Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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die poinischsprechenden jungen Juden ein vorzüglich geleitetes Blatt, das ein erzieherischer Faktor ersten Ranges ist. In Reformschulen ist man bemüht, den hebräischen Unterricht modern auszugestalten, und in vielen Sprachschulen, deren Zahl stetig im Wachsen begriffen ist, vermittelt man der Jugend die Kenntnis unserer Sprache. Ich möchte heute auf eine Arbeit der physischen Erziehung hinweisen, die einer tiefgefühlten Notwendigkeit entspricht, und die besonders für den Osten vom größten Werte ist, nämlich die Einführung moderner Volks-und Jugendspiele und Schulgärten. In denjenigen Lehranstalten, in denen, wie es im Westen zumeist der Fall ist, ein regelmäßiger Turnunterricht stattfindet, tritt die Notwendigkeit, die physische Ausbildung unserer Jugend wirksam und tatkräftig zu unterstützen, vielleicht nicht so greifbar hervor; im Osten jedoch, wo die Verhältnisse an den Volksschulen anders liegen und ein Turnunterricht größtenteils gar nicht vorgesehen ist, ist es eine absolute Notwendigkeit, lokale Institutionen zu schaffen, die sich dieser wichtigen Frage annehmen. Allerdings ist an den galizischen Volksschulen der Turnunterricht theoretisch eingeführt, aber die praktische Ausführung dieser neuerlichen Verordnung des Landesschulrates ist ebenso illusorisch wie der obligate Schulbesuch in Galizien überhaupt. Die Judenknaben besuchen diese Landschulen zum großen Teile überhaupt nicht und finden ihre Bildung meist in den Chedarim, deren sanitäre Zustände jeder Beschreibung spotten und die am treffendsten wohl dadurch charakterisiert werden, daß das Schulzimmer zugleich Küche, Wohn- und Schlafzimmer der Lehrerfamilie ist. Der Unterricht dauert oft bis zu zwölf Stunden, fast ohne Unterbrechung. So sind diese Chedarim Stätten, an denen mit Hochdruck die physische Degenerierung der Jugend vorbereitet wird. Auch in den Baron Hirsch-Schulen liegt das Turnen noch sehr im argen. Kein anderer Kreis unseres Volkes hat ein so tiefes Interesse an der körperlichen Ausbildung unserer Jugend wie die Zionisten und die nationalgesinnten Juden. Einerseits empört sich der Nationalstolz gegen die elenden Bilder kraftloser Armut, anderseits ist es das natürliche innige Mitgefühl, das uns wünschen läßt, den Körper des armen Judenknaben für den Lebenskampf zu stählen. Der vollkommenste Weg zur Erreichung dieses Zieles ist ein methodischer Turnunterricht. Da sich ein solcher in den meisten Fällen jedoch nicht ohne größere Kosten einführen läßt, auch seine Einführung häufig, besonders im Osten, auf Schwierigkeiten mangels geeigneter Lehrkräfte stoßen dürfte, möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Turn- und Bewegungsspiele hinlenken, die ein geeignetes Mittel sind, auch in beschränkten Verhältnissen Ersprießliches zu leisten. Die Spiele sind das Gegengewicht gegen die übermäßige geistige Belastung in Schule und Cheder. Sie sind ein Ausbildungsmittel, das seine Wohltaten gleichmäßig auf Körper und Geist verteilt. Sie erziehen die Jugend zu Ausdauer und Geduld, zu gespannter Aufmerksamkeit und Selbstbeherrschung, Geistesgegenwart und Entschlossenheit. Die spielenden Kinder werden an zielbewußte, freiwillige Unterordnung, an Selbstlosigkeit, Gemeinsinn und an Geselligkeit und Frohsinn gewöhnt. Besonders in der letzten Zeit sind diese Spiele sehr in Aufnahme gekommen und erfreuen sich großer Beachtung im Kreise von Fachleuten. Mein Vorschlag geht dahin: In allen Städten, in denen Studenten- Verbindungen, auch .Ferialverbindungen, Turnvereine, Toynbee- Hallen, bestehen, soll es Aufgabe dieser Institutionen, und wo sie fehlen, der anderen jüdischen Institutionen sein, für Einführung und Pflege der Jugendspiele Sorge zu tragen. Die Kosten sind nicht hoch, ein Platz, am besten eine Wiese, dürfte wohl in den meisten Fällen pachtfrei, eventuell gegen billiges Entgelt zu erhalten sein, und auch der Spielbedarf, Schleuder-, Fuß- und Gummibälle, Grenzpfähle etc. erfordern nur niedrige finanzielle Aufwendungen. In den Schriften des „Zentialausschusses für Volks- und Jugendspiele" (R. Voigtländers Verlag in Leipzig) finden sich geeignete Anweisungen für zweckmäßige Arbeit und Einführung solcher Spielkurse, so daß auch ein Laie, der der Turnbewegung bisher fremd gegenüberstand, sich mit Hilfe dieser Schriften einer derartigen Arbeit unterziehen kann. Wo es möglich ist, sollte die Einführung der Spiele im Einverständnis mit den Schulleitungen geschehen, und sind, wenn Möglich, Mitglieder des Lehrkörpers der in Betracht kommenden Schulen zu den Veranstaltungen heranzuziehen. Am leichtesten und zweckmäßigsten dürften sich die Spiele kurze Zeit vor Beginn der großen Ferien einrichten lassen, und es wäre wünschenswert, wenn die Schulleitung einige Nachmittagsstunden für