Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 DIEXSKELT oo oo o POLITISCHE REVUE o o o o o Regierung und Pogromgefahr. Die russische Regierung ist immer liberal, wenn sie Geld braucht. Witte, der Schlaue, der Gewissenlose, ist immer bereit, Krokodilstränen zu vergießen, sobald es in der Staatskasse leer wird. Er hat geschwiegen, als die entsetzlichen Oktobermassacres stattgefunden haben. Er hat geschwiegen, als die ganze Welt die Mitschuld der Regierung an den Pogromen, an der Unmenschlichkeit der Hooligans erkannt hat. Er wußte von allem, was vorgeht, vom Treiben Kruschewans, von der Judenhetze der Polizei und des Militärs und hat nichts Besseres zu tun gefunden, als die Juden unter diesem oder jenem Vorwande erschießen, zu Tode martern zu lassen. Und jetzt hat sich der weise „Ministerrat" erinnert, daß die „Ordnung", für die er mit „Feuer und Schwert" eintritt, für die er Tausende von Menschen erschießen und meucheln ließ, doch durch die Judenpogrome etwas „gestört" wird. Und der Ministerrat beschloß in der Sitzung vom 15. März, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Nach einem Telegramm der Petersburger Telegraphenagentur beauftragte der Ministerrat den Minister des Innern, seine besondere Aufmerksamkeit den Umständen zuzuwenden, welche auf die Möglichkeit antisemitischer Unruhen hindeuten, damit solchen Ruhestörungen rechtzeitig entgegengetreten werden könne. Der Minister solle den Generalgouverneuren und Gouverneuren die Ergreifung von Maßnahmen zur Verhinderung, von Massenausschreitungen gegen die Juden vorschreiben und ihnen überhaupt ihre Pflicht in Erinnerung bringen, für die öffentliche Sicherheit und Ruhe sowie für die Unantastbarkeit des Lebens und des Eigentums der Privatpersonen Sorge zu tragen. Außerdem wurde der Minister des Innern beauftragt, anzuordnen, daß bei der Anwendung der für die Juden bestehenden Ausnahmsbestimmungen keine neuen, direkt aus dem Gesetze abgeleiteten Beschränkungen zugelassen werden. Gleichfalls wurde der Stadthauptmann von Petersburg eingeladen, damit man von ihm Rechenschaft verlange über die aufreizenden Proklamationen gegen die Juden, die in der Druckerei der Stadthauptmannschaft gedruckt werden. Was der Stadthauptmann geantwortet hat, hat die sonst so „informierte" T.-A. nicht enthüllt, ebensowenig, welche Maßregeln der Ministerrat getroffen hat, um ähnlichen Erscheinungen vorzubeugen. Es wird nicht uninteressant sein, die Proklamationen kennen zu lernen, durch die die russischen Behörden das Volk „aufklären". Charakteristisch in dieser Hinsicht ist eine Broschüre, die den Titel führt: „Aufruf an das russische Volk! Ursachen alles Unglücks in Rußland. Maßregeln zur Aufhebung des Übels von Seiten der Juden", in der Druckerei der Petersburger Stadthauptmannschaft gedruckt und von der Buchhandlung der „NowojeWrem ja" verkauft wird. In dieser Broschüre, die an Lügenhaftigkeit, Sinnlosigkeit und Schamlosigkeit alles übertrifft, was in dieser Beziehung geschrieben worden ist, wird ausgeführt, daß die Juden der ganzen Welt, die Neider Rußlands, die Armenier sowie Deutschland und England einen Bund geschlossen hätten, um Rußland in kleine Staaten zu teilen und diese den Peinden des russischen Volkes zu geben, dem Bauern sein Land zu nehmen und ihn selbst zum Sklaven der Juden zu machen, die Popen ihrer Weihen zu entkleiden und die griechisch-orthodoxen Kirchen zu jüdischen — Schweineställen zu machen. Wenn man bedenkt, daß diese nichtswürdige Broschüre den Vermerk: „Erlaubt von der Zensur" trägt, dann .kann man sich leicht eine Vorstellung machen, wie der einfache Mann zu der Ansicht kommen kann, daß er es mit von den Behörden gebilligten Auslassungen zu tun hat. Die Juden, heißt es da ferner, haben den Japanern geholfen, die Unruhen in Rußland veranlaßt usw. „Sobald nur diese Christusverkäufer bei euch