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Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Xo. 12 DIE^ELT 11 (»in Jude sind und kein Deutscher!) Nun, Sie und ihre Gesinnungsgenossen mögen ja mich und meine Volksgenossen nicht als Deutsche! Und wenn beispielsweise Herr Dr. Ofner tausendmal sagt, er ist ein Deutscher, anerkennen Sie ihn als Deutschen? (Abgeordneter Dr. Lemisch: Nein!) Also das sagen Sie selbst, Sie geben also meine Behauptungen zu! Warum soll ich mich und warum sollen sich meine übrigen Volksgenossen zu Ihnen stopfen? (Heiterkeit.) Wir ziehen die Konsequenzen! lTnd trotzdem bleiben wir Freunde des deutschen Volkes, weil wir Anhänger der gigantischen deutschen Kultur sind. Wir wollen als Volk treue Freunde des deutschen Volkes und der anderen Völker sein, wenn und insoweit sie auch unsere Gleiclibevechtignng und Gleichwertigkeit anerkennen. Ich glaube nicht", ein Optimist zu sein, aber ich darf, weil es notorische Tatsache ist, doch auf die Stärke, auf die Intensität der jüdischnationalen Bewegung hinweisen, welche sich in der letzten Zeit kundgegeben hat, obschon diese Bewegung mit dem Übelwollen, ja der Feindschaft und der Verfolgung der galizischen politischen und autonomen Behörden wie auch des Polenklubs zu kämpfen hat. Den eklatantesten Beweis liefert Ihnen der Umstand, daß am 7. Jänner d. J. in der Bukowina und in Galizien mehr als 400 imposante jüdische Wahlrechtsversammlungen stattgefunden haben, von Tausenden und Abertausenden besucht, und diese haben die Wünsche und Forderungen der jüdischen Bevölkerung in an die Minister gerichteten Resolutionen, Petitionen, Memoranden, Telegrammen u. dgl. zum Ausdrucke gebracht. Auch der Judenschaft muß das gleiche Hecht zuteil werden. Die Bewegung der Judenschaft ist eine loyale und streng österreichische, die Judenschaft prunkt nicht mit ihrem Osterreichertum, weil es Byzantinismus wäre, wenn mau mit etwas Selbstverständlichem paradieren würde. Die Staatstreue der •luden ist geradezu sprichwörtlich. Ks ist auch jeder Staatsbürger kraft seines Eides, kraft seiner Staatsangehörigkeit zur Treue und RechtschafFenheit dem Landesherrn und dem Staate, in welchem er seine Existenz hat, verpflichtet. Wir Juden wissen auch, daß wir dem gegenwärtig regierenden Kaiser unvergänglichen Dank schulden. In unseren jüdisch-nationalen Reihen stehen die große Mehrheit der jüdischen Intelligenz, der jüdischen akademischen Jugend, der Geschäfts- und Gewerbsleute und ein großer Teil der Arbeiter. Die Juden wollen fürderhin durch selbständige jüdische Abgeordnete vertreten sein, damit diese die ihnen anvertrauten Interessen ihrer Volks- und (Glaubensgenossen frei und unabhängig vertreten können und dadurch die Kraft gewinnen, für dieselben einzustellen. Die Juden wollen durch Männer vertreten w erden, die sich offen und mannhaft als Juden bekennen und für ihre bedrängten Konnationalen mit männlichem Freimute vor aller AVeit eintreten. Bei dem Mißbrauche der parlamentarischen Tribüne, bei den oft unwürdigen Exzessen, wie sie leider in Österreich Unsitte geworden sind, will die Judenschaft von Abgeordneten vertreten sein, die mit Mut und Unerschrockenheit auftreten können. Das können aber jüdische Abgeordnete nur dann tun. wenn sie von jüdischen Wählermassen entsendet sind und völlige Unabhängigkeit besitzen. Gestatten Sie, dal.) ich Ihnen zum Schlüsse noch sage: Wir Juden wollen nichts anderes, als was alle übrigen Völker Österreichs zu fordern berechtigt sind: Anerkennung unseres Volksstammes und eine parlamentarische Repräsentanz, die unserer Zahl entspricht. Österreich soll ein Hort sein für alle Völker, welche das Zepter der Habsburger eint, und in ausgleichender Gerechtigkeit alle Völker mit gleicher Liebe umschließen! Und darum bitte ich auch für mein Volk um diese ausgleichende Gerechtigkeit!" BRIEF AUS JERUSALEM Ein neues Element ist