Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. u —:--------------------------------.....-^-^ DIE^ELT dürfen die Bauern bekanntlich der Erntevorschüsse, namentlich in den Jahren, die auf Mißwachs folgen; hierzu ist die Einrichtung von Leihgenossenschaften erforderlich«, die groß genug sein müssen, um größeren Kredit beanspruchen zu können. Daß die Bauern meist nicht in der Lage sind, ohne Beihülfe diese Leihgenossenschaften ins Leben zLuxufen, ist klar. Schließlich ist es noch von hervorragender Bedeutung, daß die Pachtung der Zehnten nicht beliebigen Wucherern in die Hände fällt, die infolge von Unterverpachtungen, wobei für jeden ein Verdienst herausschauen soll, oft die einzutreibenden Steuern statt der gesetzlichen 12V2 %> auf 40—50 °/o in die Höhe treiben; das einzige Mittel hierzu ist, den Dörfern soviel Geld zu leihen, daß sie selbst die Steuer pachten. Mit andern Worten, was der ländlichen Bevölkerung in Palästina fehlt, ist eine Ansiedlungs-Hypotheken- .und Darlehnsbank. Wenn es nun auch wahrscheinlich ist, daß eine solche Bank mit der Zeit ganz gut reüssieren und mit bescheidenen Dividenden arbeiten wird, so ist doch zu erwarten, daß in der ersten Zeit ganz viel Lehrgeld zu zahlen sein wird. Es ist deshalb wünschenswert, die Sache nicht gleich in Form einer Bank anzufangen, sondern zuerst nur einen dem Aktionskomitee unterstellten, kaufmännisch geleiteten und vielleicht von der Anglo-Palestine Co. verwalteten resp. kontrollierten Agrarfonds zu bilden, der in ähnlicher Weise wie der Nationalfonds durch freiwillige Beiträge zu begründen und dauernd zu erweitern sein würde. Es ist zwar klar, daß die Zunahme des Nationalfonds darunter leiden würde; da wir aber doch in den nächsten Jahren wohl kaum Verwendung haben für größere Summen, als schon jetzt im Nationalfonds beisammen sind, so würde ein langsameres Anwachsen desselben nichts schaden. Hat sich der auf diese Weise gesammelte Agrarfonds einmal bewährt, so wird es nicht allzu schwer sein, daraus ein wirklich geschäftliches Unternehmen zu machen, indem man mit Hilfe des Jewish Colonial Trust eine wirkliche Palästina -Agrarbank zu gründen versucht. So ablehnend sich momentan auch noch die Jewish Colonization Association allem gegenüber verhält, was die Zionisten unternehmen, so halte ich es doch nicht für ausgeschlossen, daß bis dahin dort ein anderer Wind wehen wird, und dann werden gerade für ein solches rein geschäftliches Unternehmen die Gelder der J. C. A. am ehesten zur Verfügung stehen. Des weiteren ist die Schaffung eines Palästina- Kulturfonds unbedingt nötig. Es ist doch geradezu kläglich, daß wir seit Jahren Unterstützung von Schulen, der Nationalbibliothek etc. beschließen und stets aus Anlange! an Fonds gezwungen sind, unser Wort nicht einzulösen. Wir müssen uns einfür allemal mit der Erkenntnis abfinden, daß die Schekelgelder kaum für Organisations- und Propagandazwecke genügen, und daß es eine gut gemeinte, aber doch immerhin komische Farce ist, wenn wir auf dem Baseler Kongreß alle möglichen schönen Beihilfen auf dem Papier gewähren. Das schafft in den betroffenen Kreisen Erbitterung und macht uns im übrigen geradezu lächerlich. Es ist zwar sehr gut, die wenigen wirklich nationalen Anstalten in Palästina zu unterstützen, nur soll man es nicht auf Kosten unserer Organisation tun. Wir haben meiner Ansicht nach: nicht nur die Pflicht, bestehenden kulturellen Institutionen zu helfen, sondern sollten selbst die Gründung neuer einleiten und in die Hand nehmen. Genau so wie wir es beim „Bezalel" getan haben, der drei Viertel seiner Gelder aus nichtzionistischen Kreisen erhalten hat, so sollten wir auch schon alsbald die Gründung einer nationalen Mittelschule in Jerusalem in die Hand nehmen, ferner die Nationalbibliothek in der von Dr. Löwe skizzierten Weise ausbauen, ein Nationalmuseum begründen und — last not least - nach einer Reihe von Jahren eine jüdische Hochschule. Selbstverständlich bedarf es hierzu enormer Geldmittel, aber ich bin fest überzeugt, daß wenn wir erst einen Kulturfonds geschaffen und mit einigen Hunderttausend Mark ausgestattet sowie z. B. die Mittelschule gegründet haben, es relativ leicht sein wird, auch von nichtzionistischer Seite pekuniäre Beihilfen für diese Zwecke zu erlangen. Jedenfalls ist das ein Gebiet, wo wir unsere Geschicklichkeit in bezug auf Agitation in zwar national-jüdischen, aber nicht nach politisch-zionistischem Sinne im weiten Maße entfalten könnten. Fürs erste würde der Kulturfonds dem Aktionskomitee allein unterstellt sein, später würde es einer besondern Kulturkommission bedürfen. Aber auch der Politik wollen wir nicht vergessen. Die Idee Herzls, eine Bank als politisches Instrument zu gründen, war an sich sehr richtig. Der Fehler lag nur darin, daß an Stelle der von ihm als Minimum gedachten 2 Millionen £ nur 250 000 £ zusammengekommen sind. Hätten wir tatsächlich 2 Millionen £ in der Bank liegen, so würden wir mit Leichtigkeit alle unsere wirtschaftlichen Wünsche im Orient befriedigen können, wir würden Handel und Industrie fördern, wir hätten Geld für große Ingenieurarbeiten und Konzessionsunternehmungen etc., und es bliebe immerhin noch genug übrig, um auch rein politisch arbeiten zu können. Die uns jetzt in der Bank zur Verfügung stehende Summe reicht hingegen kaum für den ersten Zweck — verfügt doch die neu gegründete Orientbank schon von Anfang an nur für reine Bankzwecke etwa über 8 Millionen Mk., also eine fast doppelt so große Summe wie wir. An große kapitalistische Unternehmungen, wie Transportgesellschaften, Bergwerke, Fabriken etc. können wir demnach kaum denken, geschweige denn an politische Arbeit. Wir müssen also auch einen politischen Fonds schaffen, der natürlich dauernd zur Verfügung des engern Aktionskomitees bleiben müßte, resp. einer politischen Kommission desselben unterstellt würde. In dem Agrarfonds, dem Kulturfonds und dem politischen Fonds haben wir drei Institutionen, die dem Geschmack der verschiedenen Richtungen des Zionismus entsprechen würden. Die nurpolitischen Zionisten würden den politischen Fonds begünstigen und dafür agitieren, wobei sie freilich nur auf die Kreise der Zionisten angewiesen sein würden,die Kulturzionisten würden den Kulturfonds in die Höhe bringen, wobei sie sich vielfach an philanthropische Vereinigungen aller Art würden anlehnen können, während die Zione-Zionisten agrarischer Schattierung den Agrarfonds besonders ins Auge fassen würden, wobei sie vielfach mit den Kolonisationsvereinen gemeinsam würden arbeiten können. 2