Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DIEÄELT No. 12 \k- *: '/ r i"r!!- ir r; Gesamtbevölkerung, die bisher 5 Mandate besessen haben, sollen in Hinkunft nach der Regierungsvorlage 4 Mandate erhalten; die Juden aber mit 1 225 000, das ist von 4,69 Prozent der Gesamtbevölkerung, sollten doch mindestens so viel Mandate erhalten als die Slowenen oder Italiener. Die Juden können nach der Regierungsvorlage bestenfalls etwa 6 bis 7 Mandate erhalten. Ich sage bestenfalls, weil auch in den wenigen sogenannten jüdischen Wahlbezirken die Juden keine höhere absolute Mehrheit haben und weil überdies noch gerechnet werden muß mit gewissen Wahlpraktiken, die uns auch diese geringe Vertretung wegschnappen können. Schon heute appelliere ich an die hohe Regierung, darauf Bedacht zu nehmen, daß die Freiheit der Wahlen gewahrt wird (Zustimmung), damit gewisse herrschende Parteien ihre willfährigen Organe — auch Amtsorgane — nicht dazu gebrauchen, richtiger mißbrauchen, um dem Volke das schwer errungene Wahlrecht wegzueskamotieren oder durch gewisse Feindseligkeiten, Schädigungen und Bosheiten dem Volke die Ausübung seines Rechtes zu verkümmern und zu vergällen. Nach dem Inhalt der „Statistischen Beilagen" und des „Anhanges" zur Regierungsvorlage über die Wahlreform erhalten die Deutschen bei einer Gesamtbevölkerung von 9171614 205 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 44 700 Einwohner. Ich bemerke gleich hier, daß mir jede Animosität gegen irgendein Volk ferneliegt. Ich gönne dem deutschen Volke jede noch so ausgiebige Vertretung, ich wünsche, daß es zufriedengestellt werde, denn nur zufriedene Völker können Glück verbreiten und auch auf ihre Umgebung glücklich einwirken. Dasselbe gilt von den Tschechen. Die Tschechen erhalten bei einer Gesamtbevölkerung von 5 955 397 99 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 60155 Einwohner; die Polen bei einer Gesamtbevölkerung von 4 252 483 64 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 66 445 Einwohner; die Ruthenen bei einer Gesamtbevölkerung von 3 381 570 31 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 109 083 Einwohner. Diesem bei uns immer stiefmütterlich zurückgesetzten Volke gönne ich diese, wenn auch nur geringe Vermehrung der Mandate, die es bekommt, obwohl es als ein Volk von nahezu 312 Millionen Seelen noch lange nicht gerecht behandelt worden ist! (Abgeordneter Pihuliak: 65 000 Soldaten kann es liefern!) Dafür habt Ihr Wahlbezirke in Galizien mit 180 000 bis 280 000 Einwohnern, während im Westen solche mit 14 000, 18 000 und 23 000 Einwohnern gebildet werden. Die Slowenen erhalten bei einer Gesamtbevölkerung von 1 192 780 23 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 51860 Einwohner; die Italiener bei einer Gesamtbevölkerung von 727 102 16 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 45 444 Einwohner; die Serbokroaten bei einer Gesamtbevölkerung von 711 380 13 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 54 720 Einwohner; die Rumänen bei einer Gesamtbevölkerung von 230 963 4 Mandate; es entfällt daher ein Mandat auf 57 740 Einwohner; die Juden aber bei einer Gesamtbevölkerung von 1 225 000 sollen bloß 6 bis 7 Mandate erhalten, so daß ein Mandat erst auf 204 000 oder allenfalls auf 175 000 Einwohner entfallen wird! Ungerechter ist wohl selten oder niemals ein Volk behandelt, eine Wahlreforin geschaffen worden! Sie schafft kein gleiches Wahlrecht, sie ist nicht auf dem Prinzipe der Gleichheit aufgebaut! Gestatten Sie mir, daß ich mir Ihre besondere Aufmerksamkeit für folgende Ausführungen erbitte: Bei der Zuweisung der Mandate an die einzelnen Völkerschaften sind die 1 224 711 Juden nicht ausgeschieden worden. Sie sind mitgezählt nach ihrer Umgangssprache zu den