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Die Welt · 1906-03-30 · 13 (30.3.1906) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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durch den Einfluß der französischen Revolution unter den deutschen Juden in religiöser Beziehung ein anderer Geist zu walten begann, konnte sich Rafael Kohen mit den neuen Ideen ebensowenig abfinden wie viele andere seiner Amtskollegen. Den neuen Strömungen durch Kompromisse entgegenzukommen, das war nicht seine Sache. Er zog es deshalb vor, auf sein Amt zu verzichten und sich ins Privatleben zurückzuziehen. Seine Gemeinde wahrte ihm aber trotz dieser Strenge ein ehrenvolles Andenken. Zweifellos hat Grätz mit seinem Ausspruch recht, daß Gabriel Riesser seine besten Charaktereigenschaften von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt hat. Die Ehrfurcht einflößende Gestalt seines Großvaters schwebte dem Knaben in verschiedenen Erinnerungen vor. In der Jugend hat Gabriel Riesser auch viel jüdisch gelernt. Da er sich einige Zeit darauf Hoffnung machte, in Hamburg die Advokatur ausüben zu dürfen, dachte er für seine jüdischen Klienten sich mit dem talniudischen Recht vertraut zu machen. Denn in Hamburg war zwar den Juden die eigene Gerichtsbarkeit entzogen, aber für Prozesse unter Juden galt noch immer das jüdische talmudische Recht, das die christlichen Richter aus Ubersetzungen kannten. Es war daher nicht von geringer Bedeutung, dieses Recht aus den Quellen zu kennen und es bei der Vertretung der Parteien in Anwendung zu bringen. Indessen ging diese Hoffnung des jungen Riesser fehl, obwohl doch Hamburg zu den freien Staaten in Deutschland gehörte. Gabriel Riesser, der von seinem Vater nicht viel geerbt hatte, begnügte sich, da er unverheiratet blieb,, mit einer untergeordneten Stelle bei einer Zeitung und begann den Kampf für Recht und Freiheit zu führen. Er tat dies mit viel Takt, indem er von vornherein verschmähte, für die Juden etwas zu erbetteln. Die Zahl der. deutschen Juden war nicht groß; erkämpfen konnten sie sich ihr Recht auch nicht. Aber Riesser verstand es, den Forderungen der Juden dadurch Nachdruck zu verleihen, daß er sie zu Forderungen des modernen Staates und der Gesellschaft machte. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts galt der phrasenhafte Liberalismus der Herren Rotteck und Weleker, die den giftigsten Judenhaß mit ihren Begriffen von Gleichheit und Freiheit vereinigen konnten. Gabriel Riesser unternahm es, die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland zu erstreiten und gleichzeitig das deutsche Volk von seinen faustdicken Vorurteilen zu befreien. Er tat dies in überaus vornehmer Weise, seine Waffen bestanden lediglich in der überzeugenden Kraft der Logik und der Gerechtigkeit. Bei den Juden fand er dadurch gleich Anklang, daß er einen neuen Ton anschlug, den des jüdischen Selbstbewußtseins. Die Anfänge der Emanzipationskämpfe in Deutschland fallen in die Zeit der ersten Reformationsbewegung unter den deutschen Juden. Im Alter von 12 Jahren sah Riesser in seiner Vaterstadt Hamburg den Streit um den sogenannten „Tempel'' entstehen, der damals in der ganzen europäischen Judenheit ungeheures Aufsehen erregte. Wider Erwarten nahm Lazarus Riesser, der Vater Gabriels, in diesem Streit Partei für die Neuerer. Etwa 25 Jahre später stand Gabriel Riesser selbst, damals bereits ein geleierter Mann, an der Spitze dieser Tempelgemeinde und führte einen heftigen Kampf gegen die orthodoxen Rabbiner, die an dein Gottesdienst im Tempel Anstoß nahmen. Gabriel Riesser sympathisierte für die Reformbewegung, aber er verschmähte die Taktik vieler Zeitgenossen, welche die Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung mit der der inneren Umwandlung des Judentums verquicken wollten. Was die Juden von ihrem Glauben halten, das ist ihre eigene Angelegenheit, die mit ihren staatlichen Rechten nichts zu tun hat. Jeder Jude kann von den religiösen Gebräuchen aufgeben, soviel er will, wenn er das aus innerer Uberzeugung tut. Aber behufs Erreichung