Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 13 DIE^E LT =— - GABRIEL RIESSER (ZU SEINEM 100. GEBURTSTAG AM 2. APRIL 1W(>) Von Dr. Simon Bernfeld, Berlin In der Geschichte der Emanzipationskämpfe, die die westeuropäische Judenheit im 19. Jahrhundert um ihre bürgerliche Gleichberechtigung führten, ist ein besonders interessantes Kapitel das, das von der Freiheitsbewegung der Juden in Deutschland handelt. Wenn wir von den osteuropäischen Juden absehen, deren Aufnahme in die bürgerliche Gesellschaft noch nicht erfolgt ist, bietet die Emanzipation der deutschen Juden die größte Schwierigkeit. In Deutschland waren die Juden nicht so gering an Zahl wie im eigentlichen Frankreich (nämlich ausschließlich Elsaß-Lothringen), Italien, England, in den skandinavischen Staaten usw., um im öffentlichen Leben eine so unbedeutende Rolle zu spielen. Auch in den genannten Staaten stieß die Emanzipation der Juden auf große Schwierigkeiten. Man wird sich erinnern, welchen Widerstand die politische Orthodoxie in England der Gleichstellung der Juden leistete, so daß der bekannte Forscher Salome Münk noch am 24. August 1833 voller Verzweiflung die Worte niederschrieb: „Vielleicht werde« wir nun die Juden früher in Portugal als in England und Preußen frei sehen!" DR. GABRIEL RIESSER nach einem Ölgemälde von Prof. Oppenheini In Deutschland lagen die Verhältnisse für die Juden um so ungünstiger, als dort nach den Befreiungskriegen gerade das liberale Bürgertum judenfeindlich gesinnt war. Es ist bekannt, daß die sog. „freien Städte" nach der Niederwerfung Napoleons die Gelegenheit ergriffen haben, die Juden entweder gänzlich auszuweisen oder zum wenigsten bürgerlich rechtlos zu machen. In Frankfurt, wo der*.hohe deutsche Bundestag seinen Sitz hatte, war es den Juden untersagt, sich über Gebühr zu vermehren. Die Zahl der jüdischen Eheschließungen war nämlich gesetzlich beschränkt. Zu dem kam noch die politische Zerrissenheit Deutschlands, daß jeder Fürst in seinem „Ländle" mit den Juden nach Gutdünken verfahren konnte. Die Judenfrage war da mit verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Fragen so verquickt, daß es der großen politischen Begabung eines Führers in diesem Kampfe bedurfte, um zu einem gedeihlichen Ende zu gelangen. Ein solcher Führer erstund der deutschen Judenheit in der Person Gabriel Riessers. Es ist merkwürdig, wie sich dieser Mann in jungen Jahren eine so einflußreiche Stellung unter seinen Volksgenossen verschaffen konnte. Er hat sie erlangt, ohne sie gesucht und erstrebt zu haben; sie fiel ihm fast von selbst zu. Gabriel Kiesser war damals, als er für die Ehre und die Freiheit der Juden eintrat, ein Mann ohne Amt und ohne Reichtum. Uni die Mittel zu seinem Unterhalt zu erwerben, mußte er eine seinen Fähigkeiten gar nicht entsprechende Tätigkeit bei einer Zeitung ausüben. Was ihm jedoch gleich alle Herzen gewann, was ihm das Vertrauen seiner Glaubensgenossen verschaffte, das war unstreitig die Macht seiner Persönlichkeit, seine Uneigenniitzigkeit, das hohe Ehrgefühl, das er nicht nur als Mensch, sondern auch als Jude empfand, und am meisten vielleicht das Vertrauen auf den endlichen Sieg der guten Sache, das er selbst besaß und auch anderen einzuflößen verstand. Gabriel Riesser war in seinem Grundwesen eine echt jüdische Natur, in der sich aber auch einige Züge des germanischen Charakters fanden. Vom jüdischen Volke hatte er den felsenfesten Glauben an den Sieg der Wahrheit und des Rechts, den prophetischen Optimismus, den Wahrheitsdrang und die Vorliebe, für den Schwächeren und Bedrängten mit aller Kraft einzutreten. Deutsch war an ihm vielleicht seine Beharrlichkeit im Kampf und seine Disziplinierbarkeit. Er haßte jede Rechtsunordnung, jede Störung der Gewissensfreiheit, gleichviel von welcher Seite sie auch ausgehen mochte. Er war niemals Parteimann, niemals eingeschworen auf irgendein Programm, wenn darin in irgendeinem Punkte etwas vorkam, das mit seiner sittlichen Auffassung von Recht und Freiheit in Widerspruch stand. Gabriel Riesser stammte mütterlicherseits von einem gelehrten polnischen Juden. Der Vater seiner Mutter war der gefeierte Talmudist Rabbi Rafael Koben aus Minsk, der anfangs der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts als Oberrabbiner der Drei-Gemeinde Altona-Hamburg-Wandsbeck berufen wurde. Er besaü schon damals einen weitgehenden Ruf sowohl wegen seiner Gelehrsamkeit wie auch wegen seiner Charakterfestigkeit. Als er nach Berlin kam, um da ein talmudisches Werk drucken zu lassen, wurde er von der jüdischen Gemeinde dieser Stadt überaus ehrenvoll aufgenommen. Man trug ihm das damals vakant gewordene Oberrabbinat der Mark Brandenburg an. Aber die genannte Drei-Gemeinde besaß in jener Zeit mehr Ansehen und Wichtigkeit, und als von ihr der Ruf an Rafael Kolion gelangte, das geistige .Oberhaupt der dortigen Judenheit zu werden, leistete ei diesem Ruf Folge. Soweit die Gemeinde unter dänischer Oberhoheit stand, übte der Rabbiner dort die bürgerliche Gerichtsbarkeit unter den Juden aus. Man suchte daher in Altona einen Rabbiner, der als Gelehrter wie auch als unparteiischer Richter dem rechtsuchenden Publikum Vertrauen einflößen konnte. Rafael Kohen entsprach diesen Forderungen in vollem Maße. Wegen seiner Gerechtigkeit und seiner Unbeugsamkeit in der Rechtsprechung stand er bei den Juden und Christen in höchstem Ansehen. Er war vor allem eine unabhängige Natur, niemals nahm er die Gefälligkeit irgendeiner Person in Anspruch. Stets pflegte er zu sagen, daß er sich bittend nur an Gott wende, und wenn er Recht spreche, so wisse er, daß alles Recht ein Ausfluß der göttlichen Natur sei. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts