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Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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16 DIe^qEe LT No. 12 > iir f ' i 'fr t W Und plötzlich hielt die weiße Wolke inne und legte sich in der Höhe der Welten auf die Zinne eines Felsens. Und es schaute der Jüngling in die Ferne, und er sah aus den Nebeln des Morgens einen großen und schwarzen Felsen ragen. Und der Felsen war steil und hoch und lagerte auf den Schultern der Riffe, Unter ihm zog der Fluß des Verderbens, und auf seinem Gipfel glomm eine winzige Flamme. . . . Und es roch der Jüngling von der Ferne das heilige Feuer, und es pochte sein Herz. . . Da ist das verborgene Licht Gottes, flimmernd aus den Nebeln der Wüste und winkend von der Spitze der Felsen. Es zittert das Feuer und bebt, und es winkt wie das Winken der Erlösung. . . . Wer hat dieses Licht angezündet an der Spitze des Felsens, und welcher Reine und Makellose wird es genießen? . . . Ist es dieses, das Gott ihm auf dieser Insel beschert hat? Und eine gewaltige göttliche Freude, Freude ohne Grenzen, strömte wie eine mächtige Flut in die Seele des Jünglings. Und es weitete sich und schwellte sein Herz, und er jauchzte im Beben des Hoffens und Glaubens. Seine Füße wurden leichter, breiter seine Schritte, und er ging schwebend entgegen dem Lichte des Herrn. In seinen Ohren klang der Feuerruf, und in seinem Herzen pochte der Gruß des Morgens. Und der Feuerfunke wurde immer größer vor seinen Augen. Da wrar sie ein Feuerzünglein, hüpfend in Liebe ihrer Schwester entgegen, der Leuchte des Morgens, und da wurde sie wie die Locke von der Flamme, wie das Feuer des Flammenlöwen, die er am Tage seiner Weihe gesehen. . . . Und es erkannte der Jüngling das heilige Feuer, und es erwachte der Adler im Nest seines Herzens und flog durch seinen Mund im Höhenrufe: „Gottes Feuer, Gottes Feuer!" — Und es vergaß der Jüngling die unterirdische Tiefe, sprang mit einem Satze zum Gipfel des Felsens, stürzte sich zur heiligen Flamme und hob sie zum Himmel empor. Herrlich stand er auf der Höhe in der Pracht seiner Jugend und seiner Locken. Empor hob er sein bekränztes Haupt, und in seiner Hand brannte die Fackel der Erlösung. Sein Haupt beschattete wie ein beflügelter Engel die helle Wolke, und die Hindin des Morgens grüßte seine Kraft. — Und auf den Lippen des Jünglings war schon bereit ein gewaltiges Jauchzen der Freude, — aber in demselben Augenblick erschien vor ihm wieder aus dem Abgrund des Verderbens die Gestalt der Jungfrau. . . . Da ist sie, sie, voll Reiz und Schönheit. In ihrem ganzen Glänze erschien sie, und auf ihrer Stirn das Diadem von Licht. Ihre Augen schauten zu ihm unverwandt. Und sie warf ein Netz in den Abgrund seiner Seele. Stille zog sie sich zu ihm in die Höhe., stille zog sie ihn zu sich in die Tiefe. Ihre Hände zu ihm ausgebreitet, offen, zu empfangen und zu gewähren. Ihr Blick — tödliche Liebe, und er mißt Augenblicke wie Ewigkeiten. Und der Jüngling drückte fest an seine Brust die heilige Fackel und schloß seine Augen mit Beben und rief: Himmel — Hölle — du . . . .! Und er stürzte von dem Gipfel des Felsens in die geöffneten Arme im Abgrund des Verderbens. . . . Und die Lichter Gottes erloschen in der Höhe, und die Haiden des Himmels wurden grau und trübe und bloß wie Gottes Gefilde nach der Ernte, und dort in der Ecke des Feldes lag hingeschleudert|wiV*ein nutzloses Gerät die Sichel des Mondes. ... . . ~ . Und die helle Wolke erbebte und zerrann, und die Hindin des Morgens erschauerte — und war nicht mehr. . . . Denn sie machte sich auf aus ihren Räumen zum Kommen des Morgens und betrat mit königlicher Kraft die Schwelle des Himmels. Gekrönt mit ihrer goldenen Mähne setzt sie einher, und es sprüht ihr Licht empor zu den unendlichen Bergen. . . . VIII. Und das Wasser warf den Jüngling hinaus in ein sehr fernes Land, in ein fremdes Land, das Land des Exils. Und er irrte in allen Ländern und kam unter die Söhne der Verbannung und ging an ihnen vorüber wie eine uralte Sage und wie ein Traum der Zukunft. Und er war allen fremd und ein Rätsel für alle. Und er sah zum Himmel — und er war ihm ein Fremdling, — und zur Erde blickte er — und sie war ihm entfremdet. Und er gewöhnte sein Auge, gerade vor sich hin zu schauen, in die unendlichen Räume der Welt, wie an jenem Morgendämmern das Bild der Jungfrau auf ihn geschaut hatte. Wann hat er jenen Morgen gesehen? Und der Jüngling irrte auf der Erde umher wie ein verirrter Stern in den Sphären der Welt. Nackt und mit bloßen Füßen, geraden Blickes ging er. Und nichts war sein als das große Feuer in den Tiefen seines Herzens und das Dunkel der Dämmerung in den Abgründen seiner Augen. Wann ist das Feuer in sein Herz gedrungen? Denn es wurde gereinigt das Herz des Jünglings in einem dreifachen Schmelztiegel, und in ihm brannte ein gewaltiges Feuer, eine dreifache Lohe. — Gottes Feuer und das Feuer des Satans, und in den beiden das gewaltigste, — das Feuer der Liebe. Und er trug dieses Feuer in alle vier Enden der Welt, zündete Herzen mit dem Hauch seiner Lippen, und in erlöschenden Augen hat er Lichter entzündet. Und zu seinen verbannten Brüdern ging er hinaus und sah sie in ihrem Elend und in ihrer Erniedrigung; die Schmerzen aller schmerzten ihn, ihren Schrei hat er mitgeschrieen, und aus dem Schreie vernahm man das Stöhnen des Himmels und der Hölle, Gottes Liebe und den Sturm seines Zornes, das Jammern einer Seele, die in den Qualen der nicht erfüllten Sehnsucht sich windet, und das Schluchzen der Welt in der Nacht der Zerstörung. Manchmal brachte er die Welt zum Verstummen in seinem lautlosen Schmerze, und sein Schweigen war sein Schrei. Und es gab keinen Schmerz wie seinen stummen Schmerz und kein Weh wie sein lautloses Weh. Und kein Mensch hielt stand vor seinem durchdringenden Blicke. Manchmal verbarg der Mensch seine Augen vor dem Blicke des Jünglings in der Höhe oder senkte sie in den Boden. Und der Jüngling schaute schweigend dem Manne nach, bis er vorbeiging, und hatte ein großes Erbarmen mit ihm. Auch den Männern des Grimms und des Hasses begegnete der Jüngling, und es erbebten die Männer des Grimms vor seinem Blicke und eilten hastig an ihm vorüber, und ihre Stirn umwölkte sich, und sie umdüsterten ihre Augen mit den Wimpern und blickten zur Erde, und legten ihre Hand auf die Brust, wie wenn sie

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