Spielzwecke freigeben würde, da die Teilnehmer sich alsdann leichter an pünktliches Erscheinen gewöhnen. In den Büchern des obenerwähnten Verlages sind geeignete Spiele in großer Zahl erwähnt. Derselbe Verlag gibt auch eine Sammlung\on Spielregeln heraus, die in Deutschland als mustergültig betrachtet werden. Die vollkommenste Organisation, die der körperlichen Ausbildung der jüdischen Jugend dient, besitzt England in der „Jewish Lads Brigade". Sie ist auf vollkommen militärischer Grundlage organisiert. Über diese so nützliche Institution ist schon so viel geschrieben worden, daß ich mir ein näheres Eingehen auf ihren Ursprung und ihre Geschichte wohl ersparen kann. Alljährlich — das sei noch besonders hervorgehoben — finden Waffenübungen auf dem Lande statt. „Es ist eine nicht hoch genug einzuschätzende Wohltat, die armen jüdischen Kinder, die das ganze liebe Gottesjahr in den dumpfen Städten eingepfercht sind, freie Landluft einatmen zu lassen. Die Jungen gewinnen bei allen Teilen der Bevölkerung große Sympathie, und es lacht einem das Herz, wenn man die fröhlichen, gesundheitsstrotzenden Gesichter dieser Judenjungen vor sich sieht. Gewiß sind die militärischen Bedingungen in England anders geartet als auf dem europäischen Kontinent, aber in irgendeiner Form könnte auch bei uns diese jüdische Knabenbrigade ihren Segen stiften. In Amerika ist man diesem Beispiel bereits gefolgt. 2. Eine andere, für die Zukunft unseres Volkes wichtige Frage, die vielleicht von noch einschneidenderer Bedeutung für uns Juden ist, ist die Rückkehr zur Bodenkultur. Auch da muß der erste Grund in der Jugend gelegt werden, denn nur der Mann, dem in seinen jungen Jahren Liebe zum Boden und Freude an der körperlichen Arbeit eingeflößt wurde, wird bei der Wahl eines Berufes den des Landwirtes oder Gärtners in Betracht ziehen. Als geeignetster Weg. in den Kindern, Knaben und Mädchen, die Freude an der Natur zu wecken, ihnen Interesse für die Bearbeitung des Bodens einzuflößen, hat sich der Schulgarten erwiesen, der in allen Ländern eifrig gepflegt wird <Niederösterreich z. B. allein hat deren über 15 000). „Der Wunsch, die Errichtung von Schulgärten bei allen jüdischen Knaben- und Mädchenschulen sowie Waisenanstalten herbeizuführen, gründet sich auf eine Reihe von allgemeinen Erwägungen, gleichzeitig auf eine solche besonderer Natur, die auf die soziale Befreiung unserer Stammesgenossen abzielen. Die Bewegung für Schulgärten hat bereits eine reichhaltige Literatur gezeitigt, so daß unter Hinweis auf Prof. Dr. Erasmus Schwab, Wilsdorf, Zschockelt, Augschun, Heinrich, Langauer, Beyer, Peter Schmidt, Frl. Dr. Castner usw. hier nur einiges aus dem Gedankengange zusammengefaßt zu werden braucht, dem sie ihr Entstehen verdankt. Nicht bloß soll der Schulgarten zur Hebung der vaterländischen Obst-, Gemüse- und Blumenkultur dienen, er ist auch von wesentlichem Werte für die gesamte Erziehung. Groß und nachhaltig ist der Einfluß der Arbeit im Schulgarten, die, richtig geleitet, mit Lust und Verständnis betrieben, die Mutter des sittlichen Ernstes im Denken und Handeln ist. Denn sie lehrt Aufmerksamkeit Einsicht, Unverdrossenheit, Ausdauer, Ordnung, Pünktlichkeit. Sie erzieht zum Pflichtgefühl, zur Lust am Schaffen, zu Mut und Selbstüberwindung, gleichzeitig aber auch zur Anerkennung fremder Tätigkeit und Tüchtigkeit. Sie verschafft Einsicht in die eignen Fähigkeiten und Kräfte, also die richtige Schätzung der eignen Persönlichkeit. Die Beschäftigung im Garten, unter Leitung eines erfahrenen Lehrers bildet das richtige Gegengewicht gegen geistige Anstrengung. Man hört oft Klagen über Nervosität, Blutarmut, Kopfschmerzen und andere Krankheiten, die im Kindesalter noch gar nicht zu finden sein sollten. Der Turnunterricht gewährt keine genügende körperliche Ausarbeitung bei der Kürze der Zeit die darauf verwendet werden kann. Im Schulgarten aber wird gehackt, gegraben, gejätet, gepflanzt und gegossen; der Körper selbst wird durch die Bewegung und den Aufenthalt im Freien gestählt und abgehärtet. Das Kind lernt Beete und Wege rein halten, Bäume und Pflanzen werden wie lebende Geschöpfe gepflegt. Das bildet neben den Gefühlen auch den Willen, indem das Kind im Schweiße seines Angesichts arbeitet, um eine reiche Ernte zu erzielen. Im Schulgarten lernt das Kind das Wesen mancher Tiere kennen, teils als Feinde seiner Kulturen, teils als treue Gehilfen bei seinem Werke. Im Winter bietet sich Gelegenheit, durch Anlage von Futterplätzen die nützlichen Vögel in der Not zu erhalten; im Frühjahr werden sie durch Anbringen von Nistkästen im Garten gehegt. Zu den nützlichen Tieren gehören auch die Bienen, ohne welche eine reichliche Befruchtung der Obstbaumblüten nicht zu denken ist. So gelangt man dazu, im Schulgarten auch dem Bienenstande ein Plätzchen zu gönnen. Endlich lehnt sich die Lehre im Schulgarten