Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316199--47930-3342837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

So. 12 D!E3^ELT und entstellt wiedergeben. Und auch diese Verräter am eigenen Volke rekrutieren sich leider aus der Mitte des russischen Judentums. Und nun, Herr Perlmann hat Schule gemacht. Die deutsche antisemitische Presse hat einen .Jubelschrei ausgestoßen. Ein Jude, ein östlicher Jude, bestätigt alle Verleumdungen der antisemitischen Hetzpresse gegen die armen russisch-jüdischen Einwanderer! Sie sind eine „Seuche", sagt Pfefferkorn-Perlmann und nach ihm die „Staatsbürger-Zeitung" und die andern Organe der Reaktion. Die ,.Konservative Korrespondenz'4 schreibt: „Die Verbreitung dieser russischen Seuche — wie hier die offenbar systematisch betriebene Einwanderung jüdischer Revolutionäre über die russische Grenze zutreffend genannt wird — muß schon einen sehr bedeutenden Umfang angenommen haben, um das Schutzkomitee zu dieser scharfen Maßnahme zu zwingen. „Genosse" Bernstein hat erst kürzlich gerade den oben erwähnten „Bund" als den. aktivsten Revolutionsfaktor in Rußland bezeichnet. Einen solchen Faktor fernzuhalten, hat jedes ruhige Nachbarland Rußlands nicht nur ein Interesse, sondern die Pflicht. Man wird erwarten dürfen, daß die Regierung der Masseneinwanderung russischer Juden, die heute schon in unglaublich hoher Zahl manche deutschen Universitäten überfluten, Einhalt tun werde." Und die preußische Regierung blieb nicht gleichgiltig gegenüber den Kassandrarufen der Herren Perlmann, Bruhn und Konsorten. Sie ließ ohne weiteres beinahe sämtliche eingewanderten russischen Juden ausweisen. So in Königsberg, so in Breslau und in ganz Ostpreußen. Wie eine Korrespondenz aus Breslau meldet, sind die vom Ausweisungsbefehl Betroffenen meistens wohlhabende Leute. Die Interessen der Gastwirte, Krämer usw. werden dadurch geschädigt, Aber die preußische Regierung kümmert sich nicht darum. Gilt es doch, eine solche Gefahr, wie die „russische Seuche", d. h. den Willen zur Freiheit, zu bekämpfen, auszurotten. Herr Perlmann mag zufrieden sein. Er hat Erfolg geerntet. Er wird vielleicht „pour le merite" in den Rang eines preußischen Untertanen erhoben werden, was er wahrscheinlich noch nicht ist ... . Also Preußen bleibt den russischen Juden verschlossen. Aber das übrige Deutschland? Sachsen steht wohl nicht hinter Preußen zurück. Eine Meldung aus Dresden berichtet: In Dresden protestierte am Dienstag abend eine von der deutschen „Reformpartei" veranlaßte, von etwa 1500 Nationalgesinnten besuchte Versammlung gegen „die großkapitalistische Regierungspolitik in Reich und Land". Nach Vorträgen der Reichstagsab- <<eordneten Zimmermann und Böckler stimmte die Versammlung, die vom Stadtverordnetenvizevorsteher Dr. jur. Häckel geleitet wurde, zwei Resolutionen zu: In der ersten spricht die Versammlung ihr lebhaftes Bedauern über den neuesten Kurs der Reichsregierung aus. Die Regierung und die Berater der Krone zeigten eine Rücksichtnahme auf internationale Elemente, die den natürlichen Empfindungen des Volkes zuwiderlaufe und die bange Befürchtung wachrufe, daß trotz äußeren Prunkes der neueste Kurs abwärts, statt zur Höhe führt. In der zweiten wird an die Regierung das Ersuchen gerichtet, im Interesse unserer nationalen und wirtschaftlichen Wohlfahrt, insbesondere zum Schutze des Kleinhandels und Gewerbes, die drohende Ansiedelung einwandernder russischer Juden nachdrücklich zu verhindern. Wohlgemerkt, das hat die „Reformpartei", d. h. die antisemitische Partei beschlossen. Und diese ist in Dresden mächtig. Ja, Deutschland eignet sich kaum für ein Asyl. Es will keine Quarantäne- Station sein für die „russische Seuche". Die Aliens Act "rüss'scnen Seuche" fürchtet sich auch der englische Parlamentarier Evans-Gordon, der Vater der Aliens-Act. Wie bekannt, hat das neue liberale Kabinett eine Erklärung abgegeben, daß es die Aliens-Act in