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Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
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all diese Leute hier da rauf aufmerksam zu machen, daß morgen Purim sei und Juug-Israel nicht auch ohne Purini diese Süßigkeiten schätzen würde. Für ein paar Pendares kauft ein jeder arme Mann, dem es nicht beschieden, zuhause backen zu können, etwas von diesen GeJe^enbeits-Zuckerwerken. Am meisten begehrt und beliebt scheint eine Imitation von Mandeln und Zucker zu sein, eine Art Talmi-Bischofsbrot, in welchem aber die Mandeln durch Semmelteig, der Zucker durch etwas bebraunten Honig ersetzt sind. Auch große Maultaschen, Hamanstaschen genannt, finden reißenden Absatz, und stolz und glückselig geht der arme Jude mit diesen Leckerbissen in der Tasche an den faden „Kutias" seiner griechischen Mitbürger vorüber. Ich sehe ihn am nächsten Tage, am Purimtage, in der Markthalle, am Hafen; er arbeitet auch heute schwer, seine Festesfreude ist karg bemessen, und tausendmal dankt er für den Lohn, den er für das Tragen einiger Orangenkörbe von uns erhält. Er hat auch einen kleinen Jungen mit, der offeriert Veilchen auf einer Tasse, und auch er bringt einige Pendares heiin, die ihm das gute Herz seiner auch nicht reichen Glaubensbrüder beschert. Das ganze Ghetto ein Blunienmarkt. Alle Läden geschlossen, nur die der Puriinzuckerbäcker nicht, und in allen Gassen und Gäßchen Knaben und Mädchen, Blumen und nur Blumen anbietend. Es werden auch schwarze Hampelmänner verkauft, welche vielleicht von irgendeinem deutschböhmischen, wahrscheinlich antisemitischen Spiel Warenfabrikanten als „gehängte Hainans" eingeführt werden, aber diese harmlose Rache verschwindet ganz neben der Liebe und Güte, welche hier durch Blumen herausgefordert wird. Und am Abend das Fest: Der große Saal der alten Talmud- Schule mit griechischen Fahnen geschmückt, die schwarzen Balken der Decke mit Blumengewinden verdeckt und eine ganze Selektion der schönsten Hebronrosen auf der improvisierten Bühne. Ein italienischer Einakter, von schönen Judenmädchen als Dilettanten aufgeführt. Dem konservativen Geiste der Juden entsprechend, hat die italienische Sprache, obgleich Venedigs Herrschaft schon seit hundert Jahren aufgehört, hier noch immer Vorrecht, und von den Lippen der an griechische Betonung gewöhnten Mädchen klingt selbst die italienische Deklamation wie Musik. . . Auf der Gasse noch immer Maskengetümmel, aber alles nüchtern und still. Der korflotische Jude nützt auch seinen Purim nicht so aus wie seine nordischen Brüder, denen es am Purim erlaubt ist, sich am Weine so gütlich zu tun, „daß sie den Segen Mardochais vom Fluche Hamans nicht unterscheiden können". In der Heimat des süßen griechischen Weines, in der Stadt, deren grüßte Befestigung nach ihren tapfern jüdischen Verteidigern aus der Türkenzeit „Fort Avram" genannt wird, bleibt der Jude an seinem lustigsten Tage nüchtern. Warum wohl die Juden hier zumeist arm sind? „Sie sind viel zu ehrlich/ erklärte unser Gewährsmann. „Für griechische Verhältnisse" — er sagte es nicht, aber diese Ergänzung lag ihm auf der Zunge. Und gewiß ist der letztere Umstand mit daran Schuld, daß die Purimfreudc hier gedämpft ist. Fängt doch gleich nach dem Freudentage die Zeit an, in der es hier Tradition ist, öffentliche Vorträge über Judas Iskarioth zu halten — die Maueranschläge konnte man schon lesen —, und es ist eine alte und noch immer nicht vergessene Tradition auf Korfu, die angeblichen Nachkommen dieses Iskarioth in der Osterwiehe mit Steinen, wenn auch nur kleinen, zu bewerfen. Wo Steine winken, da kann es keine aufrichtige Fröhlichkeit geben. Sie sind noch froh, daß es keinen speziellen Purim von Korfu, wie zum Beispiel einen „Purim von Ehodus" gibt. Auf dieser Insel nämlich griff die Konkurrenz der griechischen Selmammhändler den erfolgreicheren jüdischen Händlern gegenüber vor sechzig Jahren zu dem bewährten Mittel einer Kindesunterschlagung und obligater Blutbeschuldigung. Nur das Auffinden des Knaben auf der Insel Syra und ein Machtwort des Sultans, das gerade am Purim eintraf, beugte einer blutigen Verfolgung vor. Der Vollmond, dieser ständige Dekorateur des Purim, beleuchtete die Gäßchen der Judenstadt in Korfu, als wir sie verließen, und der Vollmond beleuchtete auch den großen jüdischen