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Die Welt · 1906-03-30 · 13 (30.3.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 13 DIEXaEELT 15 Faßt dich vor Schmerz, was deine Augen sehn!" (Lautes Schluchzen in der Versammlung.) Was sucht ihr hier — und dort? Den Feuerstoß? Den Taufzwang? Ewige Verstellung? Gold Und Martern? Kurzer Blüte Schein und ewig Dann den Zusammenbruch? Wollt ihr, daß sich Das Schauspiel ohne Ende wiederhole, Daß unsere Brüder bleich, mit hohlen Wangen, Gespenstern ähnlich ziehn von Land zu Land? Schämt ihr euch nicht, ihr Reichen, Mächtigen, Daß solche Bettler eure Züge tragen? Und ihr, ihr Ärmsten, kränkt es euch nicht tief, Daß ihr von fremder Hilfe leben müßt? Stimmen (Mitte und rechts): Was also tun? Abarbanel: Geht nicht in jene Länder! Wenn wir von dannen ziehn, soll unser Volk Nicht in Zerstreuung, ins Exil mehr gehn! Montalto: Nicht bleiben — und nicht gehn? Aifaro: Was denn? Abarbanel: Ich will's Euch sagen. Durchschneiden wir den Knoten, ähnlich Wie's Spanien tat. Woher stammt unser Unglück? Wir sind ein fremder Volksteil, eingekeilt In andere Völker. Blickt um euch! Wie wir, So leiden unsre Brüder allerwärts, Und allen droht, was heute uns geschieht. So laßt uns denn die ganze Pein beenden! Nicht länger wollen wir, bald hier, bald dort, Als Aftermieter einer Heimat einziehn; Wir wollen nicht mehr gleich Chamäleonen Die Farbe wechseln! Alfaro und Stimmen (links): Unsinn! Cendor und Stimmen (rechts): Er hat recht! Abarbanel: Ziehn wir dahin, woher wir einst gekommen! Laßt uns die alten Judensitze füllen! Stets war der Islam uns ein bess'rer Freund: Wie einst in Spanien unter Maurenfürsten, So blühn wir nun im Osten wieder auf! {Das ist das Heil! Dahin! Dahin! Nein! Nein! Abarbanel: Ägypten, die Türkei, Sie stehn uns offen! Und wer hindert uns, In Zion selbst die Zelte aufzuschlagen? (Ungeheurer Tumult, aus dem einzelne Rufe verständlicher emportauchen.') Cendor und Stirn men(Mitte und rechts, enthusiastisch): / Ja! Ja! Nach Zion! Alfaro und Stimmen (Links, Mitte und rechts): \Tollheit! (Die Gegner Abarbanels, die sich früher in seine Nähe gedrängt, verlassen den Kreis mit verächtlichen Handbewegungen.) / Kofer! Kofer! bar-Elisa (und die Gruppe der Orthodoxen): j Lästrer, Gottesleugner! (Versuchen sich zu Abarbanel vorzudrängen.) Montalto (erhebt sich und streckt die Arme empor): Cendor! Schafft Ruhe! Cendor (schlägt mit einer Holzklappe auf ein lederbespanntes Brett. Der Tumult legt sich.) — (Man bemerkt jetzt und während der folgenden Worte Abarbanels, daß Raphael Montalto, von Abarbanels Ideen hingerissen, sich von seinen Brüdern etwas entfernt und Abarbanel begeistert zuzustimmen scheint.) Abarbanel: Ermanne dich, mein Volk! Kehr' heim! In deinem alten Lande fühlst du, Was dir hier fehlt, was dir das Herz zernagt: Daß du in eignem Hause bist, daß alles Dein eigen ist, nicht fremd und nicht erborgt! Frei atmest du, die Wahrheit nur im Antlitz, Du beugst dich nicht vor jenen, die du hassest! Wo stolz einst deine großen Ahnen lebten, Dort wirst du stolz und groß, verhöhntes Israel! Dann erst wirst du