Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1 nr Ii f> DIE^E LT No. v: N Söldlinge. Hat er unserer Soldaten Kraft im offenen Kampfe durch das japanische Volk nicht brechen können, so führt er uns jetzt durch Bruderzwist, durch schnöde Bestechung, durch den Eidbruch russischer Männer zum Untergang, um uns unseren väterlichen Boden wegzunehmen und Mütterchen Rußland zu besiegen. Und schlau ist er, der fremdländische Feind, schlau und reich. Nicht selbst ist er zu uns gekommen, nicht sein Haupt stellt er unter die Kanonen, sondern er kaufte durch die Juden russische, christliche Seelen und führte sie gegen das Väterchen, den Zar, gegen die zarischen Diener, unsere Krieger, gegen alle, die für den Glauben, für den Zaren und das Vaterland stehen. Es enthüllte der tückische Feind das feindliche Banner, die rote Fahne, die in Rußlandfrüher niegewesen war. Gotteswidriges schrieb er auf sie! Da lies, russisches Volk, schau auch du, Bruder Soldat, was von dieser Fahne herunter weht, was die Menge mit der roten Fahne ruft: „Nieder mit der Selbstherrschaft! Nieder mit dem Zaren! Es lebe der Zionismus!4' Was für eine Fahne? Was für Rufe? „Nieder mit dem Zaren?" Brüder, eine solche Schmach hat es in Rußland noch nie gegeben. Brüder, vorwärts, vorwärts! Für den Glauben, für den Zaren und für Mütterchen Rußland! Hoch lebe der Zar! Tod den Verrätern! Nieder mit dem Zionismus! Und wisset ihr, Brüder, was der Zionismus ist? Das ist eine listige jüdische Erfindung. Die Juden hatten einmal ihr Reich, das Zionsreich. Es hieß so nach dem Berge Zion. Sie haben es verloren, und jetzt ist es türkischer Boden. Seit jener Zeit irren die Juden herum, um ein fremdes Reich zu erobern und es als das ihrige, das Zionsreich, zu erklären. Das ist, Brüder, der Zionismus. Jetzt wollen die Juden auch unser Mütterchen Rußland zu einem jüdischen Zionsreich machen, deshalb rufen sie auch: „Hoch der Zionismus!" Nein, Brüder, liefert nicht Rußland dem ruchlosen Feinde aus! Spuckt auf alle Versprechungen des jüdischen Reiches! Der Satan hat dem hungrigen Christus in der Wüste alle Güter der Welt angeboten, aber Christus sagte: „Heb dich hinweg von mir, Satanas!" Brüder, schreitet in den Spuren Christi, rufet alle mit mächtiger Stimme und in einem Atem: „Nieder mit dem jüdischen Reiche, nieder mit dem Zionismus, nieder mit den roten Fahnen, nieder mit der roten jüdischen Gleichheit und Freiheit! Wir wollen kein jüdisches Reich in dem heiligen Rußland! Es lebe nur der Einzige in Rußland, das Väterchen Zar, unser rechtgläubiger, christlicher Selbstherrscher Zar! Hurra! Erhebe dich, erwache, russisches Volk• Fort, nieder mit den feindlichen jüdischen Neuerungen! Russischer Soldat! Auf den Feind! Vorwärts! Vorwärts!" Und unten am Rande dieser „Proklamation" lesen wir den Vermerk: „Gestattet durch die Zensur." Odessa, 27. Januar 1906. Druckerei des Odessaer Militär-'Bezi rksstabes!!! Jeder, der auch nur ein klein wenig mit den russischen Verhältnissen vertraut ist. weiß, daß ähnliche Pamphlete nicht von einem einfachen „alten Soldaten" stammen. Der alte Dragomirow, General Bogdanowitsch und ähnliche hohe Militärs und Beamte haben sich gewöhnlich eines solchen Stils befleißigt und eine solche Gedankenwelt dem russischen Volke vorgeführt. Und auch diesmal ist es erwiesen, daß die blutrünstigen judenhetzerischen Pamphlete aus der Feder hoher Beamten stammen. Einer der Autoren der Proklamation, die in der Druckerei der Petersburger Stadthauptmannschaft gedruckt wurde und wegen derer sich der Stadthauptmann von Petersburg vor dem Ministerkonseil verantworten mußte, war ein einflußreicher Beamter im Ministerium des Innern, Lawrow, ein Neffe des berüchtigten Generals Bogdanowitsch und eine angesehene Persönlichkeit in der Petersburger Gesellschaft. Der Ministerrat sah sich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen. Er hat eingesehen, daß die Judenhetzen ein zweischneidiges Schwert seien, daß die demoralisierte Polizei, die entfesselte Soldateska ebenso gefährlich sein können, wie es einst die Barbaren waren, die vom römischen Reiche zum Schutze berufen, ihm