Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIEE^EELT No. 13 doch vernimmt man aus dem Gemurmel und stillen Schluchzen die lauten Stimmen Cendors und Alfaros, die, im Streite einander zugekehrt, Montaltos Bewegung nicht bemerken). Alfaro: Ja, ja! Abarbanel ist schuld an allem! Cendor: Lügt nicht, Ihr Giftmaul! Alfaro: Ja, ich weiß es! Stimmen (links, in Alfaros Umgebung): Ja, ja, ja! MontaltO (erhebt nun feierlich beide Künde und steht so, bis die Versammlung sich beruhigt hat. Als er zu sprechen beginnt, hört man nur noch gedämpfte, langgezogene, wehklagende Rufe und stilles Schluchzen): Brüder! Stimmen (zerstreut in der Versammlung): Rllhe! Stille doch! Montalto: Im Glauben und Im Unglück — Brüder! Unsre Ohren hören, Doch unser Geist versagt, es zu begreifen. Kann sich das Rad der Zeit nach rückwärts drehn? Kann dort, wo Bildung, Sitte, Ordnung herrschten, Mit einem Mal entmenschte Barbarei Die Zügel an sich reißen? Sollen wir Vom Gipfel lange ungekannter Blüte, Aus regster Geistesarbeit, Wohlstand, Macht Und Sicherheit herausgeschleudert werden In einem Nu? Und Wanderbettler sein? Wie obdachloses, schweifendes Gesindel, So sollten wir das eigne Land verlassen, Das die Gebeine unserer Väter birgt? (Lautes Schlu-chzen.) Cendor: Das ist das Judenlos! Montalto: Den Judenfluch, Wir glaubten ihn für immer überwunden. Seitdem uns Spanien zur Heimat ward! Wo sah man je die Hälfte eines Volkes Die andere einem Missetäter gleich Verbannen? Cendor: . Das ist nicht unser Volk! Stimmen: Nein! Nein! Wir sind nicht Spanier! Stimmen (links): Ja! Wir sind's! Wir sind's! Stimmen (in der Mitte und rechts): Die Spanier sind uns Feinde! Wir sind Juden! Stimmen (links): Nein! Alfaro: Wenn ihr das sagt, dann haben Jene recht! Montalto: Gott schütze uns vor innerm Zwiespalt — heute! Uns rettet nur Besonnenheit. Gesetzt Das Schrecklichste: Man bleibt bei dem Edikt, — Alfaro und Stimmen (links;: Das wird man nicht! Cendor und Stimmen (Mitte von rechts): Man wird's! Man wird's! Montalto: Für diesen Fall Soll alles umsichtig beraten werden. Nach Portugal und nach den Niederlanden, Wo Spaniens Bildung, Spaniens Sprache herrscht, Dort wollen wir — Stimmen (Mitte und rechts): Nicht dort! Nicht dort! Stimmen (links i: Nur dort! Nur dort! Montalto: Uns werden die Marannen beistehn, Gelder, Die wir hier anvertraun, auf jene Plätze Uns überweisen. Stimmen (Mitte und rechts,: Und die armen Leute? Die Armen? . . . Wer sorgt für die, die keine Gelder haben? Montalto: Wir. (Beifälliges Gemurmel.) Was nur in unsern Kräften ist, Das soll geschehn. Doch dazu wird's nicht kommen. Nichts bleibt von unserer Seite unversucht, Um unser hohes Königspaar zu rühren. Beklagen muß ich — was ich staunend hörte —, Daß uns Don Isaac, ein Abarbanel, Beim König seine Hilfe hat versagt — (Unwilliges Gemurmel.) Alfaro: 's ist eine Schmach! Abarbanel erhebt sich. Montalto: Er hätte allen Grund — Gerade er! — dies Unglück zu beschwören .... (Stärkeres, empörtes Gemurmel.) Doch Senior ging ins Schloß — und alles Darf man von seinem klugen Wort erhoffen. Bevor er kommt, mag, wer nur helfen kann, Uns seinen Rat hier hören lassen. (Setzt sich.) Stimmen (rechts, zu Abarbanel, die einen freundlich, die andern drohend): Sprecht! Abarbanel (wendet sich mit einem fragenden Blick an Montalto, der ihn mit einer Handbewegung zum Sprechen einlädt): Wollt Ihr es wissen Brüder, warum ich Nicht bitten ging? Stimmen (zornig, herausfordernd): Ja, ja! (Viele verlassen ihre Plätze und drängen sich in Abarbanels Nähe.) Abarbanel: Ich will es euch erklären: Weil ich nicht will, daß wir in Spanien bleiben! Alfaro und / Was spricht er? Stimmen (links): ( Unerhört! Cendor und ( Stimmen (Mitte l Recht hat er! und rechts): I Abarbanel: Wenn wir's erbetteln? Bedenkt: was wartet unsrer hier, St immen tlinks und Mitte); / Ruhe! Wo man mir \ Leben! Abarbanel: Die Türe wies, dort klopf ich nicht mehr an. Cendor und Stimmen (rechts): Ganz recht! Abarbanel: Das würde nicht die heuchlerische Duldung, Nicht jener freundschaftliche Spott mehr sein, . Der uns das Blut ins Antlitz peitscht, — es wäre Der offne Haß!!So ist's! Gewiß! Nicht wahr! Alfaro: Der Spanier liebt Den Juden! Abarbanel: Täuscht euch doch nicht! In diesen Tagen Begriff ich, was der weise Ibn Negro Uns riet: Legt nichts in Grund und Boden an, Denn wenn ihr blüht dann droht euch die Verbannung. Cendor und Stimmen (Mitte und rechts): ( So ist's! Abarbanel: \ Je Bildung und Besitz, Je inniger ihr an das Volk euch schließt, Nur um so näher rückt die böse Stunde! Alfaro und Stimmen (links): Sie geht vorüber! mehr ihr steigt in (Vorwurfsvoll): . . [ Es wird besser J werden! ] Wenn man sich I nur bemüht! Abarbanel: Ja, heilt nur Babel — es bleibt ewig siech! Ob hier, ob anderwärts, in Holland, England — Solange wir zerstreut sind, gilt der Fluch: „Du wirst kein bleibend Wesen haben, nirgends Wird deinen Sohlen Ruh' beschieden sein, Du wirst ein Haus bau'n, doch darin nicht wohnen, Unrecht wird dir geschehn dein lebelang, Du wirst, der Völker Scheusal, Sprichwort, Spott, Vor Angst vergehen tags und nachts, und Wahnsinn