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Die Welt · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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f 16---------------- DIEMELT -No. 11 NACHRICHTEN Altgläubige und Judenhetzen Ein Berliner Blatt berichtet: Ein recht eigenartiges, zugleich aber für die Zustände in Eußland charakteristisches Gesuch richteten die Altgläubigen von Minsk an den Minister des Innern. Sie baten ihn nämlich um Erlaubnis — eine Juclenhetze veranstalten zu dürfen, da die Juden ja an allen Mißgeschicken Rußlands Schuld seien. Die Folge war natürlich, daß der Minister sich genötigt sali, zwei Beamte der politischen Polizei nach Minsk zu entsenden, und als diese ihm bestätigten, daß dort "in der Tat Vorbereitungen zu einer groß angelegten Judenmetzelei im vollen Gange seien, den Lokalbehörden Befehl zu geben, etwaige Ausschreitungen mit Hilfe des Militärs zu unterdrücken. Was aber das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte ist: der Herr Minister hat den Bittstellern weder geantwortet, noch sie auf irgend eine Weise darüber auf zu - klären versucht, wie ungeheuerlich ihr Ansinnen war. Wenn man dabei in Betracht zieht, daß die offiziellen und offiziösen Organe der Regierung tagaus tagein Auslassungen und offizielle Meldungen zur Veröffentlichung bringen, in' denen von den revolutionären Umtrieben und Widersetzlichkeit "der Juden erzählt wird, so wird man ein solches Verhalten des Ministers gewiß nach Gebühr würdigen. Zu den Judenhetzen von Hornel Petersburg, 12. Marz. Das nach Hornel gesandte Mitglied des Rats im Ministerium des Innern, Sawitseh, stelltin seinem Berichte fest, daß die Krawalle das Werk einer Gruppe von 10—15 Personen gewesen sind, die, mit Revolvern und Gewehren bewaffnet, unter Führung des Bankbeamten Schenadt und eines jungen Mannes namens Golubkin handelten. Schutz und Beistand erhielten sie von Kosaken und einer ganzen Infanteriekompagnie, die ohne. Offiziere auf dem Platze erschienen und alles, was sich in ihrer Nähe befand, selbst die herbeigeeilte Feuerwehr, beschossen. Der Anteil der Truppen an der Plünderung wird bewiesen durch einen Tagesbefehl des Generals Fallenberg vom 31. Januar Nr. 40, der vom Stab des Militärbezirks Wilna nach Hornel kommandiert wurde. Die Untersuchung ergab, daß die Krawalle von dem kurz vorher in Hornel gegründeten „Verband russischer Patrioten" organisiert wurden, dessen Führer Bezirkssehatzineister Klimow und Versicherungsbeamter Malaschewski sind. Das Ziel des Verbandes ist, die oppositionellen Elemente, besonders Juden, zu bekämpfen. Der Verband verbreitete unter Leitung und finanzieller Unterstützung des Chefs der geheimen Polizei Grafen Podgorjatschini Aufrufe gegen die Juden. Malaschewski und Podgorjatschini übergaben dem Verbände eine bei den Revolutionären beschlagnahmte Geheimdruckerei, in der dann die Verbandsaufrufe gedruckt wurden. Podgorjatschini verteilte Waffen unter Verbandsmitglieder. Derselbe Podgorjatschini ist mit Timofej e..\v, dem Geheimpolizeichef in der Polizeidirektion und früheren Juriskonsuiten "Prepows, in Verhandlungen wegen des Verbandes getreten. Gleich nach Sawitschs Rückkehr nach Petersburg wurde Podgorjatschini unter Beförderung nach Jalta versetzt. Sein Posten in Hornel wurde dem Organisator der Krawalle in Orscha, Polizeikommissar Schipailo, übertragen. Der Hemeler Fall ist der erste, wo der Anteil der Regierungsvertreter an Judenkrawallen offiziell festgestellt wurde. Angesichts dessen ist die in den letzten Tagen ■ dokumentarisch festgestellte Tatsache besonders wichtig, daß eine Geheimdruckerei in der Petersburger Polizeidirektion, Fontanka 14, bestand, in der Aufrufe gegen die Juden und die Intelligenz gedruckt wurden, um nachher über ganz Rußland versandt zu werden. Diese Arbeit leitete Gendarmerieoffizier Komessarow unter Aufsicht des Vizedirektors der Polizeidirektion Ratsch - kowski. Obgleich die Aufmerksamkeit des Regierungshaupts auf diese Druckerei gelenkt wurde, erhielt noch am 27. Januar Ratschkowski 75000 Rubel aus den Fonds der Polizeidirektion. Antisemitismus in Schweden Der „Vorwärts" berichtet: In der Ersten Kammer des schwedischen Reichstages machte ein Führer der schwärzesten Reaktion, Abg. Lithander, Vorschläge zur Abänderung des Ein w ander ergesetzes. Er * wünschte besonders, daß den Juden, die angeblich in großen Mengen aus Polen, Rußland und Deutschland nach Schweden kommen, die Einwanderung verboten werde, jedoch ausdrücklich mit Ausnahme der Jungen, die „nützliche Arbeit" verrichten. Das