Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No.ll- DJEMELT 17 komitee und ebenso wurde für den Regierungsbezirk Oppeln ein besonderes Komitee geschaffen. Von der verstorbenen Frau Baronin Julie v. Cohn-Oppenheim fiel dem Verein ein Legat von 30 J 000 Mark zu. Um die Propaganda hat sich besonders das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses Siegmund Bergel verdient gemacht, der in zahlreichen deutschen Städten Vorträge hielt. Eine Haupttätigkeit des Vereins lag im letzten Jahre auf dem Wohltätigkeitsgebiete für die russischen Glaubensgenossen. Außer einem Fonds von 260 000 Mark, der ihm aus dem Vorjahre für dieses Hilfswerk zur Verfügung stand, sammelte er durch Aufrufe allein im November und Dezember 1905 noch weit über 2 Millionen Mark für Rußland. Daneben aber wurden auch in G-alizien, Rumänien, Bulgarien, in der Türkei und in Palästina zugunsten der dortigen Juden teils Wohlfahrtseinrichtungen, teils Schulen geschaffen, die erhebliche Opfer erforderten. Viel Arbeit lastete auf dem neuerrichteten Zentralbureau für jüdische AusWanderungsangelegenheiten, das den Auswanderern briefliche Informationen erteilt und ihnen außerdem durch ein Korrespondenzblatt über alle für sie in Betracht kommenden Verhältnisse Aufschluß gibt. Da nach ungefährer Schätzung im Berichtsjahr etwa 70 000 Juden aus dein Osten über Deutschland ausgewandert sind, so bot 'sich dein Bureau ein reiches Arbeitsfeld. Zum Schutze der Auswanderer wurde außerdem überall da, wo die Schiffahrtsgesellschaften sogenannte Kontroll- oder Registrierstationen errichtet haben,- sowie in verschiedenen Grenzorten und Hafenstädten Komitees oder Vertrauensmänner ernannt mit der Aufgabe, auf Abstellung von Mißständen und Härten bei der Beförderung der jüdischen Auswanderer hinzuwirken. Diese Einrichtung hat sich außerordentlich bewährt, selbst zum Vorteile der Schiffahrtsgesellschaften, denen dadurch die Abwicklung der Geschäfte erleichert wird. Haben Auswanderer zwar das nötige Reisegeld, nicht aber auch die von gewissen Einwanderungsländern noch verlangte Barsumme für den einstweiligen Unterhalt, so übernimmt der Hilfsverein den Dampfergesellschaften gegenüber die Garantie in Höhe des Rückfahrtpreises, der für den Fall zu zahlen ist, daß dem Auswanderer die Landung auf fremder Eibele nicht gestattet und sein Rücktransport somit notwendig würde, Im weiteren Verlaufe der Generalversammlung hielt Dr. Paul Nathan ein Referat über die Lage der russischen Juden, das wir auszugsweise wiedergeben. Dr. Paul Nathan sagte: „Man muß eine trübe Zukunft voraussehen. Wir müssen darauf vorbereitet bleiben, daß neue Greueltaten sich ereignen mit all ihren Folgeerscheinungen. . . Das akute Stadium der Revolution beginnt, das wird ein künftiger Historiker voraussichtlich sagen, mit der Ermordung Plehwes. Damals lag eine dumpfe Schwüle über dem Lande; kein Funke von Patriotismus, kein Enthusiasmus für den Krieg. Man erwartete von den Japanern vielmehr die Befreiung und selbst in patriotischen maßvollen echt russischen Kreisen. Im November 1904 fand dann der erste Semstwokongreß statt. Die maßvollen Beschlüsse dieser Versammlung nannte der Zar „frech". In Petersburg ließ man dann die Bewegung langsam anschwellen. Das ist System bei der russischen Regierung. Man sucht nicht die Verhältnisse zu verbessern, sondern knallt alsdann die unzufriedenen Massen nieder, Nach der Ermordung des Großfürsten Sergius dachte man an eine Reorganisation der Regierung; der Zar gab das vage Versprechen einer Art Verfassung. Im Juli folgte ein neuer Semstwokongreß, den der Zar jetzt wiederum als eine Versammlung von „Schwätzern" bezeichnete. Der Bulyginsche Entwurf, das Oktobermanifest, die Dezemberkonstitution folgten, und jetzt vor wenigen Tagen sind die Wahlen ausgeschrieben worden. Die Verfassungsentwürfe sind aber nach der heutigen Lage der Dinge nur gedrucktes Papier. Die Wahlen zur russischen Roichsduma werden so gut wie bedeutungslos sein; denn sie finden unter einem Ausnahmezustände statt. Sie sind nur darauf berechnet, das Ausland zu täuschen. In Rußland selbst gibt sich niemand einer Täuschung hin. Man will nur Rußland erneut die Möglichkeit geben, aus dem Westen Geld nach dem Osten herüberzuziehen. Die Lage der Juden ist eine entsetzliche. Rußland bringt seine 5 Millionen in ein Verhältnis, daß sie weder zu leben noch zu sterben vermögen. Freilich, es geht der Gesamtheit der Bevölkerung nicht allzuviel besser unter dieser korrupten Beamtenherrschaft. Nun könnte man durch die Höhe und Stärke der eigeifen Kultur die Elemente fremder Kultur allmählich aufsaugen. Aber die russische Regierung ist für solche Assimilationstätigkeit natürlich unfähig. Sie hetzt die einzelnen Völker, wie Letten und Deutsche, Armenier und