Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 13 ÖIE XqKE LT 11 naiven Vorfahren, meinte er, glaubten den Toclesengel dadurch irrezuführen, daß sie dem Erkrankten rasch einen andern Namen gaben, um ihn so dem Tod zu entreißen. Und auch wir moderne Menschen bilden uns ein, dem Judenhaß entgehen zu können, wenn wir uns als „Israeliten" bezeichnen. Aber er trifft uns sowohl als Juden wie als „Israeliten". Gabriel Riesser, der in seinen letzten Jahren in seiner Vaterstadt Hamburg zu großem Ansehen gelangt und in die höchste politische Körperschaft gewählt worden war, starb am 22. April 1863. Sein Leichenbegängnis fand am 26. unter einer Beteiligung statt, wie sie kaum vorher in Hamburg vorgekommen war. Riesser war in allen Schichten der Bevölkerung wegen seines lauteren Wesens, seiner Herzensgute, seines grenzenlosen Wohltuns und seiner inneren Vornehmheit sehr beliebt. Obwohl er fast bis zu seinem Ende im politischen Kampf stand, hatte er nirgends Feinde. Der „edle Riesser" hieß er sogar im Munde mancher Deutschtümler, er, der die jüdische Fahne immer hochhielt und sie hochzuhalten allen Juden dringend empfahl. Vielleicht darf ich noch zum Schlüsse erwähnen, daß in der neuesten Ausgabe von Brockhaus' Lexikon der Name Riesser fehlt, während lebende Politiker und Journalisten da Platz gefunden haben, die freilich, solange sie leben, unsterblich bleiben werden. Ein bißchen Golus muß eben in allem sein. AUS ALGERIEN Von Rosa Feigenbaum (Paris) Im vorigen Jahre brachte ich einige Wochen in Algerien zu und besuchte die Städte Algier, Oran und Tlemcen. Von letzterer Stadt aus machte ich einen Ausflug nach Sebdon. Daß mich bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse, in denen die Juden leben, ihr Verkehr mit den anderen Konfessionen und Nationen besonders interessierte, ist selbstverständlich. Ich konnte leider nicht sehr viel erfahren, denn die Juden Algeriens sind infolge der antisemitischen Verhetzungen, denen sie namentlich unter Max Regis ausgesetzt waren, so reserviert, ja fast furchtsam geworden, daß ich auf meine diesbezüglichen Fragen zumeist nur ausweichende Antworten erhielt. Große Aufregung hat das Trennungsgesetz unter den algerischen Juden hervorgerufen, und das Konsistorium hat an den Generalgouverneur von Algier ein Memorandum gerichtet, das als document hiimain wohl seinen Platz in der Geschichte über die Trennung der Kirche vom Staate einnehmen wird. In diesem bittet das Konsistorium, daß das Trennungsgesetz auf die algerischen Juden nicht Anwendung finden möge. Es wird darin ausgeführt, daß, falls dieses Gesetz in Kraft treten sollte, die Gemeinde ihrer größten Einnahmequelle, der Einhebung der Taxe für das Koscherfleisch, beraubt würde. Das hieße aber auch gleichzeitig das Ende der großen algerischen Gemeinden dekretieren, die ohne Einhebung dieser Steuer nicht existieren könnten, denn die sonstigen Einnahmen der Gemeinde seien gering. Diese Eingabe an den Generalgouverneur hatte bei den fortschrittlich gesinnten algerischen Juden, die gegen eine Ausnahmsstellung protestierten, Aufregung hervorgerufen; sie machten dem Konsistorium das Recht, im Namen aller zu sprechen, streitig Wie wir an kompetenter Stelle erfahren haben, beträgt die Einnahme der Steuer für das Koscherfleisch zirka 120000 Francs jährlich (man zahlt eine Taxe von 4 Sous per Kilo Fleisch). Davon werden das algerische Gemeinwesen und die Wohltätigkeitsinstitute erhalten, die sehr zahlreich —- und wie ich mich teilweise selbst überzeugen konnte — auch sehr segenbringend sind. In den Gegenden, wo ich mich aufhielt, besuchte ich soviel als möglich die Synagogen, in denen sich das jüdische Element konzentrieren mußte. Als ich eines