Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316199--47927-3342834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i?- DIE3^ ELT No. 12 m mit dem Tode ihres ersten Führers über viele schwere Widerstände und Reibungen ging, daß sich ein Teil der früheren Anhängerschaft für einen neuen andersgearteten Zweck loslöste. Eine innere Krise, ein Kampf gegen den Gedanken, gefährlicher noch für den Zionismus als die Hemmnisse von außen, gefährlicher noch als die niederschmetternde furchtbare Katastrophe, von der die Mehrheit unseres Volkes, unsere Anhänger im Osten, betroffen wurde. — * Unser Gedanke hat sich siegreich gehalten trotz allem. Er hat sich nicht nur nicht aus dem Bereich der Geisten er hat sich auch aus dem Leben nicht fortdrängen lassen. Wenn das auch viel war, vielleicht erschien es doch den andern nur als ein Zeichen negativer Kraft, einer sich wehrenden, sich verteidigenden, nicht einer siegreich vorwärtsstrebenden. Dieser Beweis — Erez Israel als ein lebendiger Gedanke, als der Ausdruck jüdischer Volkssehnsucht — war noch sinnenfällig zu erbringen. Und, freuen wir uns dessen, solche Beweise werden uns zur Stunde erbracht. Wir alle, die wir seit Jahr und Tag in der Bewegung stehen, können es fühlen, können es sozusagen mit Händen greifen, wie jetzt, stärker denn je, unsere Reihen dem Einen zustreben, wie es sich drängt aus unserer Mitte: nach Palästina. Nicht nach Palästina als einem Programm ferner Zeiten, nicht nach einem Palästina für die andern, für die Armen, nein, nach einem Palästina, in dem man jetzt, heute schon, morgen schon, arbeiten, schaffen, das zukünftige Gemeinwesen aus eigener Kraft vorbereiten helfen kann. Vielleicht — wenn wir allen gerecht sein wollen — hängt das zum Teil zusammen mit den entsetzlichen Verhältnissen des Ostens, vielleicht damit, daß die unerbittliche Formel: „Fort aus Rußland!" zur . Wanderung antreibt, aber das — wir können es in aller Objektivität behaupten — sind nur die kleineren Beweggründe, deren Wegrichtung auch sonst überall hin in die Welt führen könnte. Nein, es ist die ursprüngliche zionistische Kraft, genährt und gestärkt durch die Jahre des Vorbereitens und Hoffens, die sich jetzt in Energie umsetzen will auf dem Boden, aus dem sie ihre Nahrung saugt. Und Tausende und Abertausende stehen so in Rußland bereit, jede Stunde als Pioniere ins Land der Väter zu gehen, nicht nur Arme, Schwache, nein auch wirtschaftlich Starke, Junge, Mutige, die nicht vor den Gefahren im Geburtslande die Flucht ergreifen, weil sie diese Gefahren nicht fürchten. UndHunderte ziehen bereits ins Heimatland. „Ohne Lärm, ohne Agitation und Reklame", schreibt ein Korrespondent im „Weg", „still, fahren jede Woche von Odessa 120—150 Juden nach Palästina. Heute habe ich selbst einer solchen Abfahrt von 126 Personen beigewohnt. Lustig, fröhlich hat ein jeder von seinen Verwandten und Freunden Abschied genommen. Nicht die gewöhnlichen herzzerreißenden Szenen haben stattgefunden, auf den Gesichtern lag etwas wie ein verklärter Schein, sowohl auf denen der Abreisenden, als auf denen der Zurückgebliebenen. Man konnte sehen, daß die Zurückgebliebenen die Abreisenden beneideten. Alle fühlten, daß sie nicht für immer von einander scheiden: nein, die einen sind nur früher gefahren, die andern kommen später nach! „Auf Wiedersehen in der Heimat!", scholl es von beiden Seiten. Lustiger als alle waren die Jungen, die „Poale Zion". Sie fahren nicht nach Erez Israel, weil es ihnen hier schlecht geht, sie fliehen nicht vor den Pogromen, sie werden nicht von der Krise weggejagt, sie fahren aus eigenem Willen, ihre Pflicht zu erfüllen, sie fahren für ihr Ideal, sie sind sich ihrer Rolle bewußt und sind stolz darauf. „Brot und Wasser werden wir nur in Palästina haben, aber das schreckt uns nicht. Unsern Schweiß, unser Blut bis wir Palästina aufgerichtet haben!", so rufen sie." Das ist Palästina als lebender Gedanke! Das sind die Menschen, die wir meinen. Was bedeutet es angesichts solcher Beispiele, daß vielleicht die Agitation, der Parteimechanismus jetzt in dem vor Erregung und Schrecken zitternden Rußland unter den vom Chaos gelähmten Juden nur mühselig vorwärtsschreitet. Wir können ruhigen Mutes, für diesen unentbehrlichen Teil der Arbeit das Unsrige tuend, bessere Zeiten erhoffen, die Pioniere vor Augen! Und wollen auch hoffen, daß diese lebendige Sehnsucht nach Palästina in früher oder später Zukunft auch die politischen Erfolge bringen wird, die wir erstreben. Zion lebt — darum wird es sein. Das Beispiel unserer russischen Brüder sei auch uns westeuropäischen Zionisten ein Ansporn. Die Bestimmungen unserer Kongresse umschreiben für unsere Organisation fest die Grenzen für ihre Palästinatätigkeit, und diese Grenzen haben wir nicht das Recht niederzureißen. Aber was der einzelne Zionist auf dem Altar des Zionismus, auf dem Boden Palästinas niederlegen kann, das soll er ganzen Herzens tun. Die Arbeitskraft, der Enthusiasmus, das Kapitel unserer russischen Brüder wird sich in immer erhöhtem Maße dem Lande der Väter zuwenden. Aus ihrer Mitte kamen die Pioniere der Bilu-Organisation, aus dem Schweiß ihrer Stirnen, dem Fleiß ihrer Hände erwuchs unser Stolz, die ersten Kolonien. Wollen wir westeuropäischen Zionisten, die durch glücklichere Verhältnisse so viel besser gestellt sind, die wir mit gleicher Treue dem Gedanken ergeben sind, vom Weiten stehen, anstatt mit in der stolzen Schar der Pioniere zu sein? Nicht ein Stückchen des Bodens erobern? Wohl — unser Platz als Glieder der Organisation ist zunächst dort, wo wir der Agitation, der Propaganda, der politischen Förderung des Gedankens dienen. Aber der junge Mann, der in überseeische Länder zieht, der Kapitalkräftige, der wirtschaftliche Unternehmungen verschiedener Art fördert, der für kulturelle Interessen Empfängliche — sie könnten sich, in vielem besser gestellt, den Pionieren anreihen, als Stützen, als Kameraden, sie könnten auch, was von außerordentlichem Werte wäre, die Verbindung von West und Ost auf heimatlichem Boden herbeiführen. Und wie es eine unschätzbare Stärkung und Vertiefung des zionistischen Bewußtseins wäre, so wäre es eine politische Tat im Hinblick auf die andern, die Skeptischen, die Zweifelnden, eine Tat von sicherlich bedeutsamer Wirkung auch auf das nichtjüdische Europa. Palästina wartet. Mögen sich auch die nichtrussischen Zionisten ihm zuwenden, Kräfte aus ihm schöpfend und damit Kräfte ihm zuführend! f. ft-! tili.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.