Tartaren gegen einander, oder sie nimmt das Henkeramt den Juden gegenüber selbst in die Hand. Nach Kischinew und Hornel trat in Rußland eine Fortsetzung der Massenahschlachtungen ein, und zwar unmittelbar nach dem Manifest des Zaren. Seit dem frühesten Mittelalter ist Ähnliches nicht erlebt worden. In 400 Städten und Ortschaften brach die systematisch aufgehetzte Hefe des_ Volkes gegen die Juden los, und so oft die Juden sich wehrten, rückte die Polizei an und schützte den Mob. Spontan war diese Bewegung nicht, Es lag eine organisierte Abschlachtung einer ganzen Bevöikorungsscliicht vor. Es war System Nach diesen Ereignissen mußten wir mit einer Hilfsaktion einsetzen. Wir gingen nach Rußland und setzten in den einzelnen großen Zentren Komitees ein. Wir teilten die Bevölkerung in Großkaufleute, mittlere Kauflcute und Arbeiter und netzten Pauschalen aus. Die Gelder sind natürlich zu politischen Zwecken niemals verwendet worden, sondern gemäß den Absichten der Geber ausschließlich im humanitären Sinne. Schwerlich ist von privater Seite eine ähnliche Hilfsaktion schon eingeleitet, worden. Über 6 Millionen Mark sind bereits zur Verwendung gelangt, Aber das, was geschehen ist, kann doch nur wenig lindern. Alle diese Millionen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der prominente Mann in Rußland ist in diesem Augenblick Graf Witte, er will die Judenfrage, wie er dem Redner in einer Unterredung sagte, par niorceau lösen. Die Lösung, die bisher geübt wird, besteht darin, daß man die Juden par niorceau massakriert, hier hundert, dort hin paar hundert. Graf Witte hat neuerdings wiederholt liberale Äußerungen getan, aber immer reaktionär gehandelt. Und der Minister des Innern hat kürzlich einer Deputation orklärt, er werde Exzesse mit starker Hand niederhalten. Aber in den Gouvernements wird noch heute wie früher gewühlt. Hornel ist noch im Januar ausgeplündert worden. Ein Ifetzaufruf, der in schärfster Weise gegen die Juden wühlt, ist von der Zensur in Odessa genehmigt und in der dortigen Druckerei des Generalstabes gedruckt worden. Er liegt mir vor. Man muß die Zukunft also als düster betrachten. Die Revolution wird ihren chronischen Charakter noch lange behalten. Attentate und Streiks werden kommen. Eine Agrarrevolution steht in Aussicht, gegen die die bisherigen agrarischen Unruhen ein Kinderspiel gewesen sein dürften. Eine offizielle Intervention der europäischen Staaten ist unmöglich, aber Rußlands Finanzen hängen ab von der öffentlichen Meinung der Welt. Nun ist es moralisch verwerflich, einer solchen Regierung mit Geld beizuspringen, aber es ist auch unklug vom finanziellen Standpunkt aus. Der Schein einer Volksvertretung darf darüber nicht täuschen, d;i ß die Zersetzung in Rußland noch immer weitere Fortschritte macht. Und eine Regierung, die in ihrem eigenen Lande nur durch Verbrechen und durch die Entfesselung jeder Niedertracht sich am Ruder zu erhalten vermag, muß von der öffentlichen Meinung der Welt boykottiert werden, bis Zustände geschaffen sind, die es allen Russen und auch den Juden gestatten, als Menschen und als gute Reichsbürger in ihrem Vaterlande zu leben. . . ." Die Beschlüsse der deutschen Schulgesetz» Kommission Die Schulgesetzkommission in Berlin hat über den £J 24, der von den jüdischen Volksschulen handelt, in erster Lesung entschieden. Unter Ablehnung der von dem „Verband der deutschen Juden" in seiner Denkschrift beantragten vollständigen Gleichberechtigung der jüdischen Schulen mit den christlichen wurden die ersten drei Absätze der Regierungsvorlage durch folgenden Kompromißaiitrag ersetzt: „Für die Errichtung und Unterhaltung der für jüdisch«' Kinder bestimmten und mit jüdischen Lehrkräften zu besetzenden öffentlichen Volksschulen gelten bis auf weiteres die jetzt bestehenden Vorschriften mit der Maßgabe, daß der § u'7 Nr. 3 des Gesetzes vom "3. Juli 1817 über die Verhältnisse der Juden für den ganzen Umfang der Monarchie zur Anwendung gelangt. Werden die in den 19 -23 erwähnten öffentlichen Volksschulen von jüdischen Kindern besucht, so finden in Ansehung der Aufbringung der Kosten für die Erteilung von jüdischem Religionsunterricht an dieselben und Innsichtlich der Anstellung von jüdischen Lehrkräften an diesen Schulen zum Zwecke der Erteilung von jüdischem Religionsunterricht an die jüdischen Kinder, sowie hinsichtlich der anderweiten Beschäftigung der hierfür angestellten jüdischen Lehrkräfte-? au diesen Schulen bis auf weiteres die jetzt bestehenden Bestimmungen Anwendung. Für die Errichtung und Unterhaltung von öffentlichen Volksschulen, an welchen nach ihrer besonderen Verfassung, abgesehen von dein Falle des Absatzes 2, christliche und jüdische Lehrer zugleich anzustellen sind, bewendet es bei dem bestehenden Recht."