Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316199--47940-3342847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 12 DIE 3^ELT 17 gestohlenes Qut verhehlen wollten vor den Augen des Jünglings, des Rätselumflüsterten. Aber er schaute in ihr Herz und drang in ihre Seele wie in die Breschen einer umlagerten Stadt und fand dort alle ihre verborgenen Wunden und zuckte mit den Zuckungen ihres Herzens und litt siebenfach unter ihren Qualen. Und manchmal traf sein Auge ein ruhiges und sicheres Herz, — und es durchlöcherte sein Auge dieses Herz und verwundete es tödlich, und die Ruhe entfloh aus ihm für alle Zeiten, und es kannte nicht mehr der einst sorglose Mann die nächtliche Ruhe. Und es kamen viele und beugten mit Schweigen ihr Haupt unter seinem Fluche und seinem Segen, und es sprudelte wie ein Meer von Gnade im Herzen des Jünglings, und seine Tröstungen flössen wie Morgentau auf wehe Herzen, und er blickte auf sie in Liebe mit seinen Augen — den Augen des Morgens. Denn auch die Strahlen der Sonne in ihrer ganzen Gewalt trug der Jüngling in seinem Herzen, und das Dunkel der Nacht und ihr Geheimnis, aber nur nach dem Morgen lechzten seine Augen, der Schein der Leuchte des Morgens war das Siegel seiner Seele und das Schimmern der Morgenröte das Lied eines Lebens. Und als es seinem Herzen bangte, als seine großen Träume und treuen Schmerzen ihn heimsuchten, und wie die Wogen des Meeres über ihn hereinströmten, da ging der Jüngling hinaus im Morgendämmern zur Stadt und lehnte sich an eine einsame Weide am Ufer des schlummernden Flusses, und er erhob seine Augen zur Hindin des Morgens und suchte ihr Bild im Wasser des Flusses und schloß die Augen, blickte auch in den Abgrund seiner Seele und stand lange, lange, und schwieg mit der ganzen Welt in seinem gewaltigen Schmerze, dem Schmerze des Einzigen. Und der junge Engel mit den traurigen Augen und reinen Fittichen dort oben auf dein Stern des Morgens neigte lautlos den Kelch des stummen Kummers, — und es floß von dort eine Träne nach der anderen hinab in die Stille des Morgens. € ooooooooooooooo M c NOTIZEN Die jUdische Auswanderung durch deutsche Häfen Die jüdische Auswandererbewegimg über deutsche Häfen während des letzten Jahres spiegelt sich in den nachstehenden Tabellen sehr anschaulich wieder. Harnbu rg.*) Reiseziel Monate : Gesamtzahl : Kanada u. Nord- Reiseziel Süd- Reiseziel Reisezie Amerika: Amerika : England : Afrika: Januar 26n8 1354 409 890 5 Februar 2247 1105 342 791 9 März 2863 1308 238 809 8 April Mai 799 354 138 285 22 2936 1672 95 1148 21 Juni 3161 1584 430 1126 21 Juli 4005 2440 198 1346 21 August September 3704 2277 242 1162 23 578 448 9 104 17 Oktober 756 466 7 280 3 November 2296 1448 97 729 22 Dezember 3428 2145 457 789 37 28 231 16 601 2662 9459 209 Monat: Gesamtzahl: 1 Januar Februar März April Mai [ Juni I Juli j August l September J Oktober j November | Dezember ) 5182 3481 5887 3643 18 193 Bremen: Reiseziel Reiseziel Nord- Süd- Reiseziel Amerika: Amerika : England: 658 99 ) 640 87 \ 2703 878 117 ) 383 79 | 715 33 } 1024 1140 107 I 1022 77 } 1185 20 2045 1429 109 j 394 31 ) 578 84 1424 935 197 1 9957 1040 7196 Man wird demnach für das abgelaufene Jahr den Durchzug jüdischer Auswanderer durch Deutschland auf rund 80000 veranschlagen müssen. Die Zahlen geben nur diejenigen jüdischen Auswanderer an, die durch die Auswanderelhallen gegangen sind (alle russischen). Die Zahl erhöht sich um etwa "(000, die in der Stadt, selbst logiert haben. OOOOOOOOOOOOOOO G- Puririn auf Korfu . . . Gerade wurde Purim, der jüdische Karneval, gefeiert. Unsere erste Wahrnehmung war: So karnevalsinäßig es auch zuging, so viele Masken sich in den engen Gäßchen herumtiimmelten, etwas gedämpft, ruhig, fast melancholisch war all diese Lustigkeit. Niemandem fiel es ein, mit der .Maskenfreiheit anderen unangenehm zu werden. Die Fasten der Griechen sind lärmender als der Fisching der Juden, — sagte unser freundlicher Führer, ein Italiener ans Triest, der, als Vertreter einer Reederei schon längere Zeit liier seßhaft, Land und Leute kennt. Er brauchte es nicht zu beweisen. Die Nikenor-Straße, die wir auf unserem Wege zur Judenstadt queren mußten, war voll fastender Griechen, die, aus deu zahllosen Kirchen und Kapellen vom Abendgottesdienste kommend, auf dem Heimwege in den offenen Garküchen ihr frugales Mal, in Wasser gekochte Saubohnen, hier Kutia genannt, nahmen. In langen schmalen Papierdüten wird ihnen für ein, zwei Pendares diese Fastenspeise serviert, und wie es scheint, sind es nur die Wohlhabenden, die sich noch etwas Schmierkäse und roten Fischrogen holen. All diese Fasten-Transaktionen sind so lärmend und laut, daß der Judenkarneval, damit verglichen, eine ruhige Unterhaltung schien. Mag sein, daß er früher auch bei ihnen lärmender war, aber die „grande miseria" hat, wie uns ein alter Jude erzählte, auch da genaust, und im Anschlüsse an das Blutmärchen der Nachbarinsel Zante hat vor zehn Jahren auch Korfu einen großen Teil seiner wohlhabenden Einwohner verloren. Fast 400u sind nach Italien und der Türkei ausgewandert, und es ist der ärmere Teil, der sich nicht von der Scholle trennen wollte noch konnte. Aber diese Armen vergessen einander nicht. Am Samstag vor dem Feste, als wir den großen Tempel der Gemeinde besuchten, wurde man schon daran gemahnt, daß es Pflicht sei, den Armeren zu einem fröhlichen oder doch minder traurigen Purim zu verhelfen. Ein Vorsteher der Gemeinde geht mit dem Vorbeter von Bank zu Bank, und überall melden sich einige, die ein paar Drachmen für die Armen spenden. Und sie waren alle erschienen, diese Armen. In ihren defekten Kleidern und mit ihren interessanten Köpfen haben sie am Vorabend des Festtages einen großen Teil des Tempels gefüllt und lauschten dem raschen Hera bleiern der wunderbaren Geschichte der Königin Esther nicht gar zu aufmerksam. Man sah es ihnen an, daß sie froh waren, den gewiß nicht seltenen, aber diesmal doch freiwilligen Fasttag beenden zu können. Sie haben schon ihren Anteil an den spendenden Drachmen erhalten und bleiben auf dem Heimwege vor der Bude stehen, in deren Türe auf einem großen Tische die sonderbarsten Leckerbissen aufgestapelt liegen. „Domani purim", „domani purim" schreit der lungenbegabte Verkäufer, als wenn es notwendig wäre,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.