milder und den freiheitlichen Traditionen Englands entsprechender Weise zu handhaben gewillt sei. In diesem Sinne hat der Staatssekretär des Innern, Mr. Herbert Gladstone, ein Rundschreiben an die „Boards of Immigration" gerichtet. Dasselbe Bestreben zeigt der Erlaß des Ministers, wonach die Zahl der Passagiere, die ein Schiff haben muß, um als Einwanderschiff zu gelten, auf die ursprüngliche Zahl - 20 — wieder erhöht worden ist. Aus den Parlamentsdebatten über die Aliens-Act hat sich ergeben, daß die Regierung sich in einer peinlichen Lage befindet. Sie fühlt ganz wohl, daß die Aliens-Act mit den englischen Institutionen unvereinbar ist und daß sie eine reaktionäre Maßregel darstellt. Anderseits kann sie sich nicht entschließen, sie gänzlich fallen zu lassen. Und aus diesem Grunde versucht sie sich auf dem Balancierstuhl zurechtzumachen. Natürlich ist keine Partei zufrieden. Die Konservativen sprechen sich nunmehr überhaupt gegen das „Asylrecht", das durch die ganze britische Geschichte das Privileg- Englands war, aus. Die Liberalen, wie Sir Charles Düke, bemerken mit Recht, daß die ganze Act „überflüssig und den Gefühlen der Majorität des englischen Volkes zuwiderlaufend ist." .... Es sei dem wie immer, eine große jüdische Einwanderung nach England ist unmöglich. Ob die Aliens-Act milder oder strenger gehandhabt wird, ein Bodensatz bleibt immer. Die Engländer haben gelernt, die Juden als Ausnahmseinwanderer, als „riff-raff of the earth", wie Major Gordon sich bildlich ausdrückte, zu behandeln. — Und der jüdische Wanderer fragt wieder und mit immer steigender Angst: Wohin? „TAUFSEUCHE" - UND WAS SCHLIMMER IST Von Mathias Acher (Wien) Man spricht jetzt in Wien, wahrscheinlich auch anderwärts im westlichen Judentum, viel von einer „Taufseuche". Grassiert sie wirklich? Oder täuscht uns nur unsere eigene Aufmerksamkeit, die wir jetzt in erhöhtem Maße den Taufen zuwenden? Wäre die zweite Erklärung richtig, dann hätten wir ja gewiß keinen Anlaß zur Sorge. Im Gegenteil, wir wären berechtigt, unseren besonderen ^eobachtungseifer auf die Habenseite unseres nationalen Kontos einzutragen. Aber vielleicht ist, auch wenn wir uns für die erste Erklärung entscheiden, die Sache nicht so schlimm, wie sie von Ängstlichen gesehen wird. Ahnungsvolle werden mir sofort zurufen: „Ah, Sie kommen wohl mit den welken Blättern, die abfallen müssen? . . . Kein Schade Llln sie, ... die anderen gewinnen nichts an ihnen, —" und wie sonst die Selbsttröstungen lauten. Nein, damit komme ich nicht. Aus verschiedenen Gründen. Hauptsächlich aber deshalb nicht, weil ich den Mut habe, mir auch diejenigen anzusehen, die nicht „abfallen". Sie prüfend, lerne ich verstehen, daß die Taufseuche nicht so schlimm ist, weil es noch schlimmere Gefahren in Israel gibt. Oft finde ich „Gebliebene'4, für die ich gerne wenigstens manche der „Abgefallenen" eintauschen möchte. Und zuweilen frage ich mich sogar, ob nicht diese paar „Abgefallenen" von jenen zweifelhaften „Gebliebenen" aus dem Judentum sozusagen herausgeekelt wurden. Ich würde mir meine Sache sehr leicht machen, wenn ich nun einfach auf die „Assimilanten" loshackte. Die meisten, die als solche bezeichnet werden, verdienen ja diesen Namen gar nicht. Sie sind nicht nur nicht assimiliert, sondern wissen gar nicht, worum es sich dabei handelt. Plappern höchstens ein paar vom Vater ererbte Phrasen nach, sind aber dabei oft von instinktiver Treue zu ihrem Volke beseelt, zumindest fühlen sie keine tiefgehende Abneigung gegen dasselbe. Einzelne wenige, je einer unter Hunderttausend, denen das Kunststück der Assimilation ohne Taufe und Mischehe gelungen ist, und die vielleicht für sich achtbare Menschen sein mögen, scheiden von vornherein aus der Betrachtung aus. Der Rest, trotz Forderung mißglückte Assimilanten, stellt ja wohl das Hauptkontingent zu jenen traurigen „Gebliebenen", von denen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.