den Untergang bereitet haben. Und dann braucht Witte Geld. Eine Reihe von Maßnahmen der Regierung zur „Vorbeugung der Judenmassacres" wird gemeldet. Der genannte Lawrow ist verhaftet worden, in verschiedenen Städten sind Befehle an die lokalen Behörden ergangen, jeden Versuch einer Judenhetze schonungslos zu unterdrücken. Und die Besorgnisse der Regierung sind nicht unbegründet. Ostern steht vor der Tür! Das blutige Gespenst, die ewige Gefahr naht! Die russische Regierung hat alles getan, um auf die Häupter der Juden die Flamme des Hasses, der Raubgier, der entfesselten tierischen Leidenschaften zu häufen. Sie hat gründlich allen Greueln, die kamen und die noch kommen können, vorgearbeitet. Jetzt ist ihr selbst vor der Anarchie im Reiche bange geworden. Sie will eindämmen, einlenken. Aber nur mit negativen, nicht mit positiven Maßregeln. Sie tut nichts zur Verbesserung der Lage der Juden. Sie sanktioniert die bestehende Rechtlosigkeit der Juden. Und die Duma! Von einer Duma, die unter solchen Auspizien zur Welt kommt, ist nichts, absolut nichts zu erwarten. Die Judenfrage in Rußland ist ganz anders geartet als die der andern Länder, geht von andern Voraussetzungen und Motiven aus. In allen Ländern, wo die Judenemanzipation vor sich gegangen ist, haben neben den daran geknüpften wirtschaftlichen Interessen auch höhere politische, humanitäre Rücksichten mitgespielt. In Rußland gelten humanitäre Rücksichten überhaupt nichts, weder bei den Revolutionären, noch bei der Regierung. Wer nicht dem Interesse dieser oder jener Gruppe dienlich, fördernd ist, wird preisgegeben. Und dies ist das schwierigste Problem der russisch-jüdischen Frage, und dies ist es, was uns nie eine Gewähr bieten kann, daß die Judenlage in Rußland sich ändern, wesentlich bessern kann. Was bleibt ihnen nun übrig? Wandern? Aber wohin? . . . Die russische „Seuche4' „Wandern, aber wohin?" Diese Frage legt sich jeder russische Jude vor, dem das Leben in Rußland unerträglich wird. Es muß nicht gerade der arme Jude sein, der Pauper aus dem Osten, an dessen Erscheinung sich der europäische Westen gewöhnt hat. Auch der reiche, wohlsituierte Jude wandert aus. Es ist eine neue Erscheinung in der Geschichte der modernen jüdischen Wanderungen. Reiche Juden aus Rußland, die durch die Revolution geschädigt werden, kommen nach Westeuropa, lassen sich dort nieder, schaffen sich ein neues Milieu. Mit vollgespickten Beuteln kommen sie nach Westeuropa, sind weder sozialistisch noch revolutionär, höchstens liberal oder konstitutionell-demokratisch. Wirtschaftlich sind solche Leute ein Segen für ihren Ansiedlungsort. Sie konsumieren bloß und sind somit keine Konkurrenten für den Einheimischen. Politisch sind sie ungefährlich, weil ein Bourgeois nie politisch gefährlich ist. Somit dürfte scheinbar jedes Land solche Leute mit offenen Armen empfangen. Und sieh da, es gibt ein Land in Westeuropa, dessen Angst vor der Revolution und Antipathie gegen die Juden soweit gehen, daß es sogar diese Klasse von Juden nicht dulden will. „Timeo Judaeos et dona ferentes"« sagt die preußische Regierung. Denn dieses Land ist Preußen. Es ist bereits bekannt, zu welch unqualifizierbarer Tat ein Jude, der „berühmt" gewordene Herr Perlmann aus Königsberg, ein russischer Jude, sich erniedrigt hat. Wir haben uns schon einmal mit dieser schmachvollen Tatsache befaßt. Sie ist doppelt schmachvoll, weil der Herr Perlmann ein Jude ist und ein russischer Jude dazu. Leider müssen wir es konstatieren, daß die russischen Juden, die als „Sachverständige*' bei den Wohltätigkeitsinstitutionen der westeuropäischen Juden und sonstigen Behörden, die mit russischen Juden zu tun haben, fungieren, immer die schlimmsten Dienste dem russischen Judentum leisten. Nomina sunt odiosa. Aber die Tatsachen sind höchst betrübend. Es hat sich u. a. herausgestellt, daß viele Fälle der willkürlichen und ungerechtfertigten Ausschließungen der jüdischen Einwanderer in England auf die Niederträchtigkeit der „Dolmetscher" zurückzuführen sind, die sowohl die Fragen der Einwanderungsbeamten als die Antworten der Einwanderer ganz falsch 1