Tages in Oran der Beschließerin einer solchen meinen Wunsch vortrug, das' Gotteshaus besichtigen zu wollen, fragte die Frau — mich mit einem mißtrauischen Blick messend —: „Weshalb?" „Nun," sagte ich, „weil ich Jüdin bin und die Juden und Synagogen in Algerien mich interessieren." Die Frau schien aber an meiner jüdischen Abkunft zu zweifeln, denn sie zuckte die Achseln und vorbeugend sagte sie in gebrochenem Französisch: „Moi tout egal, catholique ou juif!" Von der zionistischen Bewegung wissen die Juden in den Städten, die ich bereiste, — wie es scheint — nichts. In Algier, wo ich mich am längsten aufhielt, besuchte ich vor allem die Synagoge in der nie Randon. Als der Kutscher anhielt, sagte ich ihm, daß er sich wohl geirrt hätte, denn dies wäre ja eine Moschee. Allein es war doch einer der schönsten Tempel Algiers, ein weißer, niedriger, auf einem erhöhten Platze gelegener Bau mit einer großen Kuppel, in der Front ein kleines, schmales Doppel-Bogenfenster mit durchbrochenem Holzgitter und schmalem niedrigem Eingang, ganz nach Art der Moscheen in Algier. Keine hebräische Inschrift zierte die Synagoge, und über dem Eingang sah man die üblichen Initialen R. F. (Republique francaise), die alle öffentlichen französischen Gebäude tragen. Unwillkürlich mußte ich an die Stellung der Juden in Algerien vor der französischen Okkupation 1830 denken. Diese Juden, die unter arabischer Herrschaft wie ein aussätziges Tier behandelt wurden, die sich einem Araber mit der größten Unterwürfigkeit nahen mußten, die man auf der Stelle töten durfte, falls sie sich einem Araber gegenüber in der geringsten Weise vergangen hatten, die ihre Schuhe ausziehen mußten, wenn sie zitternd und zagend vor einer Moschee vorübergingen, diese Juden bauen heute ihre Synagogen in allernächster Nähe der Moschee Sidi-Abderrahman, des größten Marabuts Algeriens. Daß dies im Stil der Moscheen geschah, war wohl Mimicry — im Interesse der Selbsterhaltung. Denn der alte Haß, zu dem sich jetzt noch die Eifersucht gesellt, weil der Jude mehr politische Rechte genießt als der Araber, ist im Araber noch nicht erstickt, das haben die Feindseligkeiten der letzten Jahre bewiesen, das beweisen die Araber noch heute. Denn es kommt nicht selten vor, daß. die Synagoge während des Gottesdienstes mit Steinen beworfenwird. Obgleich im jüdischen Viertel gelegen, hat die Synagoge der rue Randon doch eine unangenehme Nachbarschaft, denn in nächster Nähe breitet sich der arabische Obstmarkt aus, und als ich am Freitagabend dem Gottesdienst beiwohnte (die Synagoge ist nur Freitag und Samstag geöffnet), drang der betäubende Lärm, mit dem arabische Verkäufer ihre Ware ausbieten, in das Gotteshaus und machte einen störenden, und wenig' erbaulichen Eindruck. Aber der Gottesdienst selbst war auch nicht darnach angetan, erbaulich zu wirken; auf mich machte er einen geradezu grotesken Eindruck. Nachdem mir ausnahmsweise gestattet worden war, in einem Winkel des großen Mittelschiffes, das für die Männer reserviert ist, Platz zu nehmen — die Frauengaierie war nicht geöffnet —, wartete ich gespannt darauf, den Gottesdienst der arabischen Juden kennen zu lernen. Die Synagoge füllte sich langsam zumeist mit Männern in Pluderhosen, Fez und Turban; nur wenige waren europäisch gekleidet. Ein Talith war nirgends zu erblicken, auch Rabbiner und Kantor hatten keinen. Mittlerweile hatte sich's die algerische Straßenjugend auf dem Almernor bequem gemacht. Es waren defekt gekleidete Buben, die allerhand Allotria trieben. Plötzlich ging einer dieser kleinen Jungen in abgeschabter Kniehose und mit einer Wagnermütze auf dem Kopfe zum Betpult und begann unter Lärm und Unruhe der Gemeinde, ein hebräisches