Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 12 DIE^i ELT AUS DER REDE DES ABGEORDNETEN DR. STRAUCHER in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. März 1906 „Die Regierung war und ist vielleicht zum Teile noch heute über das Judentum und über die in Betracht kommenden realen Verhältnisse nicht ausreichend und nicht richtig informiert. Die nationale Strömung im jüdischen Volke Österreichs, die Macht und Intensität, mit der sich diese Bewegung in der letzten Zeit geäußert hat, scheinen bei der Regierung nicht'jene Beachtung gefunden zu haben, zu der eine objektive Prüfung der Tatsachen herausfordert. Die Regierung hat ihre Information nur aus einer dünnen Schicht im Westen und einer noch dünneren Schicht im Osten geholt; diese Juden kennen aber nicht oder wollen nicht kennen die großen Massen der Juden in Galizien und in der Bukowina und die nationale Strömung unter ihnen. Diese oberen oder privilegierten Juden, welche oft mit dem Judentüme nicht mehr verwachsen sind oder in einer nur sehr losen Beziehung zu ihrem Volke stehen, ja häufig nur noch dem Namen nach Juden sind, die aber über Macht, Einfluß und Beziehungen verfügen, haben es verstanden, in der Öffentlichkeit Wünsche der Mehrheit des jüdischen Volkes zurückzudrängen oder zu verschleiern. Diese oberen Schichten der Juden, die in das Leben des jüdischen Volkes nicht eindringen, haben eine allzu natürliche Scheu vor einer Volksbewegung, weil sie mit dein Volke nichts gemeinsam haben; sie können daher auch nicht seine Vertrauensmänner sein und sind auch nicht berufen, die Wünsche des jüdischen Volkes zu vertreten. Was bezweckt die Regierung mit ihrer Wahlreformvorlage? Offenbar die Vertretung des ganzen Volkes, — also die Repräsentanz des Mittelstandes und der breitesten Volksschichten! Was nun die Juden betrifft, hat die Vorlage diesen Zweck insofern nicht erreicht, als die Regierung — veranlaßt durch ungenügende und völlig unrichtige Informationen — die Rechte der breitesten Massen der Juden ganz unzulänglich gewahrt hat. (Zwischenrufe seitens des Abgeordneten Breiter: Dr. Byk! Dr. Kolischer!) Verzeihen Sie, Herr Kollega, ich will in diesem Hause keinen Streit mit meinen Volksgenossen heraufbeschwören. Den Streit werden wir anderswo ausfechten. Die Juden glauben um so mehr ein Recht auf eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung zu haben, weil ja der Ministerpräsident bei Ankündigung der Wahlreform erklärt hat, die nationalen Minoritäten zu schützen und das Parlament zu einein getreuen Abbild unseres Vaterlandes zu machen. Gerade die Judenschaft benötigt ganz besonders diesen Schutz, und zwar zur Sicherung ihrer so oft gefährdeten politischen Rechte und wirtschaftlichen Interessen; gestützt auf die Bestimmung des so oft malträtierten Artikels XIX des Staatsgrundgesetzes, bitte ich auch für die Juden um die Durchführung der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung durch gleiche und gerechte Berücksichtigung bei der Schaffung der Wahlreform. Selbst wenn man aber den Juden nicht als Volk die ihnen gebührende Vertretung im Parlamente gewähren wollte, ihre Zahl allein und auch ihre religiösen Bedürfnisse würden es rechtfertigen, daß ihnen eine dieser Zahl entsprechende Vertretung im Parlamente zuteil wird. Nach der Volkszählung im Jahre 1900 beträgt die jüdische Bevölkerung bei einer Gesamtbevclkerung von 26 100 70S nicht weniger als 1224 899, also 4,69 Prozent. Die jüdische Bevölkerung befaßt sich zu beinahe drei Vierteln mit Handel, Gewerbe und Industrie, zu fast einem Viertel mit Land- und Forstwirtschaft und gehört zu einem ansehnlichen Teile