Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK X. JAHRO. KÖLN, 23. März 1906 pnrf? bftri'tt TinYo No. 12. PALÄSTINA! Still zieht der Zionismus seine Kreise, unbemerkt oder unterschätzt vielleicht von den an der Oberfläche haftenden Blicken der Parteimenschen, unbemerkt oder unterschätzt vielleicht auch von manchem Historiker oder Politiker, der mit weitem Blick dem Stürmen und Drängen unserer Tage zu folgen vermag. Während Europa durchzittert ist von der drohenden Gefahr politischer Verwicklungen, geängstigt durch das dumpfe Grollen, das, Erfüllung heischend, immer bedrohlicher hervordringt aus den Tiefen der proletarischen Massen, während im Osten nach einem Kriege von weltgeschichtlicher Bedeutung neue ungeahnte Expansionen sich vollziehen, während das gewaltige Zarenreich von Grund aus aufgewühlt ist durch einen unbeschreiblichen Kampf voll Grauen und Schrecken — mag das Ringen der kleinen jüdischen Nation, des ungeliebten, ohnehin zur Zurücksetzung verurteilten Volkes, nach Selbstbefreiung leicht übersehen, sein Sehnsuchtsschrei, und wäre er noch so schmerzlich, noch so stürmisch, leicht übertönt und verschlungen werden vom Gebrause der Weltkämpfe. Es ist gewiß nicht gleichgültig für unsere Bewegung, die als eine politische auch auf eine Teilnahme von außen rechnet, ob sie durch die Gunst der Umstände in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt würde oder ob sie sich erst mühsam gegenüber unvergleichlich größeren und bevorzugteren Interessen zur Geltung bringen muß. Aber das Verhältnis zur Öffentlichkeit, die Gunst oder Mißgunst der Zeitumstände sind glücklicherweise nicht das wesentliche Element für Fortschritt oder Rückschritt des Zionismus, Denn „er kommt aus andern Zeiten und hat in andere zu gehn". Ob die uralte Volkskraft noch besteht, an die wir glauben, ob die Sehnsucht nach Erez Israel wach ist, ob sie als elementare Macht in der Volksseele waltet, als ein gesunder, natürlicher Trieb auf den Volkswillen wirkt das ist das wesentliche Lebensmerkmal des Zionismus. Wenn sich im Volke, in Massen des Volkes, aus ihrer Not und ihrer Hoffnung, inmitten ihres Kampfes ums Dasein, für das sie ihren ganzen Vorrat an seelischen und materiellen Kräften einsetzen, aus ihrer Erkenntnis und ihrem Willen heraus klar und unzweifelhaft das zionistische Bekenntnis behauptet, wenn es sich nicht als Parteiprogramm, sondern als Lebensziel durchzuringen, sich zu verbreiten, Wirklichkeit zu werden sucht — dann ist es uns ein Zeichen, daß der Zionismus reif und befähigt ist für sein Ziel, mögen auch sonst dem Vorwärtsdrängen des Volkswillens Zeit und Menschen sich entgegenstellen. . . . Der Zionismus hat als politische Bewegung in den letzten Zeiten gegen große äußere Hemmnisse zu kämpfen gehabt, steht in diesem Kampf noch heute. In dem sturmbewegten Getriebe der Weltpolitik unserer Tage konnte er nur manchmal diese oder jene Strömung für sich nützen. Indem er das aber tat, hat er verhältnismäßig seine Position als führende Bewegung im Judentum sehr erweitert und befestigt. Die Proklamierung des jüdischen Nationalgedankens und der Plan der Begründung eines nationalen jüdischen Gemeinwesens sind für die öffentliche Meinung aus dem Stadium des Neuartigen, Phantastischen in den Bereich des Realen, Möglichen eingetreten — dank vieler Faktoren, politischer Verhandlungen, innerpolitischer Tätigkeiten, jüdisch-kultureller Leistungen, und —leider! — auch durch die allzudeutliche Beleuchtung, die die unerhörten Leiden des jüdischen Volkes in den letzten Jahren erfahren haben. Aber wir alle wissen, daß diese verhältnismäßig großen Erfolge unserer Bewegung nur einen Vorstoß bedeuten, noch nicht den Einzug zum Ziel selbst. Der größere Teil unserer politischen Aufgabe ist der Zukunft vorbehalten — und daß dieser Weg nicht leicht ist und warum er in unsern Tagen noch vielfach schwerer ist, das sagten wir bereits. Wir wissen auch alle, daß der innere Entwicklungsprozeß unserer Bewegung zugleich