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Die Welt · 1906-03-30 · 13 (30.3.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DiE3|K ELT No. 13 %^ POLITISCHE REVUE o0060 JX3 ^r—^g Palästina. „Die Auswanderungsfrage tritt wieder in den Vordergrund; Gesellschaften und Ausschüsse bilden sich in Berlin wie andern Orten; die öffentlichen Blätter sind gefüllt mit Ankündigungen von Schriften für Auswanderer, mit Anerbietungen von inländischen und fremden Handelshäusern, die ihre Verschiffung übernehmen wollen. Fortwährend geht der Strom nach dem Westen, nach Nord- und Südamerika, teilweise auch nach Australien. An den uns so nahe gelegenen Orient denkt niemand, oder denken doch nur wenige. Darum schien es mir geraten, noch einmal einen Versuch zu machen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Gedanken deutscher Niederlassungen in Kleinasien hinzulenken und womöglich zu veranlassen, daß diese Frage von kundigen und umsichtigen Männern in Erwägung gezogen, am liebsten zum Gegenstande örtlicher Untersuchung und Ergründung durch eine einzusetzende Kommission gemacht werde." . . . Diese Worte sind von einem deutschen Reisenden, Ludwig Roß, vor einem halben Jahrhundert geschrieben worden. Glaubt man da nicht, einen Bericht aus unserer Zeit zu lesen? Man setze anstatt „deutsch" — „jüdisch", und wir erhalten ein treues Bild der jüdischen Emigration. Ein anderer deutscher Reisender, Dr. Edmund Naumann, schrieb vor 13 Jahren: „Noch immer verlassen große Auswandererzüge das Heimatland, um über den großen Ozean zu ziehen und drüben in einer anderen Welt vollständig aufzugehen. ... Es steht ganz außer Frage, daß es angezeigt wäre, den Strom der Auswanderer wenn irgend möglich in Territorien zu lenken, die uns näher biegen, durch Lage und Gestaltung mit Europa auf das innigste verkettet sind. . . . Von den deutschen Kolonisten in Amerika können wir nichts anderes erwarten, als daß sie sich der alten Heimat ganz entfremden, von deutschen Kolonisten in Afrika ist zu hoffen, daß sie nicht nur die alten Verbindungen mit dem Mutterlande aufrecht erhalten, sondern einen regeren Verkehr einen lebhafteren Handelsaustausch anbahnen werden.*' . . . Setzen wir auch hier „jüdisch" anstatt „deutsch", und wir haben ein Stück zionistisches Programm. Aber die deutschen Kolonisatoren in Kleinasien verfolgen hartnäckig ihre Politik. Täglich werden neue Erfolge ihrer Tätigkeit gemeldet. Hier wird ein Kloster mit dem dazu gehörigen Terrain erworben, dort eine Kolonie gegründet, Konzessionen werden erlangt. Unlängst meldete der Jaffaer Korrespondent der Zeitung „Hasman". daß die Deutschen neulich ein Terrain bei Tiberias, eine der besten Ortschaften jener Gegenden, angekauft haben. Dazu kommt, daß dank der energischen, zielsicheren Arbeit auch Palästina modernisiert wird. Wir lesen darüber einen Bericht in der Frankfurter Zeitung: „Der Sultan, der bis jetzt der Einführung der Elektrizität heftig widerstrebt hat, gibt, wie „The Nation" mitteilt, nunmehr nach und hat die Konzession zur elektrischen Beleuchtung Jerusalems und für ein Draisinensystem in der Umgebung gewährt, das sich zu einer Straßenbahn nach Bethlehem, Bethanien und wahrscheinlich auch nach Jericho und dem Mosesgrab auswachsen wird. Man plant sogar, die elektrische Linie bis Amman weiterzuführen, womit der Anschluß an die Linie Damaskus-Mekka erreicht wäre. Wie wichtig dieser Bahnbau für Pilger, Touristen und Archäologen wäre, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Von Amman fährt die Eisenbahn in 13 Stunden nach Mäan, von wo man in sechsstündigem Ritt die grandiosen Ruinen von Petra erreicht, die bisher nur mit Schwierigkeiten und Gefahren besucht werden konnten. —- Auch Damaskus wird ein vollständiges elektrisches Straßen bahn System erhalten, wozu die Wasserkraft von dem historischen Abanaflüßchen, gewöhnlich Barada