eigenes Leben, gingen ihre eigenen Wege. Ein Rembrandt ging an ihnen vorüber und bewunderte die exotische Schönheit dieser Menschen, die in sich ein tiefes Mysterium bargen, das Mysterium einer anderen Welt, die für sie ein Traum, für ihre Ahnen eine Wirklichkeit war. Er ging an ihnen vorüber und sah, daß die fahle Sonne Hollands sich anders färbte, als sie ihre Gesichter bestrahlte, daß in ihnen eine Schönheit geborgen war, die von Jahrtausenden stammte. Und Rembrandt verliebte sich in diese Juden. ... Sie schlössen sich in ihre Wrelt ein, umfriedeten sich mit Zäunen und moralischen Mauern. Aber die Welle des Lebens schlug an die Mauern, brach eine Bresche und drang überflutend, überschwemmend in die Jodenbreestraat ein. Uriel Äcosta erschien in dieser Gasse. Sein Wort war die Offenbarung einer freieren Kultur. Seine Predigt galt der Zukunft. Er wollte dem Judentum eine neue Form geben, seiner Entwicklung Sprachrohr sein. Die Juden Amsterdams/ zwangen "ihn ^nieder. ^Dort in der engen Straße, wo die alte Synagoge steht, war das Ende Acostas 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.