Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-30 · 13 (30.3.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316200--47956-3342864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Religionsunterricht wird dort für die verschiedenen Bekenntnisse gesondert erteilt, und die Lehrer werden ohne Rücksicht auf ihre Religion angestellt. Für eine kleine Minderheit ohne territorialen Zusammenhang ist diese Form der Schule die einzig annehmbare. Wir wissen wohl, daß eine Anzahl von Gesinnungsgenossen in diesem Punkt anders denkt und die jüdische Konfessionsschule bevorzugt; wir haben uns aber von der Güte der angeführten Gründe nicht überzeugen können. Wenn in Berlin oder Frankfurt Eltern ihre Kinder in jüdische Schulen senden wollen, so ist dagegen sicherlich nichts einzuwenden. Dort leben große Gemeinden, die den Unterhalt der Anstalten leicht bestreiten können; ein ausreichender Besuch ist gewährleistet, für gute Lehrkräfte kann gesorgt werden. Die übrigen Gemeinden sind in ihrer großen Mehrzahl zum selbständigen Unterhalte einer Schule außerstande. Es müßten Schillverbände gegründet werden, und der Staat wäre wahrscheinlich doch der eigentliche Geldgeber. Die Kinder müßten oft viele Stunden weit über Land wandern und würden dann noch minderwertigen Unterricht erhalten, weil jetzt wenigstens die genügende Anzahl pädagogisch vorgebildeter Lehrkräfte fehlt. Kurz, die jüdische öffentliche Volksschule ist gegenwärtig eine schöne Illusion. Da nun die allgemeine Simultanschule nicht zu erreichen wai\ so mußten wir uns damit zufrieden geben, unsere Kinder statt in eigene Zwergschulen, in die christlichen Schulen zu senden, wo die Konfessionsschule bestand. Wo aber die Simultanschule vorhanden war und jüdisch-christlichen Charakter hatte,' wie z. B. in Oberschlesien, oder wo neue Simultanschulen gegründet wurden, war energisch die Möglichkeit der Anstellung jüdischer Lehrer zu fordern. Ebenso war im Interesse jener Minderheit, die den Besuch jüdisch-konfessioneller Schulen für ihre Kinder wünschte, die Aufrechterhaltung dieser Anstalten zu verlangen, und endlich war für ausreichenden jüdischen Religionsunterricht der jüdischen Schüler in christlichen Schulen Sorge zu tragen. In allen drei Punkten wurden die Wünsche der Juden unberücksichtigt gelassen. Der Entwurf bestimmte vielmehr, daß fortan die Gründung jüdisch-christlicher Simultanschulen und die Anstellung jüdischer Lehrer unzulässig sein sollte. Dem Schulverband —- in dem die Juden nicht . vertreten sein sollten! - wurde das Recht zugesprochen, die bestehenden jüdischen Konfessionsschulen durch einfachen Beschluß aufzulösen, und mehr noch: das Vermögen so aufgelöster Schulen sollte der Schulaufsichtsbehörde überantwortet und von ihr nach freiem Ermessen verwendet werden. Endlich wurde die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts in christlichen Volksschulen nur da den politischen Gemeinden überlassen, wo letztere bisher schon den Unterricht angeordnet hatten. Für die Zukunft wurde eine weitere Übernahme untersagt. Es ist schwer begreiflich, wie derartige Bestimmungen entstehen konnten, wenn man nicht annehmen will, daß sie vom Antisemitismus diktiert waren. Der Behörde hätte es freigestanden, z. B. die alten Frankfurter oder Berliner Schulen durch einen Federstrich vom Erdboden verschwinden zu lassen, die Lehrer auf die Straße zu werfen und die Vermögen einzuziehen. Die jüdischen Lehrer wären an Volksschulen so gut wie gar nicht mehr anstellbar gewesen, und die jüdische Jugend hätte selbst in solchen Städten, wo die jüdischen Hausväter den größten Teil der Steuern aufbringen, keinen öffentlichen Religionsunterricht erhalten. Kein Wunder, daß sich die jüdischen Gemeinden in seltener Einstimmigkeit regten. Der neugegründete „Verband der deutschen Juden" konnte zum erstenmal eine Probe seiner Arbeitsfähigkeit ablegen und hat sie bestanden. Eine Massenpetition wurde an das Abgeordnetenhaus gerichtet, die Öffentlichkeit bearbeitet und auf