Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No.ll- DIEÄELT 15 Fenster lugtest du zu mir hinab auf mein Lager und strahltest und leuchtetest mir wie in den früheren Tagen und reinigtest mich, und aus dem Geflechte deiner Strahlen sprühte ein Licht in mein Herz, und es wurde weißer denn Schnee . . . Damals ging ich r hinaus zu einem Strome, um mit den Frühtauchern mich für den Himmel zu reinigen und meine Seele ganz Qott zu weihen. Eine Fülle von frischer Heiligkeit wehten auf mich von allen Seiten die Winde des Morgens, und es war, als ob ich wandelte entgegen einer gewaltigen Versammlung von Heiligen. Ich wurde voll von Gottes Stärke, mein Herz war verjüngt und mein Geist fest, und in meiner Seele jauchzte es vor Freude, und ich kannte nicht meine Seele. Meine Augen weitete ich aus gegen den Himmel, hob: auf das Haupt und ging auf und nieder im Flusse, — da plötzlich zog an mir vorüber ein Schall von Wasser üncf ein Plätschern wie eine Flut von Kristall und schlug an mein Ohr wie ein Tönen von Harfen . . . Ich blickte hin und blieb wie gebannt: Dort, im Fluß, mir gegenüber, sah ich die Gestalt einer badenden Jungfrau, und dieWeiße ihres Leibes schimmerte zu mir herüber durch das graue Dunkel und berauschte mich . . . FastVäre ich zu ihr gestürzt wie ein reißender Tiger, aber das Bild des greisen Einsiedlers tauchte funkelnd auf vor meinen Augen, — und ich erstickte mein Gelüste mit dem Brüllen eines Löwen und verkroch mich in die Felsenschlucht und blickte von dort auf den zarten Körper. Mit meinen Augen verzehrte ich die Nacktheit ihres weißen Leibes, und meine Seele zitterte beim Zucken ihrer jungfräulichen Brüste. Ich knirschte mit den Zähnen, ballte meine Faust,' und wußte nicht gegen wen, ob gegen den Himmel, der mich versuchte, oder gegen den Satan, der mich reizte. Und meine grimmige Faust fiel nieder auf den Vorsprung des Felsens und zermalmte ihn, und meine Füße zerstampften die Kiessteine . . . Und als der Rausch von mir wich, da umfingen mich die Dunkel des Schreckens, und ich bekam eine gewaltige Furcht vor mir. Vor der Leere und dem entsetzlichen Abgrund erschrak ich, denn ich schaute in meine Seele, und sie war schwarz und weiß zugleich, Licht mit Finsternis durcheinander gemischt. Und in mein Herz blickte ich, — und es war eine Schlangenhöhle und ein Adlerhorst zugleich. Hat' deshalb meine Seele alle Tage nach dem Morgen gelechzt und mein Herz nach dem Abend gebangt? Und ich saß dort am Ufer des Flusses, in Entsetzen 'versunken, meine Augen im * Wasser hängend und mein Kopf gebeugt unter der Last seines finstefn Brütens, und ich war wie einer, der sitzet; am Scheideweg des Fluches und des Segens. Plötzlich erblickte ich meine Locken im Wasser, wie sie wild gewachsen und schwer gewellt waren, und sie hingen und ümdünkelten mich wie ein Vorhang von schwarzen Schlangen und trachteten nach meiner1 Seele vom Boden des Flusses, — und ich sprang von meinem Platze auf und weihte auch meine Locken dem Himmel, — und die Wagschale sank ... Bebenden Herzens entdeckte ich' mein Geheimnis dem Greise, und er segnete mich mit dem Blick seiner Augen, und mit dem ersten Leuchten der Sonne schickte er mich nach Jeruscholäjim. Ich kam in die Tore Gottes, in meinen Händen Opferpalme und Weihegeschenk. Und ich sah den Tempel seines Heiligtums, die Zier seiner Jünglinge und seiner Priester, und die Pracht seiner Hallen