in das Jerusalemer Alltagsleben gekommen, seit die Herren Prof. Schatz und Lilien hier anlangten und ankündigten, daß das Institut „Bezalel" in kurzer Zeit eröffnet werden wird, in welchem talentierte Arbeiter im Zeichnen und Kunsthandwerk und weite Kreise der Bevölkerung in allerlei Arten von Handwerkarbeit unterrichtet werden sollen. Man hofft, daß durch diese Bestrebungen die hiesige gewerbliche Arbeit neubelebt und der ökonomische Zustand vieler Familien verbessert werden wird. Mancher palästinensische Jüngling, der nie davon geträumt hat, daß er sein Talent zum Malen entwickeln und praktisch werde verwerten können, da seine Mittel nicht hinreichten, um ihm eine Etiropareise zu ermöglichen, wird im „Bezalel" ohne oder mit geringen Schwierigkeiten sein Ziel erreichen und es hoffentlich dadurch zu einer gesicherten Existenz bringen. Man hat für Unterbringung des Instituts ein schönes, zweckmäßig eingerichtetes Haus gemietet, und es sind auch bereits alle auswärtigen Schüler hier angekommen. Mozza! Diese kleine Kolonie, die eine Stunde von der Stadt entfernt liegt, befindet sich jetzt, nach der Aussage der Kolonisten, in aufblühendem Zustande. Aber was für Hindernisse haben diese wackern Männer zu beseitigen gehabt, an was für Mängel haben sie sich gewöhnen müssen, bis sie die Kolonie wenigstens zu dem Grade der Entwicklung gebracht haben, bei dem sie gegenwärtig angelangt ist! Bis jetzt besaßen die Mozzaner Kolonisten keine menschenwürdigen Wohnungen, sondern mußten sich mit Räumen begnügen, die eher mit Kellern und Höhlen verglichen werden konnten. Noch vor kurzer Zeit traf ich dort einen Kolonisten, einen jüdischen vRobinson", der in einer wirklichen Höhle wohnte. Als ich ihn fragte, wie er in einer Höhle wohnen und sich an ein solch entsagnngvolles, schweres Dasein gewöhnen könne, antwortete er mir voller Begeisterung: „Ja, in Palästina muß man lernen, sich an alles zu gewöhnen; denn nur große Opfer bringen endlich ans Ziel!" Diese prophetisch aufmunternden und begeisternden Worte haben schon erfreulicherweise wenigstens teilweise ihre Erfüllung gefunden. Die Mozzaner Kolonisten bauen sich gegenwärtig recht schöne Häuser, wozu ihnen die Ica verholten hat. da sie ihnen 20000 Frcs. ohne Zinsen für den Häuserbau geliehen hat. Schon jetzt sieht man manches Haus auf den Rebhügeln Mozzas gebaut und freundlich in das fruchtbare, immergrüne, mit dunkeln Oliven bestandene Tal herabgrüßen. Herr S. Brose\ der erste Kolonist Mozzas, ist bemüht, die Produkte dieser kleinen Kolonie auf den Markt zu bringen, und hat zu diesem Zwecke ein Weingeschäft mit dem Firma-Namen „Morijah" hier in Jerusalem eröffnet, wo der Wein Mozzas und Gederas (Katrai verkauft wird. Der Wein Mozzas schmeckt sehr gut und ist bei der hiesigen Bevölkerung sehr beliebt. So oft ich Herrn Brose sehe, der als erster Kolonist sehr viel gelitten und bei einem Brande in Mozza schier ums Leben gekommen wäre, muß ich mich unwillkürlich immer der Worte jenes Mozzaner Höhlenbewohners erinnern: „Denn nur große Opfer bringen endlich an das Ziel!" Das sephardische, oder, wie ich es nennen möchte, das hebräische Waisenhaus hat es endlich dahingebracht, ein eigenes Haus auf eigenem Boden bauen zu können. Diese Anstalt ist vor zwei Jahren von sephardischen jungen Leuten mit wenigen Mitteln gegründet worden, und seitdem macht sie in allen Hinsichten große Fortschritte. Es ist fast das einzige unter den hiesigen Wohltätigkeitsinstituten, das man als ein hebräisches bezeichnen kann. In diesem Hause wird nur hebräisch gesprochen und dank dem tüchtigen Lehrer, Herrn A. Elmalech, machen die Zöglinge ganz bemerkenswerte Fortschritte in der hebräischen Sprache, aber auch in den anderen Disziplinen, wie Geographie, Rechnen u. a., die von dem obengenannten Herrn gelehrt werden. Dieses ebenso notwendige

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