erscheinen, zerfleischt und tötet sie, damit sie keine Lust mehr haben, zu euch zu kommen. Sofort sollen die ehrlichen russischen Leute, welche Rußland lieben, sich beim Kaiser darum bemühen, damit er so schnell als möglich vom Präsidentenposten verjage den Hauptfeind des russischen Volkes und Hauptmithelfer der Juden samt seiner jüdischen Frau." Ebenso roh wie diese Auslassung sind die Maßregeln, welche zur Bekämpfung der Juden vorgeschlagen werden: Übersiedelung aller Juden aus allen Städten und Landbezirken des europäischen und asiatischen Rußlands in den Rayon binnen 1 bis 5 Jahren; Schließung aller jüdischen Schulen; den Juden das Recht zum Besuche der höheren Lehranstalten zu nehmen; Ausschließung der Juden vom Kriegsdienste und Entrichtung einer besonderen Steuer für jeden wehrpflichtigen Juden; Erlaubnis zur Ansiedelung von Juden mit Familien im Kreise Werchojarsk (nördliches Sibirien) unter kostenloser Überlassung von 15 Deßjätinen für jede Person; Änderungaller von Juden angenommenen russischen und fremden Namen in jüdische unter Androhung von 300 Rubel Strafe, falls dieser Befehl nicht ausgeführt wird; alle Ländereien der Juden zu verkaufen; den Juden zu verbieten, Theater zu besuchen; den Bevölkerungen der Städte und Dörfer das Recht zu gewähren Juden anzusiedeln, schließlich nur den Enkeln von Juden, die Christen geworden sind, volle Bürgerrechte zu gewähren. Die russische Petersburger „Börsen-Ztg." bemerkt spöttisch, es werde dem Stadthauptmann nichts anderes übrig bleiben, als die Druckerei der Stadthauptmannschaft zu schließen. Die Stadthauptmannschaft hat es nicht getan. Der Ministerrat, der sich mit der Frage beschäftigt hat, hält es auch für ganz natürlich, daß ähnliche blöde, aber darum auch verletzende „Schriften" in der Druckerei der Regierung und mit Erlaubnis des Zensors veröffentlicht werden. Welchen Grad des Blödsinns die Proklamationen erreichen, veranschaulicht uns ein unter den Soldaten verbreiteter Aufruf, den wir in extenso wiedergeben. ' Der Aufruf ist betitelt: „An die Soldaten!" Er ist im alten, vorpetrinischen, „slawischen" Stile geschrieben, dessen sich der Russe gewöhnlich bedient, wenn er seine Barbarei und Dummheit mit dem Mäntelchen der Altertümlichkeit verdecken will. Das interessante, leider nicht alleinstehende Schriftstück lautet: „Brüder Soldaten! Höret auf mich, den alten Soldaten! Viele Jahre habe ich schon verlebt, gar vieles habe ich gesehen und kann wohl Freund von Feind unterscheiden. Mag der Wolf sich noch so ins Schafsfell verkleiden, den alten Soldaten wird er nicht hinters Licht führen. ' Über euch aber, Brüderchen, junge Soldaten, kann jeden Augenblick das Unglück hereinbrechen. Kaum daß ihr es merkt, bleibt einer oder der andere von euch an der Angel des Feindes hängen und kommt nicht mehr los. Und nicht nur sie selbst gehen zugrunde, sondern machen auch den ehrlichen heiligen Namen des russischen Soldaten zuschanden. O Brüderchen, vormals haben wir eine solche Schande nicht gekannt. Und wenn unser Brüderchen, der Soldat, ausrief: „Für den Glauben, für den Zaren, fürs Mütterchen Rußland!" so begann das Blut in den Adern zu sieden. Alles hätten wir weggegeben, um den Glauben von Christus, Väterchen Zar und Mütterchen Rußland heil und unversehrt zu erhalten, um ihren heiligen Namen von tückischen Feinden nicht schänden zu lassen ..." Dann spricht mit demselben Soldatenton der biedere „alte Soldat" vom russisch-japanischen Kriege und belehrt die „jüngeren Soldaten", daß am Kriege die Juden und die Söldlinge schuldig waren, daß aber trotzdem Väterchen Zar und die „russischen Männer" den Sieg über die Heiden erfochten haben. Und er fährt fort: „Aber damit hatte der Feind nicht genug. Es begann in Rußland die innere Meuterei. Wiederum treibt der böse Feind sein ruchloses Spiel durch seine Helfer: die Juden und die 2