Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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nisse der Juden, aber der Junge gab nur ausweichende Antworten, offenbar aus Furcht. Dann führte er mich zur Synagoge. Ein ebenerdiges Häuschen: eine niedrige Tür und zwei schmale Fenster das war die Synagoge, die leider gesperrt und deren Schlüssel im Besitze des abwesenden Rabbiners war. Meine Frage, ob der Rabbiner die jüdischen Kinder im Hebräischen unterrichte, wurde verneint, auch Gottesdienst fände nur Freitags und Samstags statt. Als ich mich daraufhin über die sonstigen Funktionen des Rabbiners erkundigte, gab der Junge die charakteristische Antwort: „II tue les boeufs et fait le commerce." Den Stoßseufzer der Gastwirtin aber fand ich nicht gerechtfertigt, denn in dem kleinen arabischen Dorfe, das ich bald durchquert hatte, bemerkte ich nur wenige jüdische Einwohner. Trotzdem mag unsere Wirtin keine Judenfresserin sein, da sie ja den jüdischen Kellnerjungen, der auf den patriarchalischen Namen „Abraham" hörte, in ihrem Gasthof angestellt hatte. Im übrigen leben, wie es scheint, in allen algerischen Städten und Dörfern zerstreut Juden, und wenn ich einem auf dem Schiffe laut geführten Tischgespräche einiger in Algier wohnender Franzosen Glauben schenken darf, gibt es in Algerien nur eine einzige Stadt, in der keine Juden wohnen, denn einer dieser Herren pries die Schönheiten dieser Stadt — ihr Name ist mir leider entfallen und bekräftigte sie noch mit einem: „et puis il n'y a pas de juifs." In Oran lernte ich einen jungen Kaufmann kennen, Besitzer eines bedeutenden Geschäftshauses. Er hat ein warmes Herz für das Judentum, und sein großes jüdisches Personal wird an sämtlichen jüdischen Feiertagen freigelassen. Er hat im Verein mit Gesinnungsgenossen einen jüdischen Turnverein gegründet, da ein Zusammengehen mit dem oranesischen Turnverein nicht mehr möglich war. „Wir hatten'4, sagte er mir, „diesen Turnverein gegründet, um das Judentum zu heben, der jüdische Soldat soll ob seiner schlechten Haltung nicht mehr verlacht werden, wir wollen in Oran ein gesundes, kräftiges Judentum erziehen. Und es ist uns geglückt! Unsere Soldaten haben sich im französischen Heere Achtung verschafft, und der Champion beim Concurs de Gymnastique International in Bordeaux 1904 war Benhanion, unser Vorstandsmitglied." Auch dieser charaktervolle Mann wußte nichts von der zionistischen Bewegung, nur Dr. Herzls Name war ihm bekannt. Meine Ausführungen über den politischen Zionismus hörte er voll Interesse an. Wenn die zionistische Bewegung in Algier eingeleitet werden soll, würde sich bei diesen Leuten ein Anknüpfungspunkt ergeben. Im großen ganzen habe ich in Algerien den Eindruck gewonnen, daß die Juden auch in diesem märchenhaft schönen Land, wo die Natur alle Gegensätze mildern sollte, trotz politischer Gleichberechtigung der alte Haß verfolgt und daß sie trotz Freundschaftsbeteuerungen auch heute noch von Franzosen und Arabern angefeindet werden. Aber die unverwüstliche Geduld und Ausdauer des Judentums hilft ihm über alle Leiden hinweg, und auch die Feindseligkeit der algerischen Nationen wird seine Lebenskraft nicht erschöpfen. o O .. O \^ foa □ □□□ FEUILLETON □ □□□□□ o 3j§ ABARBANEL DAS DRAMA