Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316199--47938-3342845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xo. 12 DIEl|gELT meinen weißen Blumen werde ich pflastern den Schritt deiner Füße, . . . Um deinen Thron werde ich schweben wie ein Feueradler und werde dich mit Flammen umwehen mit meinen Flügeln. Zu Höhen, die ich nicht ahnte, werde ich fliegen nach deinem Qeheiß, und bis zu den fernen Sonnen wird das Jauchzen meines Glückes gelangen. ... Und es öffneten sich die Augen des Jünglings, Licht und zehrende Flamme rangen darin. . . . Und es erhob der Jüngling seine Augen mit bangender Seele aufwärts zur Jungfrau, zitternd und glühend. . . . Und da er hinschaute, da erstarrte er. Die Jungfrau verschwand von der Spitze des Riffes und war nicht mehr, aber ihre Gestalt war noch eingemeißelt im Flusse wie ein Bild in dem Spiegel, und sie blickte zu ihm zugleich mit dem Sterne des Morgens aus der dunkelen Tiefe. . . . Und ein großes Feuer umfing das Herz des Jünglings und umlohte ihn. Bebend ballte er die Faust und schrie in der Angst seiner Seele und in gewaltigem Schmerze: „Feuer, Feuer, Feuer!" Und von der Spitze des Riffes vom anderen Ufer des Flusses hallte es schmetternd wider: „Feuer, Feuer!" Und es erzitterte der Fluß des Verderbens und wrurde ein zitterndes Feuer, und die ganze Insel wurde eine brüllende Flamme. . . . Und nach dem Getöse eine große Stille, die Stille des Morgens. . . . Und es sank das Haupt des Jünglings kraftlos auf die Brust, die Augen geheftet an die Tiefe des Flusses. Lautlos irrte er am Geheimnis der Hölle und maß seine Abgründe mit den Augen. Alles schwieg im Dunkel urn ihn, und alles schwieg im Dunkel seines Herzens. Eine schwarze Trauerdecke um sein Haupt gebreitet, und der Kummer seiner Gedanken abgründige Tiefen. . . . Aber in der Mitte des Himmels, oben, über dem Haupte des Jünglings, wachte noch über ihn in Liebe ein Auge, ein großes goldenes Auge, bescheinend, beschützend, — das Auge des Sternes des Morgens. . . . Und es stand der Stern des Morgens in der Höhe und flüsterte von der Ferne Gottes Segen auf das Haupt des Jünglings und streichelte ihn und winkte ihm zu, und er wußte es nicht. . . . Plötzlich ermannte sich der Jüngling und erhob seine Augen vom Abgrund des Untergangs und tauchte sie in den Abgrund des Himmels, und es war, als ob er sie beide wöge auf der Wage seiner Augen, - ob der Himmel, ob die Welt des Verderbens? . . . Und das Tauchen im Blauen reinigte seine Augen, ihr Glanz kehrte zu ihnen wieder, und sie wurden leuchtend und keusch, wie sie waren, und man wußte nicht, daß sie die Flamme geleckt hatte. . . . Und die Ruhe des Morgens kam in das Herz des Jünglings und war wie triefender Balsam auf der Brandwunde seiner Seele, und es legte sich sein Herz und beugte sich. Und als er seine Augen wieder richtete auf die Spitze des Riffes, — da sah er dort, in der Höhe der Welten, über dem Riffe ein schwebendes, hängendes, einsames Wölkchen. Und die Wolke war weiß und beflügelt, und wie eine Hand erschien sie unter dem Flügel, gestreckt gegen den Stern des Morgens. War es eines Fugels Gestalt, wrar es die der Jungfrau? . . . Und es zog sein Auge nach dem Sterne des Morgens, und seine Seele blieb an den Strahlen hangen. Da steht sie, die Hindin des Morgens, mit weißem Feuer und strahlender Klarheit, in ihrem Glänze und in Reinheit wie seit Ewigkeiten: ihr Licht erlischt nicht, ihr Glimmen ermattet nicht. Am Morgen, am Morgen, wenn die Männer der Wunder, die Einzigen, Großen und Weisen der Welt ausgehen, einsam zu wandern in den Nebeln der Haiden und mit ihren Schritten zu bahnen die ersten Pfade zu den Gipfeln der Berge, da geht auch sie aus, einzig und geheimnisvoll wie sie, und begegnet ihren Augen mit ihrem keuschen Lichte, und einen Gruß hat sie immer, und Eines winken immer ihre Wimpern: „Reinige dich, reinige dich, reinige dich!" Und sie versammelt die Seelen aller aus allen Orten in einen Lichtpunkt in den Punkt des Sternes des Morgens. . . . Und eine Sehnsucht, nicht zu ertragen, erfaßte den Jüngling, und eine Liebe zu Gott, stärker denn der Tod. überflutete sein Herz mit den Wogen ihrer Sehnsucht, und er trank mit seinen Augen den Azur des Himmels und wurde trunken. . . . Und es richtete sich auf der Jüngling in seiner ganzen Größe, erhob die Hand und rief: „Gott, auch das Feuer in meinem Herzen weihe ich dem Himmel!" Und ein großes Leuchten erstrahlte in den Augen des Jünglings nach dem heiligen Schwüre, denn er sah das Gestirn des Morgens, und es jauchzte ihm zu, und sein Licht freute sich und wahrsagte einen neuen göttlichen Segen. Und er glaubte an seinen Stern und traute ihm, denn er wußte, daß Gott ihn gerufen und im Feuer seines Herzens geantwortet, und daß ihm Gott auf dieser Insel etwas bescherte. - aber er wußte nicht, was dieses sei. Und er machte sich auf, erhob sich von seinem Platze und ging gerade am Ufer des Flusses entgegen dem Beschiedenen mit sicherem Herzen. In seinen Ohren klang der Feuerruf, in seinen Augen schimmerten die Strahlen des Morgens. Und das Bild der Jungfrau im Wasser und die weiße Wolke in der Höhe bewegten sich auch von ihrem Platze und gingen ihm voran. . . . Und es staunte nicht der Jüngling über das Wunder, denn ein größeres Wunder kam in sein Herz, und schweigend und lautlos schritt er entgegen der Hindin des Morgens. VII. Und als der Jüngling weiter schritt, da sah er das Ufer des Flusses, dem entlang er gewandelt, sich immer höher, immer steiler gestalten, bis es an Höhe dem Riffe glich, das gegenüberstand. Und beide Riffe näherten sich einander, hingen umdunkelnd über der Schlucht des Flusses, der zwischen ihnen eingeschlossen. Und sie waren wie zwei Felsen, die da lauern, ränkeschmiedend über dem Verderben, trachtend nach Listen, ihn in die Enge zu bringen und im Dunkeln zu erdrosseln..... Und es schaute der Jüngling mit Ruhe zum Rande des Abgrundes und fragte in seinem Herzen: „Kann ein Mensch in dieses Tal des Todes hinabsteigen und ihm entweichen?" Aber der Jüngling hielt nicht an im Gehen, denn er beeilte sich hinaufzuklimmen. . . . Und er stieg immer höher, und er schritt immer vorwärts an dem Aufstieg des Riffes, und die Wolke in der Höhe und das Bild in dem Wasser schritten ihm voran. . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.