Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebetstück herunterzuleiern. Auf meine Frage an den Tempeldiener, was das bedeute, sagte er mir, dies sei der Beginn des Gottesdienstes, der Junge bete Schir Haschirim, und die anderen Buben seien der Chor, Rabbiner und Kantor kämen erst später. Und nun waren sie" da! Der Rabbiner — ein sympathischer, magerer alter Mann mit gutmütigem Gesichtsausdruck ..... in graugrünen, weiten, bis zu den Knien reichenden Pluderhosen aus weichem Stoff, kurzem, schwarzem Lüsterspencer, mit braunen Strümpfen und schwarzen Halbschuhen, auf dem Kopf den Turban (das ist das gewöhnliche Kostüm algerischer Juden). Der Kantor, eine untersetzte Gestalt, hatte einen europäischen, ziemlich abgenützten schwarzen Gehrock, helle Hose und harten niedrigen Filzhut. Befremdet blickte ich auf das Amtskleid der Hauptfunktionäre der Synagoge, deren Erscheinen von der Gemeinde gar nicht bemerkt zu werden schien. Der Rabbiner setzte sich in einen Winkel des Almemors, zog seinen arabischen Fächer hervor und fächelte sich, zugleich mit ihm fächelte die ganze Gemeinde; der kleine Junge am Betpult leierte noch immer sein Schir Haschirim. Endlich war unser Miniatur-Vorbeter zu Ende, und der Rabbiner trat an seine Stelle. Er betete in monotoner Weise, ohne Unterbrechung, dazwischen trällerte der Chasan, näselte der Chor in der bekannten Art der kleinen neapolitanischen Burschen. So ging es eine Weile fort, ohne Andacht, ohne Erbauung, und vergebens wartete ich auf ein herzerhebendes Lecho-Daudu. Die Tür zum Gotteshaus stand offen, und das Geschrei vom Markte störte wohl mich, aber — wie es schien — nicht die Gemeinde. Nach kaum einer halben Stunde war alles zu Ende, und lärmend und schreiend polterten die Chorbuben hinaus auf den Markt. Nur eine Szene in diesem Gotteshause machte Eindruck auf mich, als nämlich nach dein Gottesdienste die Jugend an das Alter herantrat, ihm ehrerbietig die Hand küßte und sich von ihm segnen ließ. Es war ein allgemeines herzliches Umarmen und Küssen, das wohl in Algier Sitte ist In der nie Volland haben die algerischen Juden ihre Hauptsynagoge, die gleichzeitig der Sitz des Konsistoriums ist. Der Tempel liegt etwas abseits in einer schmalen Straße, die zum Meer führt. Auch hier äußerlich kein Anzeichen eines Gotteshauses. Es ist ein großer Zinsbau, der im Innern den kleinen, aber schönen Tempel birgt. Überall dasselbe Bestreben, möglichst wenig die Aufmerksamkeit der Araber auf sich zu lenken. Algier hat 9 konsistoriale und 6 private Synagogen. Ein schönes Vereinshaus besitzen die algerischen Juden in der nie Bab-el-Oued, wo Schulen und Wohltätigkeitsinstitute ihren Sitz haben. Als ich das Haus besuchte, ging ich an der offenen Türe der Mädchenschule vorüber, und die Lehrerin lud mich ein, die Schule zu besichtigen. Es war eine junge Dame, die den hebräischen Unterricht leitete. Sie nahm sogleich in meiner Gegenwart eine Prüfung der Mädchen vor, und ich war erstaunt, wie fließend sie Gebetstücke übersetzten, Diese Lehrerin hat mir imponiert. In Oran habe ich das jüdische Ghetto, das hart an dem prachtvollen Palast des^ Hotel de Ville liegt, durchquert. In der nie d'Austerlitz, die sich lang und schmal nach Art unserer Judengasse hinzieht, ist der Obstmarkt, wo die oranesischen Jüdinnen -— an dem seidenen Kopftuch, das sie tragen, leicht erkennbar — die herrlichen Früchte und Gemüse dieses gottgesegneten Erdstriches feilbieten. Die oranesische Jüdin hat feine, regelmäßige Züge, und namentlich die vornehmen Frauen machen in ihren reichgestickten Kostümen einen schönen Eindruck. In der benachbarten rue Barbe wollte ich die konsistoriale Synagoge besichtigen. Sie war gesperrt, und man bedeutete mir, daß ich in der angrenzenden Schule Auskunft erhalten könnte. Ich ging also dorthin; ein Höllenspektakel von Kinderstimmen ließ mich nicht lange im Zweifel darüber, daß dies die Schule war. Es war ein niedriges Gebäude, und als ich an der offenen Tür vorbeikam, bot sich mir ein Schauspiel, das ob seiner originellen Komik wohl festgehalten zu werden verdient. In