genannt, geliefert werden soll. Und Beyruth, die am weitesten vorgeschrittene und modernste Stadt Syriens, bewirbt sich ebenfalls um die Kon- Aus Skandinavien. Zession für elektrische Beleuchtung und Straßenbahnen. Einige kirchliche Zeitungen und Zeitschriften des Kontinents sollen gegen die „Entweihung" durch die elektrische Spannung der Luft Protest eingelegt haben, da z. B. die Tramway Jerusalem-Jericho direkt über den Ölberg laufen wird. Aber die Verkehrsrücksichten werden hier doch siegen. Die letztgenannte Linie und wahrscheinlich auch die andern werden von einer deutschen Gesellschaft gebaut werden." Die moderne Technik zieht in Palästina ein. Die längstersehnte Arbeitsmöglichkeit wird geboten. Was man von der Regeneration Palästinas zu erwarten hat, hat uns das Beispiel Ägyptens gezeigt. Ein Hauch der Kultur, ein Schwung arbeitsfroher Hände, und der alte Boden erwacht zu neuem. Leben. Man muß das Werk von Sir Willcocks über Chaldäa lesen, um sich zu überzeugen, wie enthusiastisch ein so nüchterner, genauer Mensch werden kann, sobald er sich die Möglichkeiten ausmalt, die im Schöße der Erde, die den Anfang unserer Kultur gesehen hat, ruhen. Und es sind keine Phantasien. Die europäische Welt hat die große Bedeutung Palä. stinas erkannt, besonders aber Deutschland. Über ganz Palästina streckt es seine Fühler aus, nach allen Richtungen, auf allen Lebensgebieten. Vor einigen Tagen ging durch die Blätter ein Aufruf der deutschen Töchterschule in Smyrna, die schon seit 53 Jahren besteht und eine in deutschem Sinne fördernde Kulturtätigkeit ausübt. Die Schule verlangt Unterstützung, wird sie auch zweifelsohne bekommen. . . . Die Zeit des Auflebens ist für Palästina gekommen. — Sollen die Juden allein sich passiv verhalten? Es ist mit jeder Bewegung wie mit der Schrift, von der ein altes, weises Wort sagt: „Wenn du sie für einen Tag verläßt, verläßt sie dich für zwei Tage." Aus Kopenhagen wird der Frankfurter Zeitung ' vom 22. d. gemeldet: „Wie bereits kürzlich erwähnt, wurde dieser Tage in der jütländischen Hauptstadt Aarhus ein russischer Jude, Kastan, der vor zwei Jahren desertiert war, von der dortigen Polizei aufgegriffen und der Kopenhagener Polizei zwecks freundlicher Weiterbeförderung nach Mi tau eingehändigt, um daselbst der strafenden Gerechtigkeit ausgeliefert zu werden. Nun ist zu diesem beschämenden Fall zu bemerken, daß Kastan durchaus nicht, weil er Deserteur ist, verhaftet wurde, sondern als „Mittelloser"; hier in Kopenhagen hat er als ehrlicher Mensch gearbeitet, zeitweilig auch von der hiesigen jüdischen Gemeinde unterstützt, und nach Aarhus ist er gereist, um daselbst lohnende Arbeit zu suchen. Ais er verhaftet wurde, hatte er nur wenig bares Geld in den Taschen, wie mir aber bekannt ist, wäre die hiesige jüdische Gemeinde bereit gewesen, sich auch fernerhin seiner anzunehmen. Die Aarhuser Polizei fand es jedoch ganz unnötig, die Verhältnisse des armen Juden näher zu untersuchen und ließ ihn, mit der Etikette „Mittellos" versehen, nach seinem Heimatsort abschicken, obgleich es ihr nicht unbekannt sein konnte, daß dies ihm langjährige Strafarbeit einbringen würde. Georg Brandes bespricht in der heutigen „Politiken" diesen empörenden Fall und erklärt, das dänische Volk müsse tief gesunken sein, wenn es ruhig hinnehmen sollte, daß dänische Polizeiobrigkeiten sich als „schamlose Henkersknechte der brutalsten aller europäischen Regierungen benutzen lassen" .... Es ist zu bemerken, daß in Aarhus sehr wenige Juden wohnen. Die Juden in Dänemark fühlen sich trotz der Vollberechtigung nicht ganz behaglich, denn ihre Zahl steigert sich dort nicht, sie ist vielmehr im Abnehmen begriffen. Die aus Kopenhagen gemeldete Tatsache ist um so charakteristischer, als in Dänemark die Judenemanzipation sozusagen gründlich vor sich gegangen ist. Und

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