Friedhof, der sich daran anschließt. Gregorovius erklärt die Lage dieser Friedensstätte für die schönste, die er je gesehen. Vielleicht, daß dieser schöne Ort des Friedens die armen Menschen für das entschädigt, was ihnen an Purimfreude ein ganzes Leben hindurch entgeht. (Aus einem Feuilleton des „Pester Lloyd".] ff^oo^g^o NACHRICHTEN og=j|........3] Russische Flüchtlinge in Rumänien Aus Jassy schreibt man uns: Infolge der großen Panik, die in Kischinew durch das Gerücht von neuen Pogromen in der bevorstehenden Osterwoche hervorgerufen wurde, sind wiederholt Hunderte russischer Juden hier angelangt. Es befinden sich unter ihnen auch reiche Familien. Unter der Mehrheit aber herrscht ein fürchterliches Elend. Diesen Unglücklichen wird jetzt der Aufenthalt hier unmöglich gemacht. Sie werden in Massen in Arrest gesetzt, woraus sie nur mit Mühe durch das Hilfskomitee befreit werden, um dann mit Unterstützung der „ Alliance" nach Argentinien befördert zu werden. Täglich werden so Gruppen von 50—100 Leuten „verschickt". Die jüdische Bevölkerung hier hat viele Mittel hergegeben, die nunmehr aber erschöpft sind. Sollte sich die Zahl der Flüchtlinge noch vermehren, so wird die Panik unbeschreiblich sein. Polizei-Machinationen in Odessa Odessa, 18. März. In der letzten Nacht nahmen Gendarmen und Polizei eine genaue Durchsuchung des jüd ischen Krankenhauses vor unter dem Vorgeben, daß dort Waffen und Bomben aufbewahrt würden. Man hat nichts gefunden, aber die Maßregel hat zu neuen Hetzereien gegen die jüdische Bevölkerung Anlaß gegeben. Abänderung des englischen Fremdengesetzes London, 13. März. Die Regierung hat, wie Herbert Gladstone gestern im Unterhause mitteilte, Anordnungen getroffen, durch welche die Handhabung des Fremdengesetzes sehr gemildert werden soll. Nach der Ansicht des eigentlichen Urhebers des Gesetzes, Sir W. Evans Gordon, sind diese neuen Anordnungen derart, daß das Fremdengesetz selbst dadurch ganz außer Kraft kommt und eine unnütze Farce und Geldverschwendung wird. Er hat vielleicht nicht unrecht, denn die Wirksamkeit dieses Gesetzes war bisher schon zweifelhaft genug. Nach den neuen Anordnungen sollen nur solche Schiffe als Einwandererschiffe gelten, welche mindestens zwanzig (bisher zwölf) Zwischendeckspassagiere an Bord haben. Die Schiffskapitäne und die Einwanderer selbst brauchen also künftig nur dafür zu sorgen, daß nicht mehr als zwanzig Einwanderer an Bord sind, und sie werden von keiner Kommission behelligt. Außerdem werden seit gestern bei allen Sitzungen von Einwanderungskommissionen Vertreter der Presse zugelassen, es spielen sich also alle Verhandlungen öffentlich ab, und überdies hat Herbert Gladstone den Kommissionen in einem Zirkulare mitteilen lassen, daß das Parlament nie daran gedacht habe, bei Anwendung des Gesetzes Härte obwalten zu lassen. Ferner sind Zettel gedruckt worden, auf denen in verschiedenen Sprachen mitgeteilt ist, daß der Einwanderer das Recht hat, gegen die Entscheidungen der Kommission zu appellieren; ein solcher Zettel wird jedem zurückgewiesenen Einwanderer in die Hand gegeben. Besondere Rücksicht soll mit solchen geübt werden, die, wie das Zirkular schonend sagt, „aus unruhigen Gegenden des Kontinentes" kommen, d. h. aus Rußland. Ihnen soll, wenn sie, ohne es beweisen zu können, behaupten, die Opfer politischer oder religiöser Verfolgung zu sein, die Rechtswohltat des Zweifels zugute kommen, d. h. es soll ihnen dies auch ohne Beweis geglaubt werden und sie sollen als politische Flüchtlinge in England ihr Asyl finden. Hiernach kann also künftig kein Einwanderer aus Rußland mehr abgewiesen werden. Kranke sollen dann nicht abgewiesen werden, wenn die Rücksendung ihre Gesundheit gefährden könnte. Alle diese neuen Bestimmungen werden dahin wirken, daß die Schifffahrtsgesellschaften nun den nach England Auswandernden keine großen Schwierigkeiten mehr machen werden, denn die Gefahr der Zurückbeförderung ist jetzt verschwindend klein. Gleich nachdem Herbert Gladstone im Unterhause diese Mitteilungen gemacht hatte, verlangte Sir W. Evans Gordon sofortige Anberaumung einer besonderen Debatte darüber. Der Sprecher entschied aber, daß eine sofortige Debatte nicht nötig sei, da bei der Budgetberatung in den nächsten Tagen schon sich dazu Gelegenheit bieten werde.

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