Ritualmordmarchen in der Schule Aus Drohobycz wird uns gemeldet: Der Lehrer der \)6inischen Sprache im hiesigen Realgymnasium, Bieganowski, bezeichnete es gestern während der Unterrichtsstunde in der fünften Klasse als eine „historisch feststellende Tatsache", daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut verwenden, und führte für diese Behauptung den Prozeß Hilsner ins Treffen. Wenn der Beweis hierfür nur in verhältnismäßig wenig Fällen erbracht worden sei, so sei dies lediglich darauf zurückzuführen, daß die Juden bei Entdeckung derartiger Geschehnisse die Richter zu beeinflussen wissen. Der Gymnasialdirektor Staromiejski, dem der Religionslehrer Rabbiner Dr. Margulies und eine jüdische Deputation diesen die gesamte Bevölkerung erregenden Von all zur Kenntnis brachten, versprach, gegen Bieganowski eine strenge Untersuchung einzuleiten und das Ergebnis dem Landessehulrate in Lemberg zu unterbreiten. Auf Veranlassung den Direktors findet sich Bieganowski bis auf weiteres zu den Unterrichtsstunden nicht mehr ein. Morgen findet hier eine Versammlung der Eltern jüdischer Schüler statt, zu welcher der Gymnasialdirektor, der durch diesen Vorfall aufs peinlichste berührt ist, sein Erscheinen zugesagt hat. Schlußakt Jakob=Fromer Eine Klage gegen die Berliner Jüdische Gemeinde ist jetzt vom rtammergericht als letzter Instanz zuungunsten des Klägers entschieden worden. Es handelt sich um die seinerzeit viel erörterte Entlassung des früheren Gemeinde - Bibliothekars Dr. Fromer, der unter dem Pseudonym „Elias Jakob aus Krakau" in der „Zukunft51 einen Artikel über „Die Zukuuft des Judentums" veröffentlichte, in dem er zur Selbstauflösung der jüclischen Religionsgemeinschaft und zur M a s s e u t a u f e aufforderte. Als der Verfasser des namentlich in jüdischen Kreisen großes Aufsehen erregenden Aufsatzes ermittelt wurde und Dr. Fromer sich auch zur Autorschaft bekannte, wurde er sofort ohne Innehalt ung der Kündigungsfrist aus seiner Stellung als Gem-eindebibliothekar entlassen. Er erhob deshalb Klage gegeil die hiesige Jüdische Gemeinde, der er das Recht bestritt, ihn wegen eines wissenschaftlichen Artikels so plötzlich zu entlassen. Das Landgericht hatte bereits zugunsten der Gemeinde entschieden, und das Kammergericht wies ebenfalls den Kläger kostenpflichtig ab. In der sehr ausführlichen Be¬ Urteils heißt es unter anderem: „Es kommt nicht darauf an, ob der Aufsatz auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erheben könne und ob er Beschimpfungen und Herabsetzungen der jüdischen Religion enthalte. Es körine der beklagten Gemeinde nicht zugemutet werden, das Verhältnis mit dem Kläger fortzusetzen, nachdem der Kläger ihren Zwecken, die auf Aufrechterhaltung und Förderung des Judentums gerichtet sind, entgegengearbeitet habe, indem er öffentlich und in einer für Juden verletzenden Weise das Judentum besprochen und zum Abfall von der jüdischen Religion aufgefordert hatte. Es sei dies ein genügender Grund zur Aufhebung des Dienstverhältnisses ohne Einhaltung einer Kündigung. Unerheblich sei es, aus welchen Motiven der Kläger gehandelt habe und ob er etwa den Juden Gutes und ihnen Nützliches zu verkünden glaubte; bedeutungslos sei auch die Frage nach dem eigenen Bekenntnis des Klägers. Auch wenn er nicht Jude wäre, dürfte er solange er im Dienste der Gemeinde ist, sich nicht öffentlich in direkten Gegensatz zu deren Zielen stellen und ihnen entgegenwirken. Dies habe der Klüger getan, und es könne deshalb von der beklagten Gemeinde nicht verlangt werden, ihn ferner, und sei es auch nur bis zum Ablauf der Kündigungsfrist, in ihren Diensten zu behalten." Die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden Dr. Paul Nathan über die Lage in Rußland Die G eneralversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden wurde Sonntag mittag in der Viktoria-Brauerei in der Lützowstraße zu Berlin abgehalten. Sie wies einen zahlreichen Besuch auf. Der Arorsitzende James Simon gab nach herzlicher Begrüßung der Gäste einen gedrängten Überblick über den Inhalt des Jahresberichtes, der demnächst den Vereinsmitglieclern zugehen soll. Aus seinein Inhalte sind folgende Momente erwähnenswert: Die Mitgliederzahl ist auf rund 9500 gestiegen. Die Organisation des Vereins erfuhr im Berichtsjahre einen weiteren Ausbau, und in einer großen Reihe von Städten wurden Lokalkomitees gegründet. So in Bremen, Lübeck, Magdeburg, Mainz, Norclhausen, Kassel usw. In Posen konstituierte sich ein Provinzialgrünclung de I

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