der bürgerlichen Rechte darf er nichts opfern, wenn er etwas auf seine Ehre hält. - In der öffentlichen Debatte über die Aufnahme der Juden in die bürgerliche Gesellschaft spielte damals die messianische Hoffnung des Judentums eine große Rolle. Die Judenfeinde meinten höhnend, die Juden hätten gar kein Recht, Deutschland ihr Vaterland zu nennen, da sie doch alle nach Palästina zurückwollten. Viele gebildete Juden beeilten sich nun, zu versichern, daß sie diese Hoffnung und diesen Wunsch bereits aufgegeben hätten; sie seien auch bestrebt, aus dem Gebetritus alles zu streichen, was darauf Bezug habe. Merkwürdigerweise wußten .selbst konservative Rabbiner wie Z. Fr an kl-und S. R Hirsch keine richtige Antwort auf diese „Anklage". Frankl meinte, die deutschen Juden wollten auch gar nicht nach Palästina zurückkehren, sie dürften an so etwas auch gar nicht denken; aber die Gebete für die Herstellimg Zions hätten nur Sinn für die Juden in halbzivilisierten Staaten und könnten deshalb beibehalten werden. Hirsch wiederum meinte, es handle sich in diesen Gebeten um die göttliche Allmacht und um die göttliche Weisheit, die alles zur rechten Zeit folgen lasse, die Juden aber in Deutschland würden keinen Schritt tun, um das jüdische Reich in Palästina wiederherzustellen. Gabriel Riesser verschmähte solche Ausflüchte. Er sagte, daß er für seine Person um die Wiederherstellung Palästinas nicht bete, weil er dies weder hoffe noch wünsche. Aber alle Juden, die solches hoffen und wünschen, haben nichtsdestoweniger ein volles Recht auf die bürgerliche Gleichstellung, denn solange sie in Deutschland leben, erfüllen sie auch ihre bürgerlichen Pflichten. „Mit eurer Logik", wies er einst die Angriffe der Judenfeinde zurück, „müßtet ihr ja auch allen Deutschen das Bürgerrecht absprechen, da ja sehr viele Deutsche alljährlich die Heimat verlassen und nach Amerika auswandern. Es ist ja selbstverständlich, daß solche, welche die Heimat für immer verlassen, auch auf ihr Bürgerrecht verzichten. Wenn somit die Juden dereinst nach Palästina auswandern sollten, um da zu verbleiben, so werden sie natürlich die bürgerlichen Rechte in Deutschland aufgeben."? An der Freiheitsbewegung vom Jahre 1848 nahm die jüdische Intelligenz bekanntlich hervorragenden Anteil. Gabriel Riesser wurde als einer der angesehensten Wortführer der liberalen Partei in das Frankfurter Parlament gewählt. Dort erfreute er sich großen Ansehens, und bald erhielt er einen Sitz im Präsidium. Als nun die liberale Mehrheit daranging, die Grundprinzipien der deutschen Verfassung zu formulieren, wurde der Versuch gemacht, den Juden als „Fremden" das Bürgerrecht vorzuenthalten. Da fragte Riesser: Wie kommt es, daß ihr den Polen in Deutschland das Bürgerrecht gewähren wollt, obschon sie sich ausdrücklich gegen die Einverleibung in Deutschland verwahren, während midie Juden zurückweist, die ihre Aufnahme verlangen?" Mit dieser Logik drang Riesser auch durch, und die liberale Partei nahm in ihr Programm die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied des Glaubens auf. Was Riesser für die politischen Rechte der Juden in Deutschland tat, das geschah im offenen Kampf, ohne Winkelzüge und ohne Selbsterniedrigung. Er war es, der die deutschen Juden zuerst lehrte, sich des Namens Jude nicht zu schämen, sondern vielmehr diesen Namen stolz zu führen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst kam unter den Juden und unter judenfreundlichen Christen die Gewohnheit ajif, statt Juden und jüdisch Israeliten und israelitisch zu sagen, weil das Wort jüdisch eine schimpfliche Nebenbedeutung erhalten hatte. Natürlich glaubten Judenfeinde etwas Gehässiges zu tun, wenn sie gerade von den „Juden" sprachen. Gabriel Riesser führte die Bezeichnung Jude und jüdisch wiederum ein. Die Zeitschrift, die er im Kampfe für die Gleichberechtigung der Juden herausgab, nannte er zum Entsetzen mancher vornehmen „Israeliten" geradezu „Der Jude". Er spottete über dieses Versteckenspielen mit den Namen. Unsere

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