der hohen, weiten Stube saßen, standen und brüllten etwa 6ö>~-70 Kinder im Alter von 6—12 Jahren. Der Herr Lehrer ein after arabischer Jude in Turban und weiten Pluderhosen —- hafte soeben' die Züchtigung eines kleinen heulenden Jungen beendet, ufrd nun fuhr er mit seinem Kantschu vor Aufregung schnaubend1 — über die brüllende Bubenschar. Der Lärm war furchtbar, und der Anblick dieser wilden Horde und des mit dem Kantsclur dreinhauenden Jugendbildners in Turban und Pluderhosen war für meine europäischen Begriffe so komisch, daß ich unwillkürlich lachen1 mußte, als er, purpurrot im Gesicht, vor mir stand und fch ihm'' mein Anliegen vortrug. Nun, ich habe die Synagoge besichtigt und noch viele andere, die in diesem Viertel dicht nebeneinander liegen, und habe viele von ihnen so schmutzig und verwahrlost gefunden, daß ich mich nicht enthalten konnte, an einen meiner Führer — es war dies ein Religionslehrer, der mir sagte, daß Oran 18 Synagogen besitzt -— die Frage zu richten, warum die oranesischen Juden nicht lieber einen schönen Tempel haben, anstÄ 18 schmutzige, kleine Synagogen zu erhalten. Die Antwort war„ daß Oran in der rue de Vienne einen schönen Tempel besitzt, an« dem eine Reihe von Jahren gebaut wurde, daß aber der Bau schon? vier Jahre ruhe, weil die Gemeinde kein Geld habe, ihn zu vollenden.. Ich ging in die rue de Vienne, und da sah ich einen Monumentalbau, ein prachtvolles, auf einem großen, freien Platze stehendes viereckiges Gebäude, das, in seinem Innern noch nicht ganz ausgebaut, an den Tempel der rue de la Victoire in Paris erinnerte- Da hatten die oranesischen Juden hoch hinaus wollen, und nuir bringen sie den Bau nicht fertig. Auch in Oran waren die Synagogen, die ich gesehen, äußerlich als solche nicht kenntlich. Ebenso ist mir weder in Algier noch in Oran ■— jede Stadt zählt zirka 12000 jüdische Einwohner ■— in den jüdischen Quartieren das Wort Koscher begegnet. In Tlemcen sah ich zum erstenmal eine hebräische Inschrift auf einer Synagoge in der rue de la Synagogue. Der Tempel bot nichts Merkwürdiges. Das Interessanteste in all diesen Synagogen, die ich gesehen, waren die prachtvollen silbernen Ampeln, die große, mit Öl gefüllte Kristallbecher trugen. Auch einige antike „Perauches" von besonderer Schönheit wurden mir gezeigt. Ich muß annehmen, daß auch Tlemcen eine größere jüdische Einwohnerschaft besitzt, denn als ich eines Tages eine sehr frequentierte Straße passierte, fiel mir daselbst ein eigentümlicher Lärm auf. Aus einem niedrigen Hause drangen zahlreiche helle Kinderstimmen„ die sich durch einen besonderen einförmigen Singsang bemerkbar machten. Verwundert fragte ich, was dies bedeute: Das ist die hebräische Schule! erhielt ich zur Antwort. Meinen Aufenthalt Jn Tlemcen benützte ich zumeist zu Ausflügen in dessen herrliche Umgebung, und so gelangte ich eines Tages nach vierstündiger Wagenfahrt nach Sebdon, einem hochgelegenen Gebirgsdorf, 36 km von der marokkanischen Grenze entfernt, mit 300 Einwohnern, worunter nur wenige Europäer. In dem kleinen Gasthof des Ortes, der einem Franzosen gehört, kehrten wir ein. Ein maurisches Mädchen von ungefähr 14 Jahren fesselte meine Aufmerksamkeit und der kleine Kellnerjunge machte den Dolmetsch in meiner Unterhaltung mit ihr. „Der Junge spricht wohl sehr gut arabisch", sagte ich zu unserer Wirtin. „Je le crois bien, puisqu'il est juifu, antwortete sie zu meiner größten Überraschung, und als ich sie fragte, ob denn Juden hier ansässig seien, replizierte sie nicht seTir erbaut: „Ah, ii n'y a que ea" Dies£ Antwort reizte meine Neugierde, und ich machte mich auf den Weg, die Juden von Sebdon ausfindig zu machen. Ich mußte nicht weit gehen, und bald sah ich in einer in der Nähe der Kirche gelegenen Gasse zwei jüdische Frauen, an dem charakteristischen schwarzseidenen Kopftuch erkennbar. Hier griff ich auch einen Jungen auf und lud ihn ein, mich im Dorfe herumzuführen. Unterwegs fragte ich ihn, ob er Jude sei. Etwas kleinlaut und verschüchtert bejahte er. Nun stellte ich verschiedene Fragen betreffs der Zahl und der Verhält-