schaute ich, — und es bestand nicht mein Mut. Mein gottgeweihtes Haupt hab' ich am Blut meines Opfers geschoren, und meine Locken hab' ich vor den Flammenlöwen auf dem Altare geworfen, — und in einem Augenblicke gingfen meine Locken auf zum Himmel in der Flamme des Opferbrandes, und der Schmuck meiner Jugend ist zur Asche geworden, — ein gefälliger Opfergeruch für Gott . . . Eine schwarze Welle wie der Rauch des Opferbrandes und wie der Todeshaß stürzte plötzlich hervor aus meiner versengten Seele und verdunkelte meine Augen, und ich wollte aufbrüllen wie ein Löwe, — da ergoß auf mich ein Chor von Leviten ein Meer von Tönen, und es überflutete mich, es bedeckte das Dröhnen der Fanfaren und das Tönen der Harfen den Schrei meiner Jugend, und mein Herz irrte und verlor sich im Tosen der Trommeln und Glöcklein. Kraftlos fiel ich hin vor den greisen Priester, den linnengekleideten, und verhüllte mein Haupt in den Saum seines Mantels, zwischen den Glöcklein und Granaten, und ich weinte und beichtete und weinte . . . Und als ich aus dem Hofe des Heiligtums herauskam, — da sah ich eine kleine Locke von meinen Haaren, die dem Feuer entgangen und in einem Winkel des Altars in der Asche lag. Und ich stahl weg meine Locke, meine Weihe, vom Tische des Herrn und verbarg sie an meinem Busen und floh mit ihr. An meinem Herzen trug ich sie wie ein Siegel lange Tage, und wie ein Zaubermittel hing sie an meinem Halse. Aber als meine Locken wieder zu wachsen begannen, zog ich sie heraus und küßte sie und zerstreute sie in die Luft, — ich habe dem Himmel sein gestohlenes Gut wiedergegeben. ... Und nun sieh und merke wohl: der Himmel hat mich verspottet und mit grausamen Truge umgeben. Meine Jugend, mein alles, hat er mir genommen und nichts zum Erlös mir gegeben. Demütig wie ein Sklave hab1 ich alle Tage zu ihm meine Augen erhoben, schweigend wie ein Hund bat ich um meinen Teil, und klagelos harrte ich der Gabe meines Loses. Aber er hüllte sich im Hochmut mir gegenüber in Schweigen, und heuchlerisch fromm hat er meine Jugend vernichtet. Und nun bin ich wieder einsam in der Wüste geblieben. Mein geraubter Frühling wandte sich ab von mir, düster und traurig zu gehen, ohne Kuß und Abschiedsgruß, und ich jage ihm nach und hänge mich ihm an wie ein Kind, umfasse und küsse seine Füße und halte den Saum seines Gewandes und zapple und rufe: „Verlaß mich nicht!" Da erschienst du mir plötzlich, du, meine Göttin und Königin meiner Seele, und stehst jetzt vor mir in deiner ganzen Herrlichkeit auf dfcr Erde, den Zepter des Glücks in deiner Linken, das Diadem der Gnade auf deiner Stirn. Und kaum hab' ich dich erblickt, da krochen plötzlich heraus alle meine verschlossenen Wünsche, wie geknickte Nattern aus ihren Löchern, mit der Hälfte ihrer Leiber, und sie winden sich zitternd, hungrig und durstend zu dir, zu dir, und in ihren Augen lodert eine fremdartige Flamme, die Flamme der Empörung . . . Und sieh, alle Räume meines Himmels voll goldener und silberner Sterne will ich dir geben für eine Hand voll von Liebe, für eine Berührung mit der Spitze deines Zepters. Was hab? ich noch und wen habe ich im Himmel, da du ihn um meinetwillen verlassen, da deine Glorie von ihm gewichen? Denn oben sind die Säulen des Himmels ins Schwanken gekommen, es ist zerstört der Tempel Gottes und zerbrochen sein Thron, und das Tor Gottes ist zu Schutt geworden. (Schluß folgt.)