die Volksvertreter Einfluß gewonnen. So scheint wenigstens das Schlimmste vermieden zu sein. Ferner hat die Kommission zur Vorbereitung des Entwurfs die grundsätzliche Gleichstellung und gleichmäßige Behandlung mit dem christlichen Bekenntnis nicht angenommen. Der diesbezügliche freisinnige Antrag war von vornherein aussichtslos. Aber man einigte sich dahin, wenigstens den alten Zustand bestehen zu lassen. Die vorhandenen jüdischen Konfessionsschulen bleiben also unantastbar bestehen, die Gründung neuer Konfessionsschulen ist zulässig. Aber diese Gründung kann nicht, wie in dem Entwurf vorgesehen, einfach durch den Beschluß des Schulverbandes, also auch gegen den Willen der Synagogengemeinde erfolgen, sondern ist von ihrer Zustimmung abhängig. Eine Aufhebung jüdischer Schulen kann gleichfalls nicht auf den einseitigen Beschluß des Schulverbandes eintreten. Die Errichtung von Simultanschulen christlich-jüdischen Charakters ist auch weiter möglich. Wo jüdische Volksschulen errichtet sind, erhalten die Juden eine Beihilfe aus den durch ihre Beiträge ja meist nicht unerheblich gesteigerten Kommunalmitteln, deren Höhe unter Berücksichtigung des Beitrages der Gemeindeabgaben der jüdischen Einwohner, der aus Gemeindekassen für das Ortsschulwesen sonst gemachten Verwendungen und der Erleichterung, die dem Gemeindeschulwesen aus der Vereinigung der jüdischen Kinder in eine besondere jüdische Schule erwächst zu bemessen und in Ermangelung einer gütlichen Vereinbarung von dem Kultusminister und dem Minister des Innern festzusetzen ist. Diese Ausgleichspflicht ist durch einen nationalliberalen Zusatzantrag, der gegen die Stimmen der Konservativen angenommen wurde, übertragen auch auf den Fall, daß eine Gemeinde jüdischen Kindern, die in einer Zahl von mehr als 12 einer christlichen Volksschule angehören, keinen Religionsunterricht auf eigene Kosten zukommen lassen will, sondern dies der Synagogengemeinde überläßt. Auch in diesem Fall also soll fortan der jüdischen Gemeinde eine Beihilfe.zu den Kosten des von ihr besorgten Religionsunterrichts aus den Mitteln der politischen Gemeinde gewährt werden. Diese Beschlüsse dürften Gesetz werden, da sie auf einem Kompromiß der beiden konservativen Parteien und der Nationalliberalen beruhen, die zusammen im Abgeordnetenhaus die Mehrheit haben. Immerhin wird man gut tun, sich nicht in übergroße Sicherheit zu wiegen. Die ganze Behandlung der Angelegenheit zeigt von neuem, was die deutschen Juden zu erwarten hätten, wenn sie den alten Grundsatz befolgten, in ehrfurchtsvollem Schweigen abzuwarten, was man über uns beschließt. Im modernen Deutschland hat nur Erfolg, wer sein Recht tunlichst laut und vernehmlich fordert. Schon daß ein solcher Gesetzentwurf eingebracht werden konnte, ist eine Beschimpfung der deutschen Judenheit, und wir müssen energisch verlangen, daß derartiges in Zukunft nicht wieder geschieht. Wir wollen nicht um Gerechtigkeit betteln, sondern sie von den verantwortlichen Stellen mit jener Selbstverständlichkeit verlangen, die dem freien Bürger eines modernen Staates ziemt; darum mahnen wir stets von neuem zur Organisation, Solidarität und gemeinsamen Wahrung unserer Interessen. An die jüdischen Abgeordneten aber, die Peltasohn, Cassel, Wolff, Gerschel, muß man das energische Verlangen richten, daß sie bei der Beratung des Gesetzes sich der bedrohten jüdischen Interessen annehmen. Jüdische Stimmen und jüdischer Einfluß haben ihnen ihre Mandate verschafft, sie mögen nun zeigen, daß sie ihren Aufgaben gewachsen sind. Wir ersuchen alle jene Abonnenten, deren Abonnement mit dieser Nummer abläuft, um rechtzeitige Erneuerung, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Unsere PESSACH-AUSGABE erscheint am 15, April er. in erweitertem Umfange mit Beiträgen hervorragender Schriftsteller und Künstler. Bestellungen werden bis spätestens — 12. April er. =^=- entgegen genommen. Preis der Einzelnummer 40 Pfennig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.