EINES VOLKES*) Von Alfred Nossig Die Handlung spielt in Spanien im J. 1492. Personen: Don Emanuel Montalto, Haupt der Judengemeinde Rabbi Zadoc Aboab Don Isaac Abarbanel, ehem. Finanzminister (abweichend von der Geschichte als etwa 40 jähriger Mann gedacht) Don Abraham Senior, Großsteuereinnehmer Bai-Elisa. Führer der Orthodoxen Alfaro Cendor, Steinmetz David, Gehilfe Aboabs Raphael Montalto, Sohn Don Emanuels Vier andere Söhne Montaltos Volk Dritter Akt Vor dem Aufgehen des Vorhanges hört man das zuerst gedämpfte, hierauf allmählich anschwellende wirre Getöse einer aufgeregten Volksmenge. Man kann einzelne kreischende Rufe und lautes Schluchzen unterscheiden. — In dem Augenblicke, wo der Vorhang aufgeht, erreicht das Getöse die Gewalt einer Meeresbrandung. Die Bühne stellt einen großen Beträum in der Synagoge dar.'In der Mittelwand der mit einem kostbaren Vorhang verhüllte Thorarollen-Schrein. — Davor eine mit großen Leuchtern geschmückte Erhöhung, von der Stufen herab-, führen. — Auf der Erhöhung Stühle. Im Schiff der Synagoge sind Reihen von Bänken und Gebettischen aufgestellt, doch so, daß Durchgänge^bis zu den rechts und links in den Vorderkulissen angebrachten Türen freigelassen sind. - *) Bas Schauspiel,, weiches demnächst in Buchform erscheint, wurde von l'ritz Richard, Regisseur am Deutschen Theater in Berlin, in einem Kreise von '»crlinev Zionisten vorgetragen. Seine Aufführung wurde in Aussicht genommen. i. Szene Don Emanuel Montalto, sein Sohn Raphael und vier andere Söhne, Bar-Elisa, Cendor, Alfaro. Etwas später Abarbanel, Rabbi Zadoc Aboab und David. Volk. (Auf der Estrade sieht man die Vertreter der vornehmen jüdischen Geschlechter in farbenprächtigen Gewändern. — - In ihrer Mitte mehr nach links zu (immer von der Bühne aus gesehen) Don Emanuel Montalto. Im Hintergründe Raphael Montalto und seine Brüder. In den Bänken das Volk, ausschließlich Männer. Die wenigsten sitzen auf den Bänken. Manche stehen auf ihnen, viele sitzen oder stehen auf den Tischen......- Noch immer sieht man durch die Eingänge Leute schreiend und wehklagend hereinstürzen. Es haben sich Gruppen gebildet, die hadernd und aufgeregt, gestikulierend durcheinanderschreien; andere, die, das Gesicht in den Händen, laut schluchzen und den Körper wie im Gebet nach vorne neigen. ~- In der ersten Bank links der weißbärtige Talmudist Bar-Elisa. Auch die Stufen der Erhöhung sind mit aufgeregten Menschen in den verschiedensten Stellungen dicht besetzt. Auf der obersten Stufe links der Steinmetz Cendor, eine mächtige, etwas zur Fülle neigende Gestalt, in lebhafter Diskussion mit Alfaro, einem mageren Manne von bissigem Gesichtsausdrucke. - Nach einer Weile treten rechts Rabbi Aboab und Abarbanel ein, hinter ihnen David). Stimmen (rechts, 7,unächst in der Nähe des Eingangs, hierauf vwu-li der Mitte zu sich fortpflanzend): Seht Aboab! . . . Der Rabbi! . . . Aboab! (Lauter): Abarbanel! Abarbanel! (Während das Geräusch in der Versammlung ein wenig abnimmt, besteigen Aboab und Abarbanel die Erhöhung. Aboab nimmt links neben Montalto Platz, Abarbanel rechts.- Montalto begrüßt beide mit Handbewegungen. Hierauf erhebt er sich und streckt die rechte Hand aus, um die Versammlung zur Ruhe aufzufordern. Es wird merklich stiller,