geachtet von den Völkern, Wenn du wie sie auf eignem Boden lebst! Cendor und Stimmen (Mitte und rechts): Heil! Heil Abarbanel! — Nach Zion! Zion! (Immer neue Anhänger umringen ihn. Unwilliges Gemurmel Alfaros, Bar- Elisas und ihrer Umgebung.) Montalto (erhebt sich, schneidend): Das ist der helle Wahnsinn! Mögen Leute, Die nichts im Leben mehr zu suchen haben, Bankrotte Talmudgreise, dahin ziehn Und an der Klagemauer bettelnd sterben! Wir sind noch nicht so weit! a c + - / Nein! Nein! Alfaro und Stimmen (ünks): < «r u , . . €l * \ Wir geben s noch nicht auf! Abarbanel: Nicht sterben sollen wir in Zion, — leben! Nicht Bettler sollen hin, wir selbst, die Starken! Der Kern des Volkes soll sich dort versammeln, Voll Stolz und Kraft, voll Rührigkeit und Fleiß! Nicht an zerstörten Mauern woll'n wir stehn, — Wir bauen neue, — bau'n Jerusalem! Rar R1 i o o / (besteigt, erregt gestikulierend, unter Zurufen der Ortho- \ doxen seine Bank). Stimmen (in sei-/ Abtrünniger! Du willst es Gott zuvortun? ner Umgebung): \ Kof6r haköl! Bar-Elisa: Du hörst's, Herr Zebaoth, und triffst ihn nicht Mit deinem Blitz? Kennt ihr nicht unsern Glauben? Nur Gott allein kann Israel erlösen! — Stimmen (Mitte): So ist's! Bar-Elisa: Wir müssen warten, bis Meschiach kommt! Stimmen (Mitte): So ist es! Abarbanel: Warten? Warum ewig warten? Gelähmten, Siechen gleich, die keinen Finger Für ihre eigne Sache rühren können? Sind wir nicht Männer, unsres Schicksals Herr'n? „Willst du, daß Gott dir helfe, hilf dir selbst!" Das war das Unglück, da(3 wir willenlos Von des Geschickes Strom uns treiben ließen, Die einen von dem Zukunftstraum gebannt, Die andern — jene nüchtern stets bespöttelnd! Uns rettet eines nur: bewußte Tat! Cendor und Stimmen (rechts):-Ja! hilf dir selbst! ß a r - E1 i s a un d seine Umgebung: Schwreigt, Gottesleugner, schweigt! Abarbanel: O hätten unsre Väter dies begriffen! Wir stünden heut nicht ohne Obdach da. Denn nicht mit einem Schlag kommt man ans Ziel! O hätten sie schon Scharen von den Unsern Zurückgeführt, den Boden neu bepflanzt, Beim Sultan, beim Kalifen das errungen, Was wir hier, zwecklos für das Volk, erreicht! Doch was sie unterlassen, muß geschehn. Wir müssen selbst das große Werk eröffnen Und Zion Schritt um Schritt zurückgewinnen — So wird uns das Exil zum Freiheitskampf! (Während der letzten und folgenden Worte Abarbanels sieht man Alfaro und seine Umgebung unter verächtlichen Handbewegungen lachen, Bar-Elisa und die Orthodoxen mit geballten Fäusten drohen und geifern, Cendor und Abarbanels Anhänger zustimmend mit den Köpfen nicken, triumphierend lachen und Abarbanel mit den Händen zuwinken. Hier und im Folgenden bemerkt man während der Momente hoher Aufregung Menschen, die auf den Bänken stehend sich der Menge zuwenden und sie durch Zischen und Armbewegungen zu beruhigen versuchen, andere, die sie im Gegenteil zu lärmenden Beifalls- oder Empörungskundgebungen aufreizen wollen.) Cendor und Stimmen (Mitte und rechts): So soll es sein! Alfaro: Habt ihr Armeen? Bar-Elisa und seine Umgebung: Verruchte!

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