zu den sogenannten freien Berufen. Die jüdische Bevölkerung repräsentiert aber beiläufig ein Fünftel aller Handeltreibenden, fast ein Zwanzigstel aller in der Industrie und im Gewerbe Beschäftigten und etwa ein Fünfzehntel der in freien Berufen und in öffentlichen Diensten Stehenden. In Galizien zählt die Judenschaft unter 7 315 939 Einwohnern nicht weniger als 811371, das ist 11,09 Prozent der Gesamtbevölkerung Galiziens und fast 75 Prozent aller in Handel, Gewerbe und Industrie und überhaupt in Verkehr stehenden Berufszugehörigen. In der Bukowina zählt die Judenschaft unter einer Gesamtbevölkerimg von 7.i0195 mehr als 96 000 Juden, das ist 13,16 Prozent. Von den 96 000 Juden gehören mehr als 80 Prozent dem Handel, der Industrie, dem Gewerbe und der Landwirtschaft an. Auch die Beteiligung der galizischen und Bukowinaer Judenschaft an den freien Berufen ist eine recht erkleckliche. Und auch die anderen Juden im Reiche, so die 157 278 Juden in Nieclerösterreich bei einer Gesamtbevölkerung von 3 100 793, die 92 745 Juden in Böhmen bei einer Gesamtbevölkerung von 6 318 697 (Zwischenruf seitens des Abgeordneten Breznovsky), ich bitte mich ausreden zu lassen, die 44 255 Juden in Mähren bei einer Gesamtbevölkerung von 2 437 706, die 12 000 Juden in Schlesien bei einer Gesamtbevölkerung von 680 000 sowie die in den übrigen westösterreichischen Provinzen verteilten beiläufig 15 000 Juden beschäftigen sich zum größten Teile mit Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft und zählen so zu wichtigen Faktoren der Monarchie auf diesen Gebieten. Alle diese Juden in Westösterreich, einschließlich Böhmen, Mähren und Schlesien, besitzen aber derzeit keine Vertretung im Abgeordnetenhause, da notorisch aus diesen Ländern kein Jude ins Abgeordnetenhaus entsendet worden ist, indem es keinem der diese Länder bewohnenden Völker eingefallen ist, mit ihren Stimmen den Juden selbst zu einer bescheidensten Vertretung zu verhelfen. So ist es Tatsache und erwiesen, daß freiwillig kein Volk den Juden eine Vertretung gewährt; den Juden soll daher die gebührende Vertretung gesetzlich sichergestellt werden. Ob nun die Kopfzahl oder die wirtschaftliche Potenz oder die Bedeutung eines Volksstammes nach seiner Zugehörigkeit zu den produzierenden Berufen entscheidend ist, von jedem Gesichtspunkte aus ist es eine Forderung unabweisbarer Gerechtigkeit, ja Staatsnotwendigkeit, daß den Juden — mit denen ja kein anderes Volk Gemeinschaft haben will — die ihnen erwiesenermaßen gebührende Vertretung im Abgeordnetenhause gesetzlich sichergestellt wird. Neidlos, meine Herren, gönnt die Judenschaft allen Völkern dieses Reiches die allerausgiebigste Vertretung und Mandatsanzahl. Und wenn ich einen Vergleich ziehe, so geschieht dies nicht aus Übelwollen, sondern nur, um die krasse Ungerechtigkeit und unverdiente Zurücksetzung nachzuweisen, welche der Judenschaft auch diesmal zugefügt wird. Nach der Begierungsvorlage erhalten die Slowenen bei einer Bevölkerungszahl von bloß 1 192 7b0, das ist etwa 4,65 Prozent der Gesamtbevölkeruig, 23 Mandate, während sie bisher 15 besaßen; die Serbokroaten mit einer Bevölkerung von nur 711 öv0, das ist 2,77 Prozent der Gesamtbevölkerung, welche gegenwärtig 12 Mandate haben, sollen künftighin nach der Regierungsvorlage 13 Mandate erhalten; die Italiener mit einer Bevölkerungszahl von lediglich 727 10 , das ist von 2,^3 Prozent der Gesamtbevölkerung, welche bisher 19 Mandate innehatten, sollen nach der Regierungsvorlage in Hinkunft l<i Abgeordnete entsenden. Ja, selbst die Rumänen mit einer Bevölkerungszahl von etwa 230 9t>3, das ist von 0,90 Prozent der