einzelnen Völkern und Nationalitäten, denn entscheidend für das nationale Kriterium ist ja bei uns bekanntlich die Umgangsprache. Nun bekennen sich von den Juden 660 000 zur polnischen, etwa 450 000 zur deutschen (Abgeordneter Breznovsky: Das sind die böhmischen Juden!) die zählen nur 94 000, können also nicht 450 000 sein (Heiterkeit), zirka 50 000 bekennen sich zur ruthenischen, ebenso viele zur tschechischen und etwa 5000 zur italienischen Umgangssprache. Es kommen sonach von den 4 252 483 Polen 660 000 Juden in Abzug, so daß etwa nur 3 650 (00 Polen verbleiben; ebenso kommen von den 9 171614 Deutschen etwa 450 000 Juden in Abzug, so daß nur etwa 8 720 000 Deutsche verbleiben usw. Oder aber, das deutsche wie das polnische Volk entsenden nach Verhältnis der auf die Juden entfallenden Bevölkerungszahl auch die bezügliche Zahl von jüdischen Abgeordneten, sonach die Polen und die Deutschen je zehn jüdische Abgeordnete, da auf Grund der offiziellen Volkszählung und des „Anhanges" zur Wahlreformvorlage bei den Deutschen mit einer Gesamtbevölkerung von 9 171 614 und einer Zuweisung von 205 Mandaten ein Mandat auf 44 700 Einwohner, bei den Polen mit einer Gesamtbevölkcrung von 4 252 483 und Zuweisung von 64 Mandaten ein Mandat auf 66 445 Einwohner entfällt! Das wäre Gerechtigkeit. Es geht aber nicht an, meine Herron, bei der Zählung der Bevölkerung zum Zwecke der Erlangung politischer Mandate den jüdischen Volksstamm einem anderen zuzuzählen, — bei der Zuweisung der Mandate selbst aber diese Bevölkerungvöllig zu ignorieren, ihr die gebührenden Mandate zu versagen, — und nicht nur das, sondern sie auch jederzeit zu beschimpfen, mit Spott und Hohn zu behandeln, zu verfolgen, einen politischen und wirtschaftlichen Vernichtungskrieg gegen sie zu führen, und weshalb? Weil sie ihre Reihen füllen, ihre Reihen stärken und ihnen zu Mandaten verhelfen. Meine Herren! Meine Ausführungen haben keine Spitze gegen irgendein Volk, ich habe wahre Tatsachen ungeschminkt geschildert und auf Grund offizieller Ziffern diese Ausführungen vorgebracht; im Gegenteile, ich wünsche, daß alle Völkerschaften und Nationalitäten, deren ich Erwähnung getan habe, diese meine Ausführungen beherzigen und wohlwollend berücksichtigen mögen. Denn für uns Juden erhebt sich keine Stimme. Im ganzen österreichischen Parlamente, wo die Redner aller Parteien von Recht und Gerechtigkeit überfließen, in den Forderungen für ihr Volk Moral und Religion, göttliches und menschliches Recht anrufen, bei den Juden verstummen alle Zungen, kein Fürsprecher, — da hört göttliches und menschliches Recht, Gerechtigkeit und Billigkeit auf. Eine gerechte Wahlvorlage soll, wie Seine Exzellenz der Herr Ministerpräsident betonte, eine Photographie aller der nation alen und sozialen Strömungen eines Landes sein; das ist nun diese Vorlage, insoweit es sich um die Juden handelt, nicht. Und sie ist es nicht, weil erwiesenermaßen die Juden nach der Reformvorlage ganz übergangen sind und bestenfalls in dem neu zu schaffenden Parlamente nur in ganz ungenügender Zahl vertreten sein können. Die Juden haben sich der Deutschen wegen mit vielen anderen Völkern verfeindet und waren, ja sind zum Teile noch heute treue Parteigänger der Deutschen, aber die Deutschen mögen die Juden fürderhin nicht mit Fußtritten traktieren! Behandeln Sie die Juden nicht so wegwerfend, beschimpfen und verhöhnen Sie nicht di«' Juden! Warum führen denn die Deutschen einen wirtschaftlichen und politischen Kampf gegen die Juden? Auch ich habe kein«' andere Bildung als die deutsche, ich spreche keine ander«- Sprache als die deutsche. Warum bin ich minderwertig? (Abgeordneter Dr. Lemisch: Nein!) Sie stoßen uns aber aus Ihrer Mitte! (Abgeordneter Dr. Lemisch: Sie sagen ja selbst, daß Si<'